Amnesty Journal Tschad 01. August 2011

Der Vermittler

Der 39-jährige Sudanese Paolino Tipo Deng ist katholischer Priester und kämpft als Leiter des interreligiösen Begegnungszentrums »Tente d’Abraham« in der tschadischen Hauptstadt N’Djamena für die Rechte von Flüchtlingen.

Paolino Tipo Deng hat gelernt zuzuhören. Der gebürtige Sudanese ist Leiter des »Tente d’Abraham« (Abrahams Zelt) – einem interreligiösen Begegnungszentrum für Christen und Muslime in der tschadischen Hauptstadt N’Djamena. Er hat katholische Theologie und Islamwissenschaften studiert und arbeitet seit vier Jahren im Tschad.

Das Begegnungszentrum beschreibt der 39-Jährige als einen Ort des kulturellen Austauschs: »Wir versuchen, Vorurteile zwischen Christen und Muslimen abzubauen und sie dazu zu bewegen, friedliche Lösungen für ihre Konflikte zu finden. Auch für Flüchtlinge ist das Zentrum eine wichtige Anlaufstelle.« Vor den blutigen Auseinandersetzungen in der sudanesischen Krisenregion Darfur, die zum Teil auch auf den Tschad übergegriffen haben, sind bis heute rund 260.000 Sudanesen und 180.000 Tschader geflohen. Die Flüchtlinge leben in zwölf Lagern entlang der tschadisch-sudanesischen Grenze. Im April dieses Jahres organisierte Tipo Deng einen »Runden Tisch« mit Flüchtlingsvertretern, religiösen Stammesführern und zivilgesellschaftlichen Gruppen. Dabei ging es um grundsätzliche Fragen: Religion, Gewalt, die Rechte von Flüchtlingen und Formen friedlicher Konfliktlösung.

Tipo Deng wertet das Treffen als Erfolg: »Wir haben erreicht, dass die unterschiedlichen Gruppen die Probleme der anderen wahrnehmen. Einzelne Vertreter haben angekündigt, ein ähnliches Programm in ihren Camps durchzuführen und den Kontakt aufrechtzuerhalten.« Oft vermittelt Tipo Deng bei Konflikten, die aus alltäglichen Situationen entstehen. Wie bei einem Streit zwischen einer Gruppe Viehzüchter und Getreidebauern: »Vieh wird im Tschad normalerweise frei gehalten. Leider wird dabei manchmal ein Teil der Ernte zerstört«, so Tipo Deng. Eine religiöse Komponente erhielt der Konflikt dadurch, dass die Viehzüchter hauptsächlich muslimisch und die Getreidebauern christlich waren. Um zwischen den Gruppen zu vermitteln, wurde ein gemeinsames Essen organisiert.

»Ein Großteil der Konflikte lässt sich nicht auf religiöse Unterschiede, sondern auf Vorurteile und Missverständnisse zurückführen. So befürworten weder der Islam noch das Christentum Gewalt«, betont Tipo Deng. Neben seiner Arbeit im »Tente d’Abraham« engagiert er sich bei verschiedenen Jugendprojekten. Eines davon ist die Organisation »Young Christian Students« (YCS), die Bildungs- und Sportmöglichkeiten für Jugendliche anbietet. Er schätzt die Energie junger Menschen: »Sie sind sehr motiviert. Außerdem fällt es ihnen leichter die Perspektive zu wechseln und Vorurteile abzubauen.« Auch deshalb fordert er, mehr in Bildungsprojekte für Jugendliche zu investieren: »Viele Probleme lassen sich nicht sofort lösen. Aber Bildung hilft, die Perspektive der Menschen zu erweitern und sie für die Probleme anderer zu sensibilisieren – sie ist der Ausgangspunkt.«

Bevor er in den Tschad kam, arbeitete Tipo Deng als Lehrer im Süden Sudans und unterrichtete Arabistik. Danach entschied er sich, eine Priesterausbildung zu absolvieren, während der er als Vertreter der »Comboni Missionare«, einer römisch-katholischen Ordensgemeinschaft, unter anderem nach Peru, Spanien, Italien und in den Tschad reiste.

Tipo Deng war Missionar, aber er hat nichts Missionarisches. »Ich kann keinen Muslim von der christlichen Dreifaltigkeit überzeugen«, sagt er. »Unterschiedliche Perspektiven sind nichts Negatives. Im Gegenteil – sie sind wertvoll und wichtig.« Er plädiert dafür, sich auf die Suche nach Gemeinsamkeiten zu machen, an die man anknüpfen kann. Und um diese Gemeinsamkeiten zu entdecken, müsse man vor allem eines tun – einander zuhören.

Text: Ralf Rebmann

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