Zwischen Morgen- und Abendland
Thomas Lehrs jüngster Roman "September. Fata Morgana" formuliert auf sehr poetische Weise die Trauer zweier Väter, die ihre Töchter bei einem Attentat in Bagdad und dem Anschlag auf das World Trade Center in New York verlieren.
Von Ines Kappert
Die "nackten Menschenpyramiden / von Abu Ghraib / werden sich ins Mark der sogenannten freien Welt graben wie das Emblem der brennenden Türme", denkt Tarik. "Wer wagt es die Frage zu beantworten / ob der Sturz des Präsidenten zehn- oder hunderttausend Menschenleben wert war."
Tarik ist Arzt und lebt in Bagdad. Er ist ein entschiedener Kritiker Saddam Husseins und kehrte doch aus Paris zurück, um in seiner Heimat zu praktizieren. Er wird seine Tochter und seine Frau bei einem Terroranschlag nach dem Einmarsch der Amerikaner verlieren. Sein westliches Pendant im Roman heißt Martin. Auch er ist Akademiker, lebt und arbeitet in einer Welt, die sich bis 2001 noch für unverwundbar hielt. Martin ist Germanistikprofessor an der University of Massachusetts. Auch seine Tochter wird sterben – gemeinsam mit seiner Ex-Frau am 11. September im World Trade Center. Die beiden Männer, die um die fünfzig Jahre alt sind, werden sich nur einmal zufällig in Paris als Touristen begegnen – und doch sind ihre Lebensgeschichten miteinander verwoben.
In "September. Fata Morgana", dem jüngsten Roman von Thomas Lehr, geht es aber nicht allein um Verlust, sondern genau so sehr um Liebe und Verliebtsein, zumal die Liebe zwischen Vätern und Töchtern. Die Unsicherheit der Männer, deren Töchter an Alter und Eigenwilligkeit gewinnen, beschreibt Lehr mit großer Vorsicht und Zärtlichkeit. Und so mischen sich knallharte Politik und grausame Ereignisse mit fragilen Einsichten und Begegnungen von Menschen, deren Verhältnis ambivalent bleibt. Sie haben, ebenso wie Okzident und Orient, viele Verbindungen, doch die Mehrzahl datiert von früher. Inzwischen entfernen sich die Lebenswege der Väter und Töchter zunehmend.
Innere Monologe lösen einander ab, Satzzeichen gibt es nicht, die Assoziationen sollen unbehelligt von jeder Interpunktion strömen – Lehr mischt Lyrik und Prosa und unternimmt damit den Versuch, die im Orient einerseits und im Westen andererseits dominierenden Textgenres miteinander in Dialog zu bringen. Das Ergebnis ist eine Art Prosagedicht. Lehr schreibt sich damit in eine Tradition ein, die berühmte arabische Schriftsteller der Gegenwart wie Rashid al-Daif und Mahmud Darwisch in den achtziger Jahren begonnen haben. Auch das ist eine Grenzüberschreitung.
Die Botschaft des Schriftstellers könnte dabei lauten: Mithilfe von (Sprach)Kunst ist es möglich, Kulturgrenzen zu überschreiten, in anderen Worten dialogfähig zu werden, ohne dabei Differenzen zu leugnen. Die internationale Politik indessen unterwirft die Menschen einem nationalistischen, profitorientierten Denken und / oder religiösem Fanatismus. Dieser basiert auf Grenzziehungen und dem Verbot der Synthese. Und so steht am Ende dieses Romans folgender Wappenspruch: "Es gibt keinen Sieger außer Gott." Diese Lakonie ist kaum zu übertreffen.
Thomas Lehr: September. Fata Morgana. Hanser Verlag, München 2010, 480 Seiten, 24,90 Euro