Amnesty Journal Libanon 05. Oktober 2009

Keine Helden

Rawi Hages Roman "Als ob es kein Morgen gäbe" schildert das Aufwachsen junger Männer im Libanon während des Bürgerkriegs.

Beirut ist in den achtziger Jahren dem Untergang geweiht. Verschiedene Milizen kontrollieren die unterschiedlichen Stadtviertel und bekämpfen sich gegen­seitig. Söldner aus anderen Ländern wollen Geld verdienen. Ständig fallen Bomben. Der Krieg ist allgegenwärtig. Wer kann, verlässt das vom Bürgerkrieg gezeichnete Land. "Und wer einmal gegangen ist", so der Protagonist Bassam "der kehrt nie wieder zurück".

Bassam gehört ebenso wie sein Freund George der christlichen Minderheit an. Sie plaudern über Waffen genau so wie man sich über Autos unterhält. Es ist die Zeit der Gesetzlosigkeit, in der selbst Minderjährige versuchen, mit Waffengewalt Geld zu verdienen. Beide schlagen sich als Kleinkriminelle mit Betrügereien und Alkoholschmuggel durch. "Der Krieg hat uns alle zu Dieben gemacht", sagt Bassam. Den alltäglichen Gewaltausbrüchen begegnet er mit Resignation, während George sich politisiert. Gleichzeitig verdrängen beide den Frust über den nicht ­enden wollenden Krieg mit Alkohol und Kokain.

Schließlich haben die Kämpfe auch Auswirkungen auf die Freundschaft der beiden. Während Bassam unbedingt auswandern will und dafür zu jeder illegalen Aktion bereit ist, schließt sich George den christlichen Milizen an, um dort Karriere zu machen. Doch in Paris angekommen, ist Bassam unfähig, ein anderes Leben zu führen als das eines gewalttätigen Kleingangsters. Der Schluss des Romans ist sprachlich und inhaltlich fulminant: Als George sich bei einer Betrügerei gegen Bassam stellt und ihm danach die Freundin ausspannt, kommt es zu einer ­abschließenden Begegnung, die kein Happy End verträgt.

In Rawi Hages Erzählung gibt es keine Helden, alle Akteure sind von der omnipräsenten Gewalt gezeichnet. Politik und Diplomatie sind abwesend, Respekt verschafft sich nur, wer eine Waffe trägt. Selbst von der Religion erwartet niemand etwas, "denn vom Himmel fallen nur Kugeln und Bomben, die willkürlich töten". Hage stellt weder die Hintergründe des Krieges dar, noch beklagt er dessen Exzesse. Vielmehr reduziert er seine Sprache auf die Beschreibung von Augenblicken, als ob es kein Gestern und kein Morgen gäbe. Gleichzeitig legt er ein hohes Erzähltempo vor, in dessen Verlauf vieles lediglich angedeutet wird. Im Kugelhagel gibt es keine Zeit für langatmige Betrachtungen.

Der Leser sieht die Ereignisse mit Bassams Augen und wird mit dessen stoischer Kälte konfrontiert. Bassam sieht Männer, Frauen und Kinder sterben, er sieht ehemalige Freunde, die nun in unterschiedlichen Milizen kämpfen. Lediglich einmal wird sein Gleichmut durchbrochen. Als seine Mutter ihn bei einem Bombenangriff in den Keller holen will, weigert er sich zu gehen. Die Bombe trifft das Haus und tötet seine Mutter, die bei ihm geblieben ist. Daraufhin verfällt er in eine tiefe Depression.

In der Welt von Bassam und George gibt es keine unschuldige Jugend. Täter werden zu Opfern und wieder zu Tätern. Hages Buch ist vielleicht keine politische Bildung, ein lesenswerter Adoleszenzroman vor dem spezifischen Hintergrund der Beiruter Geschichte ist es allemal.

Rawi Hage: Als ob es kein Morgen gäbe. Aus dem Englischen von Gregor Hens. Dumont Verlag, Köln 2009, 255 S., 19,95 Euro.

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