Amnesty Journal Ägypten 07. Januar 2011

Tödliche Grenze

An der ägyptisch-israelischen Grenze kommen zahlreiche afrikanische Flüchtlinge ums Leben. Die Wachen haben Schießbefehl – und kennen offenbar keine Gnade.

Von Robin Hammond

Erst schießen, dann fragen - Ägyptische Grenzposten schießen an der Grenze zu Israel auf afrikanische Flüchtlinge, die versuchen, nach Israel zu gelangen. Oft wurden die Männer, Frauen und Kinder, die aus afrikanischen Krisengebieten wie dem Südsudan stammen, nach einer beschwerlichen Odyssee von Schleppern einfach an der Grenze abgesetzt. Die ägyptischen Posten haben Schießbefehl – sie kennen keine Gnade und feuern offenbar auf die Flüchtlinge ohne Vorwarnung.

Amnesty International hat im vergangenen Jahr insgesamt 19 Todesschüsse auf Flüchtlinge an der ägyptisch-israelischen Grenze registriert. Seit 2007 sind nach Angaben von Human Rights Watch 85 Fälle bekannt, die tatsächliche Zahl der Getöteten dürfte aber weitaus höher liegen. Keines der Opfer war bewaffnet.
Die ägyptischen Behörden streiten die Schüsse auf afrikanische Flüchtlinge, die die Grenze überqueren wollen, nicht ab. Sie verweisen darauf, dass man die Flüchtlinge als Schmuggler betrachte und die Sicherheitskräfte deshalb ohne Vorwarnung schießen dürften.

Bereits im Früjahr hatte Navi Pillay, UNO-Hochkommissarin für Menschenrechte, die ägyptische Regierung dringend dazu aufgefordert, das Vorgehen ihrer Sicherheitskräfte zu untersuchen. "Ich kenne kein anderes Land", erklärte Pillay, "in dem so viele unbewaffnete Flüchtlinge und Asylsuchende anscheinend absichtlich von Regierungskräften getötet werden."

"Die ägyptischen Grenzposten scheinen in vielen Fällen erst zu schießen und dann zu fragen", sagte auch die Direktorin der britischen Amnesty-Sektion, Kate Allen, Ende Oktober. Der Menschenrechtsskandal wird noch ­dadurch verschlimmert, dass es nach Kenntnissen von Amnesty bislang keine einzige offizielle Untersuchung der tödlichen Zwischenfälle an der Grenze gegeben hat.

In Israel angekommen, ist der Leidensweg der afrikanischen Flüchtlinge jedoch keineswegs vorbei. Schätzungsweise 17.500 Flüchtlinge kamen in den vergangenen drei Jahren über Ägypten nach Israel. Viele von ihnen landeten in israelischen Gefängnissen. Nach Angaben von Sigal Rozen von der NGO "Hotline for Migrant Workers" in Tel Aviv schieben die israelischen Behörden viele Asylsuchende innerhalb von 24 Stunden wieder nach Ägypten ab. Diese so genannten "Blitzabschiebungen" verstoßen gegen internationales Recht.

Auf die steigende Zahl illegaler Grenzübertritte will die israelische Regierung nun mit dem Bau von neuen Überwachungsanlagen reagieren. Es sei "eine strategische Entscheidung, um den jüdischen und demokratischen Charakter Israels zu bewahren", erklärte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu dazu kürzlich. Die israelischen Behörden wollen auf rund der Hälfte der insgesamt 250 Kilometer langen Grenze zu Ägypten Zäune mit Radargeräten installieren. Noch 2010 soll damit begonnen werden. Damit können frühzeitig Flüchtlinge geortet ­werden, die sich der Barriere nähern.

Ismail * ist aus Darfur geflohen, er hat dort zahlreiche Familienmitglieder im Bürgerkrieg verloren. Vor 18 Monaten um 12.30 Uhr mittags versuchten Ismail und fünf andere, die Grenze im Sinai zu überqueren. Ohne Warnung eröffneten die ägyptischen Grenzer das Feuer. Einem der sechs wurde beim Sprung über den ersten Zaun in den Kopf geschossen; Ismail schaffte es zwei Meter weiter, bis er getroffen wurde – in den Bauch und ins Bein. Er stolperte, wurde ohnmächtig. Zehn Minuten später erwachte er. Er bastelte sich aus seinem Hemd einen Verband, um die Blutungen zu stoppen. Er zwang sich aufzustehen und weiterzulaufen, Richtung Israel. Zwei Stunden lang quälte er sich vorwärts, nur darauf konzentriert, einen Schritt vor den nächsten zu setzen. Endlich fanden ihn israelische Soldaten, die ihn in ein Krankenhaus brachten. ­Ismail war zu dieser Zeit 16 Jahre alt.

Jacob * hat seine Frau in Ägypten kennengelernt, auch sie war aus dem Südsudan geflohen. Zwölf Jahre lang bemühte er sich um einen Flüchtlingsstatus und zahlte schließlich 1.200 Dollar an beduinische Schmuggler, um nach Israel zu gelangen. Jacob erzählt: "Es war zehn Uhr abends. Der Beduine sagte, wir sollten nicht anhalten, wenn jemand schießt. Ihr müsst rennen, schnell rennen – nicht stehenbleiben! Ich hatte keine Angst, denn das war nichts Neues für uns." Jacob rannte mit dem jüngsten Kind auf dem Arm, sein Freund Eunice trug das zweite.
Das dritte Kind rannte an der Hand seiner Frau. Die ägyptischen Wachen eröffneten das Feuer. Am ersten Zaun fiel Eunice mit dem Kind zu Boden, weil er ins Bein getroffen wurde. Die anderen rannten weiter, bis auf israelisches Gebiet. "Mein Sohn rief Mama, Mama, sie hörte ihn und ging zurück, um ihn zu holen." Dabei wurden sie gefasst. "Ich weinte, aber was sollte ich tun? Sie sagte zu mir, geh weiter mit der Tochter." Jacob lebt heute in Arad. Freunde in Ägypten sammelten Geld, um seine Frau und die beiden Kinder zurück in den Sudan zu bringen. "Ich weiß nicht, ob das nur für Schwarze gilt: Wir suchen Frieden, aber finden ihn nicht. Ich vermisse meine Familie. Aber ich weiß nicht, ob ich sie wiedersehen werde."

Wie viele andere Sudanesen ist Ezekiel * auf der Flucht vor einem Konflikt, der kein Ende nimmt. Als ihn die Truppen des sudanesischen Präsidenten Bashir holen wollten, damit er gegen ­seine eigenen Leute kämpft, entschied Ezekiel, dass er gehen muss. "Ich will meinen Bruder nicht töten – schwarz zu schwarz", sagt er. Fünf Jahre blieb er in Ägypten. Die Brutalität der ägyptischen Polizei trieb ihn nach Israel. Er ließ seine Frau und sein Baby zurück, weil er dachte, er könne sie später zu sich holen. Das hat er versucht. Sie wurde mit der zweijährigen Tochter an der Grenze festgenommen und 15 Monate im Gefängnis inhaftiert.

Charles * verliebte sich in ein Mädchen von einer verfeindeten ethnischen Gruppe. In Côte d’Ivoire konnten sie nicht zusammensein, also gingen sie fort. Nach ­einer Reise durch den ganzen Kontinent standen sie eines Nachts mit anderen Flüchtlingen vor der ägyptisch-israelischen Grenze. Charles und seine Frau sollten sich als erste an den Wachen vorbeischleichen. Als sie kurz vor dem zweiten Zaun waren, hörten sie Lärm hinter sich: Die Ägypter hatten an den Zäunen Blechdosen angebracht. Es waren die anderen der Gruppe, die folgten. Dem Geklapper der Blechdosen folgte das Geratter der Gewehre. "Es war wie Feuer – Licht und Feuer überall, wie im Krieg. Das Schwirren der Kugeln überall, einige Leute riefen: 'Sie haben mich getroffen!'" Aber Charles war vorn und die Sicherheit des israelischen Zauns war zum Greifen nah. Er drückte den Stacheldraht herunter, um seine Frau durchzulassen, als sie fiel. "Ich nahm sie hoch und es war ­alles voller Blut, Blut, Blut. Ich rief ihren Namen: nichts. Das Blut floss, mein ganzer Körper war ­voller Blut." Er trug sie über den letzten Zaun zu den israelischen Soldaten. Er sah sie nie wieder.

Yossi * hat vor etwa einem Jahr einen Teil seiner Wehrdienstzeit an der israelisch-ägyptischen Grenze verbracht. "Die Ägypter geben keine Warnschüsse ab. Wenn sie jemanden über die Grenze gehen sehen, schießen sie. Die Gegend scheint ­außer Kontrolle zu sein. Man geht dort hin und hat keine Ahnung, was los ist. Ägypter schießen, überall rennen Flüchtlinge aus Darfur herum und man wartet eigentlich auf Terroristen aus Gaza – es ist verrückt. Als wir in der West Bank kämpften, waren wir zwar mitten in der Zivilbevölkerung, aber wir wussten immerhin, gegen wen wir kämpfen sollten. An der Grenze ist das anders.
Für mich steht fest, dass niemand getötet werden darf, nur weil er auf der Suche nach einem Job ist. Der Staat sollte dafür Verantwortung übernehmen. Wenn alle die Augen davor verschließen, wird das immer so weitergehen. Für Israel ist es schlecht, ­illegale Einwanderer im Land zu haben, aber man hat eine grundsätzliche Verpflichtung gegenüber den Menschenrechten, so etwas nicht zuzulassen. Es scheint aber niemanden zu interessieren. Wenn es einen einzigen Schuss aus Gaza nach Israel gibt, kommt das überall in den Nachrichten. Aber dort können an einem Tag fünf Leute getötet werden, ohne dass es jemand erfährt. Die Nachrichten ­berichten nicht darüber."

Einen Steinwurf von Tel Avivs riesigem Busbahnhof entfernt liegt der Levinsky Park. Er wurde zur Heimat Hunderter afrikanischer Immigranten. Eritreer, Sudanesen, Äthiopier, Westafrikaner – sie alle kamen auf der Suche nach einer besseren Zukunft und fanden stattdessen die Armut in den Straßen von Israels dynamischster Stadt. Sie schlafen auf Pappkartons und ziehen die Schuhe aus, um sie neben ihr "Bett" zu stellen. Als Kissen dient ihnen die Tasche mit ihren Habseligkeiten, wenn sie im orangenen Schein der Parkbeleuchtung liegen. Die Eritreer liegen auf dem Rasen, während die Sudanesen auf dem Spielplatz unter Schaukeln und Rutschen schlafen. Sie wachen im Morgengrauen auf und warten am Straßenrand auf unterbezahlte Arbeit auf dem Bau. Der 23-jährige Avi * aus Eritrea sagt: "Das ist das ­Leben eines Hundes. Nein, in Israel geht es den ­Hunden besser als den Schwarzen. Ein Hund ist ­teurer als ein Schwarzer. Wenn du ein Hund bist, bist du versichert, du hast ein Krankenhaus, hast Essen, hast ein Haus, ein Bett. Aber die Afrikaner leben hier auf der Straße."

  • Alle Namen wurden von der Redaktion geändert.

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