"Eine gute Nachricht für die Demokratiebewegung"
Der chinesische Dichter und Publizist Bei Ling kehrte nach der Niederschlagung der Demokratiebewegung 1989 von einem USA-Aufenthalt nicht nach China zurück. Nachdem er im Jahr 2000 bei einem Besuch seiner Eltern in Peking verhaftet wurde, setzten sich Amnesty International und bekannte Autoren wie Günter Grass für ihn ein. Bei Ling wurde am 4. November 2010 auf dem Weg nach Taipeh bei einem Zwischenstopp in Peking festgenommen und anschließend nach Deutschland ausgewiesen. Er wurde bei dem Zwischenfall verletzt. Der regierungskritische Autor ist Begründer der namhaften Exil-Literaturzeitschrift "Qingxiang" ("Tendency") und seit langem mit Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo befreundet.
Was bedeutet die Verleihung des Friedensnobelpreises an Liu Xiaobo für China?
Für die demokratiefreundlichen Kräfte innerhalb des Systems sowie für die gemäßigten Befürworter eines Wandels in China ist es eine gute Nachricht, nicht so sehr für die radikalen kritischen Stimmen.
Was bedeutet der Nobelpreis für Liu Xiaobo selbst?
Es ist für ihn eine Bestätigung seiner politischen Anstrengungen. Gleichzeitig zeigt die Vergabe, welche Rolle er in der chinesischen Oppositionsbewegung eingenommen hat. Anfänglich war er ein wichtiger Intellektueller und Publizist, der an der Studentenbewegung 1989 beteiligt war. Später wandelte er sich von einem radikalen zu einem eher gemäßigten Regimekritiker. Dies alles wurde durch die Preisverleihung gewürdigt, insbesondere seine jetzige Rolle als gemäßigte kritische Stimme.
Wirkt sich der Preis auf seine Behandlung im Gefängnis aus?
Natürlich bedeutet es für ihn eine sehr große psychologische Unterstützung. Er wird nun vermutlich im Gefängnis weniger hart angefasst, falls die chinesische Regierung nicht alle Menschlichkeit verloren hat. In Bezug auf seine elfjährige Freiheitsstrafe mache ich mir keine Illusionen, dass er früher entlassen wird. Auf jeden Fall wird ihm der Nobelpreis aber zusätzliche Kraft geben, die lange Zeit im Gefängnis durchzustehen. Er wird nicht mehr das Gefühl zu haben, völlig isoliert zu sein.
Es gab auch kritische Stimmen, die mit der Preisverleihung an Liu Xiaobo nicht einverstanden waren.
Sie werfen ihm eine viel zu gemäßigte Haltung gegenüber der Kommunistischen Partei vor. So haben unter anderem die in Deutschland lebenden Publizisten Zhong Weiguang und Huan Xuewen einen offenen Brief an das Nobelpreiskomitee verfasst und die Preisverleihung an Liu Xiaobo darin kritisiert.
Viele Beobachter der chinesischen Exil-Szene haben den Eindruck, dass alle heillos untereinander zerstritten sind.
Teilweise mag die Geheimpolizei diese Konflikte schüren, aber dieses Phänomen gibt es in allen oppositionellen Exil-Gemeinden. Zudem kommen diese Exilanten aus einem Land mit Jahrtausende alten autokratischen Traditionen.
Ich hoffe aber, dass der Friedensnobelpreis für Liu Xiaobo, der ja nicht nur für ihn allein, sondern für ganz China sehr viel bedeutet, zu einer neuen Bürgerbewegung führen wird. Man darf aber auch nicht vergessen, dass die Nobelpreisvergabe in China hauptsächlich bei den Intellektuellen auf Resonanz stößt und weniger bei den Geschäftsleuten und den gewöhnlichen Bürgern – dafür ist dieser Preis doch zu abgehoben.
Haben Sie Hoffnung, ihn einmal wiedersehen zu können?
Selbstverständlich. Ich war nicht nur mit ihm sehr gut befreundet, sondern auch mit seiner Frau. Natürlich gab es später zwischen uns auch einige Kontroversen und ich konnte auch nicht immer alle seine Wandlungen nachvollziehen. Aber ich betrachte ihn nach wie vor als meinen alten Freund und ich hoffe, er wird später das Gleiche über mich sagen können.
Fragen: Martin Dlugosch