Gewalt ist normal, Trinkwasser teuer
In Kenias größtem Slum Kibera leben auf der Fläche eines besseren Golfplatzes eine Million Menschen. Sie sind Armut, Gewalt und Elend hilflos ausgeliefert – der Staat unternimmt wenig, um ihre Rechte zu schützen.
Über der Schwelle zu Christine Nziokis Bar hängt ein Schriftzug in leuchtendem Rot: Willkommen. Doch in die knapp sechs Quadratmeter große Bretterbude kommen schon seit Wochen keine Gäste mehr. Die Bänke, die Nzioki entlang der mit Zeitungsausschnitten beklebten Wände aufgestellt hat, sind ebenso leer wie die Küche, ein mit Maschendraht abgetrennter Bereich, in den sich die 35-Jährige nur mit Mühe zwängen kann. Sie hätte uns gerne einen Tee angeboten, sagt Nzioki und zuckt beschämt mit den Schultern. Tee hat sie nicht mehr, erst Recht keinen Zucker, nicht mal Wasser.
Christine Nzioki ist pleite, nachdem ihr Mann ihr Geld versoffen hat und sie schließlich mit den drei Kindern sitzen ließ. Ihr letztes Kapital ist für das Schulgeld der Kinder im vergangenen Trimester draufgegangen – jetzt ist sie ratlos. So sitzt nun nur sie selbst in ihrer Bar in Maili Saba, einem der geschäftigsten Viertel von Kibera, und erzählt ihre Geschichte. Es ist eine Geschichte, wie sie in Kenias größtem Slum so ähnlich immer wieder zu hören ist.
"Ich bin mit den Kindern nach Nairobi gekommen, um zu arbeiten, das Gehalt meines Mannes reichte nicht mehr aus", erzählt Nzioki. "Erst ging alles gut, aber vor zwei Jahren hat mein Mann seinen Job verloren, und damit nahm das Unheil seinen Lauf." Während Nzioki arbeitete, saß ihr Mann von morgens bis abends vor der Einzimmer-Hütte, die sich die beiden gerade so leisten konnten, und trank billigen Fusel, der in Kibera auf offener Straße gebraut wird. "Abends hat er mich angeschrien. Er hat mich geschlagen und schließlich mit seinen Stiefeln getreten, gegen meinen Kopf, wieder und wieder, bis ich leblos am Boden lag."
Die Kinder, damals zwischen zehn und zwölf Jahre alt, bekamen alles mit: Auf den vier Quadratmetern, die sich die fünfköpfige Familie damals teilte, war kein Platz für Privates. Vielleicht hat Christine Nzioki nur deshalb überlebt, denn ihr ältester Sohn schleppte sie zum fünf Kilometer entfernten Krankenhaus. Weil sie nur halb bei Bewusstsein war, dauerte der Weg bis zum Morgengrauen.
Eine Million Menschen leben in Kibera auf einer Fläche von etwa 220 Hektar, so groß wie der Berliner Tiergarten. Manche sagen, es sind doppelt so viele. Offizielle Zahlen gibt es nicht, weil die Regierung sich nicht um die Bewohner kümmert. Sie werden nur geduldet, illegale Siedler, die man am liebsten los wäre, weil sie ein Schandfleck sind für das Image der "grünen Stadt unter der Sonne", wie sich Nairobi in der Tourismuswerbung gerne nennt.
Rechts und links des Bahndamms, der als einzig unbebaute Fläche die Hauptverkehrsader für Kiberas Fußgänger ist, erstreckt sich ein Meer aus Hütten und Häusern, die meist aus Lehm gebaut und mit einem Dach aus Wellblech bedeckt sind. Die meisten Bewohner können sich nicht mehr leisten als ein Zimmer, wie es Nzioki früher mit ihrem Mann und den Kindern bewohnt hat: vier Quadratmeter ohne Fenster, manchmal teilt ein Vorhang den Raum in zwei Hälften, damit die Eltern sich wenigstens im Bett ein bisschen Privatsphäre vorgaukeln können.
In Wirklichkeit bekommen die Kinder von klein auf alles mit. Wo es Latrinen gibt, teilen sich Dutzende Familien das Plumpsklo. Das Abwasser läuft in einen der stinkenden Bäche, die Kibera durchziehen, oft in offenen Rinnen oder sogar durch die Höfe der Hütten. Wo es keine Latrinen gibt, entleeren sich die Därme in Plastiktüten, die im Schutz der Nacht an den nächsten Abhang geworfen werden – "fliegende Toiletten" werden sie genannt. Dass Nzioki in den zehn Jahren, die sie in Kibera lebt, nie fließend Wasser oder Strom im Haus hatte, versteht sich da fast von selbst.
Die Wunden versorgen
"Die meisten Gewaltopfer, die Hilfe bei uns suchen, kommen aus Kibera", erklärt die Psychotherapeutin Miriam Kuria, die damals auch Christine Nzioki in Empfang nahm. Gemeinsam mit sechs Kolleginnen versucht sie im "Gender Violence Recovery Centre" (GVRC), einem Behandlungszentrum für Opfer von familiärer und sexueller Gewalt, die seelischen Wunden der Opfer zu versorgen. Meistens alarmiert Kuria jedoch zuerst die Ärzte im angeschlossenen privaten Frauenhospital: Nziokis Kopfwunde etwa musste genäht werden, die dreifache Mutter lag mehrere Tage kaum ansprechbar im Krankenhaus. Für die Gewaltopfer ist die Behandlung hier, anders als in den staatlichen Gesundheitsstationen, kostenlos. Das gleiche gilt für die anschließende Beratung und Therapie, die dennoch viel zu selten angenommen wird, so Kuria.
"Gerade bei familiärer Gewalt ist es so: Die Frauen kommen und werden ärztlich versorgt, dann gehen sie nach Hause, und nach ein paar Wochen stehen sie mit neuen Verletzungen in der Tür." Ein Grund, sagt die Therapeutin, sei die Abhängigkeit der meisten Frauen von ihrem Ehemann. "Die wenigsten Frauen in Kibera arbeiten, und wenn sie nicht zu ihrem Mann zurückkehren, dann stellen sich sofort die Fragen: Wohin gehe ich? Was esse ich? Was ist mit den Kindern?" Dazu kommt, dass viele Opfer, die in Kibera aufgewachsen sind, Gewalt als Teil der Normalität betrachten. "Als Mädchen haben die Opfer hautnah miterlebt, wie der Vater die Mutter misshandelt hat, und dass ihr Mann das gleiche tut, erscheint ihnen nicht als Unrecht."
In Kibera werden viele Mädchen oft noch minderjährig verheiratet. In den schlammigen Gassen im Zentrum von Kenias Hauptstadt geht es mitunter rückständiger zu als in den entlegensten Dörfern. Vielen entwurzelten Slumbewohnern geben die Rituale und Traditionen Halt in Kiberas fremder Welt. Dass das Bildungsniveau niedrig ist, weil kaum ein Kind in die wenigen, überfüllten und im Zweifel zu teuren Schulen geht, sorgt zusätzlich dafür, dass sich die Slumbewohnerinnen und -bewohner selbst ihrer grundlegendsten Rechte nicht bewusst sind.
Die Polizisten haben Angst, Kibera zu betreten
Frauen und Kinder leiden darunter am meisten, glaubt Robin Masinde, der das GVRC leitet. Fälle wie der von Nzioki seien noch die harmlosen. "Wir haben hier Frauen behandelt, denen die Hände mit Macheten abgeschlagen wurden oder deren Schädel aufgebrochen wurde." Gut 14.000 Opfer sind seit der Gründung des Zentrums vor neun Jahren aufgenommen worden, das Konzept ist erfolgreich, der Bedarf groß. Gerade hat ein neues Krankenhaus, das näher an Kibera liegt als das alte, seine Tore geöffnet.
Mehr Nähe geht nicht, sagt Masinde: Eine vor zwei Jahren eröffnete Zweigstelle mitten in Kibera musste schließen, weil praktisch niemand kam. "Kibera ist wie eine Kleinstadt, jeder sieht alles, und alles spricht sich herum – die Frauen hatten Angst, ihr Mann könnte von ihrem Besuch im Krankenhaus erfahren und sie bestrafen." Zwar sind die Ärzte an die Schweigepflicht gebunden und wenden sich nur auf Wunsch der Patienten an die Polizei – doch viele Täter glauben das nicht.
Der Sozialwissenschaftler Masinde, der lange in Kibera Feldforschung betrieben hat, spricht vom Stress in der engen Siedlung, in der jeder auf sich selbst gestellt ist und der Staat nicht existiert. "Die Kriminalität blüht, weil die Polizei in Kibera nicht eingreift – offiziell begründet sie das damit, dass es keine Zufahrtsstraßen gibt, aber tatsächlich haben die Beamten Angst vor den Gangs, die den Slum kontrollieren." Und diese Angst, sagt Masinde, existiert zu Recht.
"Wir behandeln eine steigende Zahl von Männern, die Opfer von Massenvergewaltigungen geworden sind, und fast immer geschieht das im Zusammenhang mit Racheaktionen oder brutalen Überfällen und Entführungen." Der weit verbreitete Drogenkonsum, der die mafiösen Banden finanziert und zugleich die Hemmschwelle für Gewalt senkt, sei ebenfalls ein Grund für die steigende Zahl der Opfer. Meistens sei es aber die Nähe, die die Taten begünstigt. "Es ist etwa für einen Nachbarn sehr einfach, sich ein Kind aus der Nachbarhütte zu schnappen, um es zu vergewaltigen."
Fast jedes zweite im GVRC behandelte Opfer ist minderjährig. Ein Vater brachte seine achtjährige Tochter binnen eines Monats drei Mal zur Behandlung ins Krankenhaus. Es war immer derselbe Nachbar, der das Kind brutal missbrauchte. Als der Vater zur Polizei ging, glaubte man ihm nicht und schickte ihn nach Hause. "Viele Väter sind selbst die Täter, sie vergewaltigen ihre eigenen Babys", berichtet Masinde. Immer wieder müssen misshandelte Jungen und Mädchen im Kindergartenalter komplizierten Not-OPs unterzogen werden. Nicht alle überleben.
Masinde ist anzusehen, wie sehr ihn diese Schicksale berühren. Doch als Koordinator stellen ihn solche Fälle auch vor ganz nüchterne Probleme. Die immensen Ausgaben für Operationen stürzen das Zentrum, das von Spendengeldern kenianischer Unternehmen und ausländischer Geber, darunter Amnesty, lebt, immer wieder in finanzielle Krisen. Zuschüsse vom Staat gibt es nicht für die Gewaltopfer von Kibera, die unerwünschten Bürger zweiter Klasse.
Ein Wochenlohn für vier Quadratmeter
Wer in Nairobis Villenvierteln lebt, bekommt von der Realität in den Elendsvierteln nichts mit. Bei der Stadtgründung vor rund hundert Jahren installierte die britische Kolonialregierung ein Apartheidsystem, das bis heute fortwirkt. Für Weiße und Inder wurden Wohngebiete auf Nairobis grünen Hügeln ausgewiesen, für die schwarze Bevölkerung blieben nur die engen, sumpfigen Täler, in denen mit den Jahren Slums wie Kibera entstanden. Seit der Unabhängigkeit hat sich nur eines geändert: Über den Wohnort entscheidet heute der Reichtum, nicht die Hautfarbe. Wer arm ist, und das sind die meisten, ist dazu verdammt, in den Slums zu bleiben – und muss teuer dafür bezahlen.
"Die durchschnittliche Monatsmiete für ein kleines Zimmer hier beträgt 700 bis 1.000 Schillinge", sagt Robert Anzeze, der für die Selbsthilfegruppe CREAW arbeitet, die Slumbewohner in Gerichtsverfahren unterstützt. Umgerechnet sind das sieben bis zehn Euro. "Das ist für die meisten ein volles Wochengehalt, und außer einem Dach über den Kopf bekommen sie nichts dafür." Viele Ausländer, sagt Anzeze, glaubten wohl bis heute, dass Slumbewohner sich aufs Geratewohl ihr eigenes Häuschen bauen könnten, in dem sie dann kostenlos leben. "In Wirklichkeit geht es im Slum um Millionen."
Die scheidende Chefin des Siedlungsprogramms der UNO, Anna Tibaijuka, hat vorgerechnet, dass ein Investor, der in Nairobi eine Villa baut, nach 15 Jahren sein eingesetztes Geld zurück hat und Gewinn erwirtschaftet. "Wer im Slum ein paar Wände hochzieht, der erwirtschaftet nach 15 Monaten Gewinn, und muss nie mehr investieren – es gibt ja schlicht nichts, was man renovieren könnte." Es sind vor allem die Villenbewohner, in deren Taschen die Gewinne aus den Slums fließen. Viele von ihnen, das weiß in Nairobi jeder, sind Politiker. Anzeze zuckt mit den Schultern. "Kein Wunder, dass es keine ernsthaften Versuche gibt, die Lage in den Slums zu verbessern. Wer will schon das Huhn töten, das goldene Eier legt?"
Beten für die Kinder
Man sollte meinen, dass es niemand lange aushält in Kibera, wo Armut, Gewalt und Elend den Alltag bestimmen. Doch für Fatima (Name geändert) ist Kibera nicht nur Geburtsort und Heimat, sondern unentrinnbares Schicksal. Mit 15 wurde sie schwanger, der Vater des Kindes ließ sie sitzen. Ein Jahr später tauchte er dann wie aus dem Nichts auf und entführte seine Tochter nach Uganda. Acht Jahre lang weinte Fatima um ihr Kind und versuchte, das Mädchen aufzuspüren – vergebens, bis die beiden vor kurzem wieder in Kibera landeten. "Ich habe meine Tochter einmal gesehen, sie hat geweint und gesagt, ihr Vater behandele sie wie eine Sklavin." Als der Vater von dem Treffen erfuhr, schlug er die Tochter grün und blau. "Wenn wir uns heute auf der Straße sehen, müssen wir so tun, als ob wir uns nicht kennen."
Fatima kann von ihrer Behausung aus auf das Gericht von Kibera schauen. Doch wer hier klagen will, braucht viel Geld, um die Richter zu bestechen. Von hier wegzuziehen, wo sie täglich an den Horror ihres Lebens erinnert wird, kann sie sich nicht vorstellen. "Ich bin wieder verheiratet und habe zwei Kinder, wir können es uns nicht leisten, woanders zu leben." Was der gläubigen Muslimin bleibt, ist das Gebet. Fünfmal täglich betet sie dafür, dass es ihre Kinder eines Tages besser haben.
Von Marc Engelhardt.
Der Autor ist Afrikakorrespondent und lebt in Nairobi.
Infokasten: Auf engstem Raum
Kibera ist der größte Slum Nairobis. Im Durchschnitt wohnen sechs Personen auf zehn Quadratmetern. Während kreuz und quer durch Kibera dicke Rohre sauberes Wasser in die wohlhabenderen Viertel der Hauptstadt leiten, müssen viele Slumbewohner mehrere Kilometer zurücklegen, um Wasser an privaten Wasserstationen zu kaufen. Der Wasserpreis ist dort im Durchschnitt siebenmal höher als der Preis, den die Menschen in reicheren Vierteln bezahlen. Viele müssen deshalb auf das verschmutzte Wasser aus dem Nairobi River zurückgreifen. In Kibera und den übrigen vernachlässigten Siedlungen Nairobis leben die Menschen in ständiger Angst: Angst vor Krankheiten durch verschmutztes Wasser.
Angst vor Zwangsräumung und Obdachlosigkeit. Angst vor Gewalt. Amnesty International hat 2009 in einem Bericht die Situation in den Slums von Nairobi dokumentiert und fordert die kenianische Regierung auf, sofort alle rechtswidrigen Zwangsräumungen zu stoppen, Slumbewohner an allen Entscheidungen zu beteiligen, die ihre Lebens- und Wohnsituation betreffen, und in den Programmen zur Aufwertung von Slums ihre Grundversorgung mit sauberem Trinkwasser und sanitären Anlagen zu garantieren.
Mehr Informationen auf www.amnesty.de