Amnesty Journal Georgien 11. Januar 2011

Keine, die aufgibt

Sie hat Thomas Mann und Rainer Maria Rilke ins ­Georgische übersetzt. Doch widmet sich Naira ­Gelaschwili nicht nur den schönen Künsten – sie setzt sich auch für die Verständigung zwischen den verschiedenen Volksgruppen im Kaukasus ein.

Von Barbara Oertel

Als Naira Gelaschwili die Aula der Schule Nummer 1 in dem georgischen Dorf Nukriani betritt, zieht sie sofort die ganze Aufmerksamkeit auf sich: Neugierig und erwartungsvoll blicken die Kinder auf die kleine, kräftige Frau mit dem kastanienfarbenen halblangen Haar, das sie mädchenhaft mit einer Spange hochgesteckt hat. Erst dann begutachten sie die acht Gäste aus Deutschland und Österreich, die Naira Gelaschwili mitgebracht hat. »Hallo, meine Kinder«, ruft sie und gestikuliert wild mit den Armen. Das tut sie immer, wenn sie sich freut oder echauffiert – was oft der Fall ist. Ihre Schützlinge, rund 40 Mädchen und Jungen im Alter zwischen sechs und 18 Jahren, strahlen. Obwohl noch Ferien sind, harren sie hier schon seit Stunden aus, um einige Tänze vorzuführen.

Schon wirbeln die ersten in traditionellen Volkstrachten über den polierten Boden. »Das ist jetzt ein Tanz aus Ossetien«, flüstert Naira Gelaschwili und betont dabei das Wort Ossetien. Seit dem russisch-georgischen Krieg im August 2008 sind Südossetien und Abchasien, deren beider Unabhängigkeit Moskau anerkannt hat, für georgische Staatsbürger unzugänglich. Naira Gelaschwili ist ihr Schmerz anzumerken. Sie hat sich den versöhnlichen Austausch zwischen den Völkern des Kaukasus zur Lebensaufgabe gemacht – einer Region, deren sprachliche, kulturelle und ethnische Vielfalt weltweit ihresgleichen sucht.
Nach der Vorstellung führt Naira Gelaschwili ihre Besucher in einen Nebenraum. Auf Tischen liegen selbstgefertigte Mützen, kleine und große Taschen, Schmuck, Pantoffeln und Blumen aus bunt gefärbter Wolle. Als die Anwesenden einige der Exponate kaufen, ist sie sichtlich erleichtert.

Die Kinder in Nukriani lernen, tanzen und musizieren in einem renovierten Schulgebäude, einige Frauen im Dorf haben durch ihre Handarbeiten jetzt ein bescheidenes Einkommen. Das haben sie vor allem Naira Gelaschwilis Einsatz zu verdanken und der finanziellen Unterstützung mehrerer westlicher ­Organisationen, bei denen die 63-Jährige in den vergangenen Jahren immer wieder erfolgreich für ihr Anliegen geworben hat.

1994 gründete Naira Gelaschwili das Zentrum für kulturelle Beziehungen, das »Kaukasische Haus« in Tiflis, das sie bis heute leitet. Doch Naira Gelaschwili als Direktorin zu bezeichnen, greift zu kurz – sie ist vielmehr die Seele des Hauses. Hier, in der Galaktionistraße 20, unweit des Freiheitsplatzes, werden Respekt und Toleranz gegenüber dem Anderen wirklich gelebt. Hier kommen schon seit Jahren alte und junge Menschen unterschiedlicher Herkunft zu Veranstaltungen zusammen, hier werden Bücher von der einen in die andere kaukasische Sprache übersetzt, Dokumentarfilme gedreht, Zeitschriften herausgegeben und Vertriebene aus Abchasien und Südossetien unterstützt. In Naira Gelaschwilis Heimatdorf Nukriani organisiert das »Kaukasische Haus« unter der Leitung ihrer Tochter Anna alljährlich eine Sommerschule für Flüchtlingskinder.

Nach dem russisch-georgischen Krieg 2008 standen Naira Gelaschwili und ihre Mitstreiter vor einem Scherbenhaufen. Versöhnung, Ausgleich und all das, wofür sie sich so lange eingesetzt hatten, wurde durch Bomben und Granaten quasi über Nacht zunichte gemacht. Doch Naira Gelaschwili ist keine Person, die aufgibt, und sie nimmt auch kein Blatt vor den Mund: Bei den Protesten gegen den georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili im Mai 2009 warf sie der Polizei Folter vor.

Der Flecken Nukriani umfasst 700 Familien und liegt in den Bergen der östlichen Region Kachetien. 1954, als Naira sieben Jahre alt war, zog die Familie in die Hauptstadt Tiflis. Naira ­Gelaschwili studierte Germanistik und absolvierte nach dem Studienabschluss ein dreijähriges Promotionsstudium im Fachbereich westeuropäische und amerikanische Literatur. Ihre ­Pläne, das Studium in der DDR fortzusetzen, durchkreuzte der Geheimdienst, da Naira Gelaschwili freundschaftliche Kontakte zu westlichen Wissenschaftlern unterhielt.

Naira Gelaschwili zeigt ihren westlichen Besuchern ihr Elternhaus, während sie über ihr Studium plaudert. Ihre bereits fertige Dissertation »Hölderlins späte Dichtung – das Rätselhafte und das Rettende« durfte sie nicht verteidigen, da der Inhalt nicht den strengen Grundsätzen der marxistisch-leninistischen Literaturwissenschaft entsprach. »So etwas muss man sich einmal vorstellen«, sagt Naira Gelaschwili und verzieht das Gesicht. Wehmütig zieht sie einen Band aus dem Regal – ihre Doktorarbeit, die mittlerweile als Buch erschienen ist.

Sieben Jahre lang arbeitete Naira Gelaschwili als Dozentin für deutsche und westeuropäische Literatur an der Universität in Tiflis. Doch 1982 hieß es, wieder einmal, ihre Vorlesungen entsprächen nicht der marxistisch-leninistischen Weltanschauung. Was tun? Naira Gelaschwili begann noch im gleichen Jahr als Redakteurin und Übersetzerin im staatlichen Übersetzerkollegium. Unter ihrer Leitung übertrug eine Gruppe von Übersetzern Rainer Maria Rilkes Gesamtwerk ins Georgische. Das Aus für das staatliche Übersetzerkollegium kam 1990. Dieses Mal war es der multikulturelle Charakter der Organisation, der die georgischen Nationalisten und den sowjetischen Schriftstellerverband auf den Plan rief.
Doch Naira hatte längst gelernt, einfach weiterzumachen. Sie übersetzt nicht nur, sondern schreibt auch Romane, Erzählungen, Gedichte, Essays und wissenschaftliche Aufsätze. Sieben Bände mit ihren gesammelten Werken sind bereits herausgegeben worden, 13 warten noch auf Veröffentlichung.

Naira Gelaschwili ist den Widrigkeiten der Politik immer wieder begegnet – das letzte Mal vor einigen Monaten, als die Regierung sich anschickte, das »Kaukasische Haus« aus seinen Räumlichkeiten zu vertreiben. »Wir, die wir uns für die Verständigung zwischen den Völkern einsetzen, sind dieser Regierung, diesen Pseudodemokraten, ein Dorn im Auge. Sie wollen unsere Arbeit unterbinden. Aber so leicht geben wir uns nicht geschlagen«, sagt sie und bittet ihre Besucher im Innenhof ihres Elternhauses an den üppig gedeckten Tisch.

Die Autorin ist Journalistin mit dem Schwerpunkt Osteuropa und Balkan und lebt in Berlin.

Porträt: Naira Gelaschwili

Sie ist 1947 geboren, Schriftstellerin, Germanistin und Übersetzerin. Sie wurde mehrfach für ihre Werke ausgezeichnet – zuletzt 2010 mit dem georgischen Literaturpreis »Saba« für ihren Roman »Die ersten zwei Kreise und alle anderen«. Sie war mit dem georgisch-deutschen Schriftsteller Giwi Margwelaschwili verheiratet. Das Paar hat eine Tochter. Seit 1993 leitet sie das »Kaukasische Haus« in ­Tiflis, eine kulturelle Begegnungsstätte, die sich unter ­anderem für georgische, abchasische und südossetische Flüchtlingskinder einsetzt. Von 1992 bis 1994 war sie ­Beraterin des georgischen Präsidenten für Kulturpolitik und nationale Minderheiten.

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