Amnesty Journal Nepal 19. Juli 2010

Viele Anklagen, noch kein Urteil

Devi Sunuwar mit einem Foto ihrer Tochter Maina

Devi Sunuwar mit einem Foto ihrer Tochter Maina

In Nepal kämpfen die Angehörigen von Entführten und Ermordeten um Gerechtigkeit.

Von Nina Ritter

Im Bürgerkrieg zwischen der nepalesischen Armee und maoistischen Rebellen von 1996 bis 2006 verschleppten, folterten und töteten Soldaten wie Maoisten Tausende Zivilisten. Bis heute ist das Schicksal von 1.300 »Verschwundenen« ungeklärt. Nach dem Friedensabkommen im Jahr 2006 hofften viele Angehörige auf Aufklärung und Verurteilung der Täter. Aber das Militär und die ehemaligen Rebellen schützen die Täter in ihren Reihen. Die Polizei weigert sich häufig, Anzeigen aufzunehmen, und die eigentlich zuständigen Behörden vertrösten immer wieder auf die Wahrheits- und Versöhnungskommission. Wann diese ihre Arbeit aufnehmen wird, ist jedoch unklar, denn der Gesetzentwurf zur Einrichtung der Kommission wurde vom Parlament immer noch nicht verabschiedet. Die Angehörigen der Opfer des Bürgerkriegs in Nepal wollen sich nicht weiter vertrösten lassen. Einige von ihnen stellen wir im folgenden vor.

Gita Rasaili, Kesav Khanal, Sabitri Khabka, Bhagwati Gautam: Wir sind nicht allein

Etwa 25 junge Nepalis sitzen im Halbkreis im Konferenzraum ­eines Hotels in Kathmandu. Es sind Mitglieder von Amnesty-­Jugendgruppen aus dem ganzen Land. Sie haben Angehörige von Opfern eingeladen, um von ihren Erfahrungen zu lernen und sie bei ihrem Kampf gegen die Straflosigkeit zu unterstützen. Eine von ihnen ist Gita Rasaili. Die 21-Jährige steht auf und erzählt von ihrer Schwester Rina. Im Februar 2004 kamen Soldaten in ihr Elternhaus und nahmen sie mit. Sie vergewaltigten die 17-Jährige und knüpften sie an einem Baum auf. Gita glaubt, dass die Soldaten eigentlich sie suchten, denn sie hatte sich damals den Rebellen angeschlossen. Ihre Eltern sind seitdem traumatisiert und müssen Medikamente nehmen. Gita fühlt sich schuldig und kämpft um Gerechtigkeit für ihre Schwester.

Doch bisher weigern sich die Polizei und das Distriktgericht, den Fall aufzunehmen. »Sie haben gesagt: Ihr könnt machen, was ihr wollt, wir werden euch nicht helfen«, erzählt Gita. Wie Sabitri Khabka, deren Vater von Maoisten umgebracht wurde, und Kesav Khanal, dessen Vater die Armee festnahm und tötete, hat sie sich einer der Angehörigenorganisationen angeschlossen, die nach dem Friedensschluss entstanden sind. Dort kämpfen Angehörige von Opfern der Armee und der Maoisten gemeinsam für Aufklärung, Entschädigung und die Verurteilung der Täter. Sie sind überzeugt davon, dass ihre Organisationen, die inzwischen in fast allen 75 Distrikten Nepals vertreten sind, andere Angehörige besser erreichen als Nichtregierungsorganisationen, die von außen kommen. »Sie vertrauen uns, denn wir sprechen über unsere eigenen Erfahrungen. Deshalb sind sie eher bereit, auch ihre Geschichte zu erzählen.«

Aber wie können sie den Rest der Gesellschaft erreichen? Wie klar machen, dass Nepal nicht wie andere Länder nach Bürgerkriegen, die Verbrechen nicht verschweigen und die Täter frei herumlaufen lassen darf? Die 23-jährige Bhagwati Gautam setzt auf Straßentheater. Ihre Gruppe spielt typische Fälle nach, um über die Menschenrechtsverbrechen während des Bürgerkriegs aufzuklären. Ihr Bruder wurde von Soldaten entführt, weil er angeblich den Maoisten geholfen hatte. Der angehende Arzt hatte einige ihrer Kämpfer im Krankenhaus behandelt. Das Wissen, nicht allein zu sein, gibt Bhagwati Kraft. Sie zeigt ihrer Mutter immer wieder Videos aus dem Sudan oder Osttimor. »Es gibt noch andere Opfer wie uns und manche haben noch mehr gelitten«, sagt sie ihr und sich selbst zum Trost.

Devi Sunuwar: Tante, Mutter und Vorbild

Auch Gita Rasailis Tante ist aktiv im Kampf gegen die Straflosigkeit. Bereits während des Bürgerkriegs hatte Devi Sunuwar öffentlich die Vergewaltigung und Ermordung ihrer Nichte Rina Rasaili angeklagt. Sunuwar ist überzeugt davon, dass die Soldaten sich für diese Anklage rächten. Sie kamen zu ihr, doch da sie nicht zu Hause war, nahmen sie stattdessen ihre 15-jährige Tochter Maina mit, quälten sie mit Elektroschocks und hielten ihren Kopf unter Wasser. Das Mädchen starb an den Folgen. Ein Militärgericht machte später Mainas »physische Schwäche« dafür verantwortlich, dass sie diese Behandlung nicht überlebte.

Der Fall Maina Sunuwar wurde zum Symbol für die Unfähigkeit der nepalesischen Polizei, Politiker und Gerichte, Menschenrechtsverbrechen zu verfolgen. Und ihre Mutter Devi wurde zum Symbol für den hartnäckigen Kampf einer Angehörigen, der Schritt für Schritt doch zu Erfolgen bei der Strafverfolgung führen kann. Nach drei Jahren und viel öffentlichem Druck erreichte Devi Sunuwar beim Obersten Gericht den Beschluss, dass der Fall vor einem zivilen Gericht verhandelt werden müsse. Im Januar 2008 erhob die Staatsanwaltschaft schließlich eine Mordanklage gegen vier Soldaten.

Doch für die Verurteilung der Mörder ihrer Tochter muss Devi immer noch kämpfen. Ihr Blick sagt, dass sie nicht aufgeben wird. Immer wieder kommen NGOs und Journalisten, um sie zu interviewen. Wenn ihr die vielen Fragen auch manchmal Tränen in die Augen treiben, so wischt sie diese mit der Stola ihres pinkfarbenen Salwar-Kameez-Anzugs ab und erzählt mit fester Stimme weiter.

Einer der beschuldigten Soldaten ging statt ins Gefängnis auf eine UNO-Friedensmission. Erst nach einem Appell des UN-Generalsekretärs Ban Ki-Moon holte ihn die Militärführung zurück. Devi Sunuwar und alle, die sich in Nepal für die Aufarbeitung der Menschenrechtsverbrechen einsetzen, hofften, endlich würde ein Täter vor Gericht gestellt. Doch noch auf dem Rollfeld des Flughafens nahm die Armee den Major in Schutzgewahrsam, statt ihn der Polizei zu übergeben. Devi schrieb einen verzweifelten Brief an den Premierminister, appellierte an die Verteidigungsministerin, sich als Mutter und Witwe, wie sie selbst, in sie hineinzuversetzen. Der Premier ordnete die Auslieferung des Majors an; das Verteidigungsministerium und die Armee ignorieren jedoch bis heute die Anordnung.

Parshuram Koirala: Kathmandu ist zu weit

»Ich weiß, wo die Entführer meiner Frau sind«, sagt Parshuram Koirala. Einer ist nach Kathmandu gezogen, die anderen leben in einem der Übergangslager für die maoistischen Kämpfer. Vor sieben Jahren entführten Maoisten die Bäuerin Goma Koirala. Sie warfen ihr vor, der Armee Informationen gegeben zu haben. Zwei Wochen später erhielt ihr Mann die Nachricht, sie sei tot.

Weil weder die Polizei, noch das Distriktgericht seinen Fall bearbeiten, setzt der kleine hagere Mann auf die Medien. So oft wie möglich spricht er mit lokalen Zeitungen, Fernseh- und Radiostationen, sogar die BBC war schon bei ihm zu Hause. Darauf ist er ein bisschen stolz. Anhänger der Maoisten drohten, ihn umzubringen. »Das können sie tun, so wie sie es mit meiner Frau getan haben, aber ich will Gerechtigkeit für sie«, sagt Parshuram Koirala.

Der 40-Jährige hat vier Kinder. Die jüngste Tochter war gerade sechs, als die Mutter verschwand. Sie verstand nicht, was geschah, und fragte immer wieder, wann sie denn zurückkomme. »Sie wacht immer noch manchmal nachts auf und ruft: Mama!«, erzählt Koirala. Er bat verschiedene politische Parteien um Hilfe, auch die Partei der Maoisten, und ging zu all den NGOs in Kathmandu, die Fälle wie seinen verfolgen.

Immer wieder, wenn sie Konferenzen und Kampagnen organisieren, nimmt er teil und spricht über seine Erfahrungen. »Wenn die neue Verfassung geschrieben und die Gesetze in Kraft sind, dann kann es vielleicht Gerechtigkeit geben«, sagt er, glaubt selbst aber nicht mehr so recht daran: »Für einen einzelnen wie mich ist es schwierig.« Vielleicht sollte er sich einer der Opferorganisationen anschließen? Doch in seinem Distrikt gibt es bisher keine, und Kathmandu ist zwar nur zwei Busstunden entfernt, aber für einen Bauern wie ihn, der seine Felder bestellen muss, um seine Kinder zu ernähren, ist das weit.

Purnimaya Lama: Er war ein guter Mann

Arjun Lama war Royalist und wurde so zum Feind für die Mao­isten. Eines Morgens im April 2005 kamen sie in sein Haus und nahmen ihn ohne jeden weiteren Kommentar mit. Zeugen ­sahen, wie er in einem Schaulauf durch angrenzende Dörfer ­geführt wurde, aber was dann passierte, ist unklar.

Seitdem sucht seine Frau Purnimaya nach ihm. Die Ungewissheit nagt an ihr. Sie ist 46, wirkt aber sehr viel älter. Sie ist eine einfache, stille Frau. Über Politik weiß sie nicht viel.

Die Familie musste ihr Haus verlassen, denn die Maoisten drohten, sie andernfalls alle umzubringen. Seitdem lebt sie mit ihren vier Töchtern und zwei Söhnen in einem Mietshaus in der Altstadt von Kathmandu. Die Entführer spielten mit Purnimayas Angst und Hoffnung. Sie verlangten Geld. Zuerst behaupteten sie, ihr Mann sei krank und sie solle die Behandlung bezahlen, später sagten sie, sie müssten einflussreiche Leute bestechen, um ihn zu finden.

Sie ging zu Prachanda, dem Anführer der Maoisten, als dieser Premierminister geworden war. Er versprach, sich des Falls anzunehmen, doch hörte sie danach nie wieder etwas von ihm. »Ich will, dass man mir sagt, was mit meinem Mann passiert ist«, fordert sie. »Warum ist er entführt worden? Lebt er oder ist er tot?«

Die Polizei weigerte sich, ihre Anzeige aufzunehmen. »Zu wenig Beweise«, hieß es. Die Polizisten befürchteten offenbar, selbst zur Zielscheibe der Maoisten zu werden. Immer wieder war Purnimaya Lama dort, unterstützt von Anwälten des »Advocacy Forums«, einer nepalesischen NGO, die sich für ein Ende der Straflosigkeit einsetzt und Angehörige bei ihrem Gang durch die Institutionen begleitet. Immerhin, vor zwei Jahren ­erreichte sie durch eine Verfügung des Obersten Gerichts, dass die Polizei ihres Distrikts eine Morduntersuchung gegen sechs Beschuldigte eröffnete. Doch seitdem ist nichts mehr passiert.

»Eigentlich habe ich keine Hoffnung mehr, Gerechtigkeit zu finden, aber ich werde keine Ruhe geben bis zu meinem letzten Atemzug«, sagt Purnimaya und zupft an ihrem türkisfarbenen Hauskleid. Sie holt ein Foto von ihrem Mann aus dem Schlafzimmer: Es zeigt einen kräftigen Mann mit kurzen Haaren, Motorradjacke und Sonnenbrille. »Er war ein guter Mann«, sagt sie, »egal welche Probleme er selbst hatte, er hat sich immer auch um andere gekümmert.« Manchmal sieht sie ihn im Traum. Dann fragt er, ob es der Familie gut gehe, und steckt ihr etwas Geld zu.

Die Autorin ist freie Journalistin und berichtet aus verschiedenen ­asiatischen Ländern.

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