Aufwachsen mit dem Tod
Blick über Ciudad Juárez, Mexiko.
© Eros Hoagland/Redux/laif
Im mexikanischen Ciudad Juárez ist die Mordrate höher als in jeder anderen Stadt der Welt. Die Opfer und Täter im Drogenkrieg sind vor allem Jugendliche. Der Rapper MC Chave und das Projekt "Casa Promoción Juvenil" suchen Wege aus der Spirale der Gewalt.
Von Knut Henkel
Kleine Gitarren, Comicfiguren und Fernseher prangen an der grauen Betonwand des Kindergartens von El Noveno. "Morgens sind hier die Kleinen unterwegs, nachmittags bin ich hier und versuche etwas mit den Jugendlichen aus dem Stadtviertel auf die Beine zu stellen", erklärt Gustavo Salas. Der 22-Jährige ist Dichter, Rapper und seit kurzem auch Sozialarbeiter. Er hat mit den Jugendlichen Schablonen gebastelt und die triste Wand besprüht. Tischfußball, Rap, Reimen oder einfach nur ein offenes Ohr kann Salas bieten und das ist mehr als die meisten Jugendlichen in El Noveno gewohnt sind.
In dem von einfachen einstöckigen Backsteinbauten geprägten Stadtteil leben vor allem Zugewanderte. Wegen der Jobs in den Weltmarktfabriken, Maquiladoras genannt, sind sie in die Wüstenstadt an der Grenze zum reichen Nachbarn USA im Norden gekommen. Am Nachmittag röhren die ausrangierten US-Busse mit dem Hinweisschild "Transporte de Personal" durch Stadtviertel wie El Noveno, um die erschöpften Menschen nach der Arbeit vor ihrer Haustür abzusetzen.
Alltag in Ciudad Juárez, wo vor allem Autoteile für die US-Industrie produziert und Unterhaltungselektronik wie Fernseher montiert werden. Die Jobs sind schlecht bezahlt, aber auf dem Land, wo die meisten herkommen, gibt es gar keine bezahlte Arbeit. Meistens arbeiten beide Elternteile, erzählt Salas.
Die Kinder aus den Stadtvierteln El Noveno und Hernán 13 kennen den stämmigen jungen Mann im Kapuzenpullover als MC Chave, was auf Deutsch nichts anderes als MC Junge bedeutet. Allein und gemeinsam mit den Kollegen von "Filos Clandestinos", seiner Rap-Formation, singt er über die triste Realität in den Barrios, den Stadtteilen, von Ciudad Juárez. Im rhythmischen Sprechgesang warnen sie vor dem schnellen Geld, das die Straßengangs versprechen, und dem schnellen Tod, der dem droht, der in eine der Banden einsteigt.
Banden gibt es nahezu in jedem Viertel der 1,5 Millionenstadt, die nur durch den Grenzfluss, den Rio Grande, von El Paso, der Zwillingsstadt in den USA, getrennt ist. Über Ciudad Juárez wird ein Großteil des Drogenschmuggels in die USA abgewickelt, als Brückenkopf ist die Stadt unter den mexikanischen Kartellen umkämpft.
Zu denen gehören die Banden in den Stadtvierteln, die Kokain, Heroin und synthetische Drogen an die Kundschaft bringen und sich gegenseitig bekämpfen. "Sie rekrutieren ihren Nachwuchs in den Schulen der einfachen Stadtbezirke, wo es kaum Angebote für Jugendliche gibt", sagt MC Chave. Über 2.600 Mordopfer wurden im letzten Jahr in Ciudad Juárez registriert. "Viele davon waren jung, oft jünger
als ich selbst", erklärt der Rapper.
Es ist etwa 16 Uhr, die letzten vier Halbwüchsigen haben gerade den Tisch-Kicker verlassen. Salas schließt das stabile Metalltor zum Kindergarten von El Noveno ab und geht nach Hause. Er ist im Viertel aufgewachsen und wohnt immer noch gleich um die Ecke im Haus seiner Oma. Ein paar Straßenecken weiter befindet sich die "Casa Promoción Juvenil" – das einzige Jugendzentrum weit und breit. Die Leute der Casa betreiben auch den Kindergarten, in dem MC Chave seit Dezember vergangenen Jahres arbeitet. Ehrensache für den Rap-Poeten.
Zwei seiner Verwandten wurden exekutiert, weil sie ihre Finger "im Geschäft" hatten. Drogenschmuggel und -verkauf ist gemeint, wenn von "dem Geschäft" die Rede ist in Ciudad Juárez. Dort landen viele Jugendliche, da es kaum andere Perspektiven für sie gibt. Ihre Aussichten haben sich jüngst sogar noch verschlechtert, denn die Finanzkrise in den USA hat auch Mexikos Wirtschaft schwer getroffen.
Besonders Grenzstädte wie Ciudad Juárez oder Tijuana, die als verlängerte Werkbank der USA gelten, sind stark betroffen. "Mindestens 80.000 Jobs hat die US-Krise allein in den Fabriken von Ciudad Juárez vernichtet, annähernd die gleiche Menge im Einzelhandel, in der Gastronomie und im Tourismus", erklärt María Teresa Almada, Pädagogin und Leiterin der "Casa Promoción Juvenil".
Almadas Organisation arbeitet mit mehr als 50 Schulen zusammen, ist Anlaufpunkt für Kinder und Jugendliche und liegt gegenüber von einem der typischen Spielplätze. Ein paar Schaukeln, Rutschen und Wippen für die Kleinen und daneben einen Bolzplatz mit darüber schwebenden Basketballkörben für die Großen hat die Stadtverwaltung montiert. Das Ensemble aus Metall, Beton und Kunststoff ist umgeben von einigen verdorrten Laubbäumen und Agaven. Einige bunte Pinselstriche sollen das Ganze etwas freundlicher aussehen lassen. "Mehr haben die Stadtpolitiker für die Jugend nicht übrig", erklärt Almada. Auch sie lebt nur wenige Blocks vom Jugendzentrum entfernt.
Ihr Kollege Jorge Burciaga wohnt dagegen im Norden der Stadt, wo die Schuldichte höher und die Infrastruktur besser ist. So halten es viele Einwohner der Stadt: Wer es sich leisten kann, zieht in die mit Stacheldraht und Wachmännern gesicherten Wohnanlagen. Wer richtig viel Geld hat, fährt nach Feierabend ins sichere El Paso, auf die andere Seite des Grenzflusses – so angeblich auch der Bürgermeister der Stadt, José Reyes Ferriz. In einem Jahr werden dort so viele Menschen ermordet wie in Ciudad Juárez an einem Tag. 17, 18 Tote sind es manchmal. "Früher war das unvorstellbar – heute wachsen die Kinder mit dem Tod auf", sagt Jorge Burciaga.
Auch Eric ist mit dem Tod aufgewachsen. Der Lockenkopf, dessen Schneidezähne im Oberkiefer mit Gold eingefasst sind, hat Drogen- und Bandenerfahrung. Doch seit mehreren Jahren kommt der 24-Jährige in das Jugendzentrum. Seit 2008 arbeitet er selbst mit Kindern und Halbwüchsigen und studiert Pädagogik an der Universität. "Ohne die Hilfe der Casa wäre das kaum möglich, denn ich musste schon einmal ein Jahr pausieren, weil das Geld nicht reichte", erklärt Eric.
Wie MC Chave greift auch er zum Mikrofon und rappt über Polizeiübergriffe und die Misere in den Barrios. "Rap ist eine der wenigen Möglichkeiten, sich auszudrücken, etwas rauszulassen", erklärt Eric. Für das Zentrum sind die jungen Männer, die den Banden den Rücken gekehrt haben, wichtig, um an die Jugendlichen aus den Banden heranzukommen, erklärt Jorge Burciaga. "Ihr Beispiel zeigt den Halbwüchsigen, dass ein Absprung aus dem Kreislauf der Gewalt möglich ist."
Die "Casa Promoción Juvenil" gibt es seit 1994, aber 2009 wäre beinahe Schluss gewesen. "Es gab keine Finanzierung", sagt Teresa Almada lapidar. Typisch für Mexiko, das in den vergangenen Jahren alle Ressourcen auf den "Krieg gegen die Drogenhandel" konzentrierte, den Präsident Felipe Calderón bei seinem Amtsantritt im Dezember 2006 proklamierte. Dabei setzt die Regierung allein auf das Militär, das – so die Annahme – mit den Kartellen schon fertig werden würde.
Das Gegenteil scheint der Fall, wenn man die Situation in Ciudad Juárez zum Maßstab nimmt. Zwar patrouillieren die martialisch auftretenden Militärs mit dem Maschinengewehr im Anschlag auf ihren Pick-ups nicht nur auf den Hauptstraßen, sondern auch in Stadtvierteln wie Hernán 13 oder El Noveno. Doch sicherer fühlt sich durch den Einsatz der Soldaten kaum jemand. "Wenn man sie braucht, kommen sie in aller Regel zu spät", kritisiert MC Chave. Er ist kein Freund der autoritär auftretenden Ordnungsmacht. "Die Jugendlichen werden immer als potentielle Bedrohung und als Drogenkonsumenten angesehen, eine echte Chance kriegen sie nicht", sagt er.
So werden die Konflikte in der Stadt weiter angeheizt, denen ohnehin zumeist Jugendliche zum Opfer fallen. Achtzig Prozent der Mordopfer sind jünger als 25 Jahre. Willkür von Armee und Polizei sind wiederkehrende Themen in den Reimen von MC Chave oder Mera Clase.
MC Chave und Eric träumen von einem eigenen Studio, um Songs mit den Halbwüchsigen aufzunehmen. "Das ist wie ein Ventil, man muss etwas machen, produktiv werden", erklärt der Rapper, der sich oft auf einen Hügel mit einem riesigen Kreuz in der Nachbarschaft setzt und dort seine Texte schreibt. Manchmal kommt einer der Jugendlichen aus dem Kindergarten "El Noveno" mit, um gemeinsam zu reimen, aber ein kleines Studio – "das wäre es", erklärt MC Chave. Doch dafür reichen die spärlichen Mittel der "Casa Promoción Juvenil" bisher nicht. Deren Arbeit wird nur über nationale Programme unterstützt – auf Landesebene und beim Bürgermeister stehen Jugendprogramme nicht gerade hoch im Kurs.
Der Autor ist freier Journalist und berichtet regelmäßig aus Lateinamerika.
Ein Massaker und seine Folgen
[Ein Massaker und seine Folgen]
Villa de Salvácar ist ein Viertel am Stadtrand von Ciudad Juárez, das Anfang 2010 traurige Berühmtheit erlangte. Ein Killerkommando stürmte am 30. Januar eine Geburtstagsparty und erschoss fünfzehn Jugendliche – versehentlich, wie ein Bandenmitglied einige Tage später zugab. Da hatte Präsident Felipe Calderón die Opfer des Massakers schon als Bandenmitglieder bezeichnet.
"Diese Behauptung hat zu massiven Protesten der Familien und der Zivilbevölkerung in Ciudad Juárez geführt und sie zeigen Wirkung", sagt Leobardo Alvarado. Der Soziologe, der an der Universität von Ciudad Juárez lehrt und zur Jugendproblematik in Ciudad Juárez forscht, gehört dem "Runden Tisch für die Menschenrechte" an. Dieser Zusammenschluss erklärte nach dem Massaker in einem offenen Brief an den Präsidenten: "Wir können Juárez nicht wiederaufbauen, wenn wir weiterhin die Rechte der Bevölkerung missachten."
Der Runde Tisch verlangte unter anderem eine öffentliche Entschuldigung des Bürgers Felipe Calderón bei den Familien der Ermordeten und einen Abzug des Militärs, dem sie mehr als 1.000 Menschenrechtsverletzungen wie "Verschwindenlassen", Folter und Mord vorwerfen.
Entschuldigt hat sich Felipe Calderón inzwischen und Anfang April hat er auch den Abzug der meisten Soldaten angekündigt. Sie sollen durch 5.000 Bundespolizisten ersetzt werden. "Die Regierung hat eingesehen, dass ihre Strategie gegen die organisierte Kriminalität gescheitert ist, aber eine Kehrtwende ist der Abzug in Ciudad Juárez nicht", sagt Alvarado und verweist auf die Präsenz zahlreicher Militärs in zivilen Funktionen. Ein anderer Teil der Truppe soll weiter für die Grenzsicherung und die Überwachung von Verkehrsknotenpunkten zuständig sein.
Statt das Militär einzusetzen, müsse der Staat die strukturellen Ursachen der Gewalt angehen, so Alvarado. "Ohne Perspektiven für die Jugend haben die Kartelle leichtes Spiel bei der Rekrutierung des Nachwuchses. Die Jugendlichen sind sich selbst überlassen, denn öffentliche Angebote gibt es kaum und die Eltern haben wenig Zeit, sich um ihre Kinder zu kümmern, weil das Entwicklungsmodell der Stadt auf der hemmungslosen Ausbeutung der Fabrikarbeiter fußt." Auch hier hat die Zentralregierung nach dem Massaker in Villa de Salvácar versprochen, aktiv zu werden. Konkret zugesagt hat sie bisher allerdings nur den Bau von vier neuen Schulen und die Renovierung einiger öffentlicher Plätze.