Editorial: Ein Dach über dem Kopf...
…ist ein Menschenrecht, das für viele alles andere als selbstverständlich ist. So wie für die Bewohner des Slums Capão Redondo in São Paulo. Dort vertrieb die brasilianische Militärpolizei kürzlich über 800 Familien mit Tränengas, Gummigeschossen und Helikoptern. Anschließend walzten Bulldozer die Siedlung nieder. Für die Familien war es ein katastrophaler Tag – sie leben jetzt auf der Straße, ohne jede Habe.
Die brutale Aktion ist kein Einzelfall. Zwangsräumungen finden in zahlreichen Städten überall auf der Welt statt. Unser Titelthema beschäftigt sich mit ähnlichen Ereignissen in Kambodscha und mit der Situation in Slums in Nairobi und Rio de Janeiro.
Diese Ausgabe erscheint zum Start des neuen Schwerpunkts von Amnesty International ["Mit Menschenrechten gegen Armut"](http://www.amnesty.de/journal/2009/oktober/fuer-ein-leben-menschenwuerde? ""Mit Menschenrechten gegen Armut""). Wir werden uns deshalb auch künftig mit dem Recht auf menschenwürdiges Wohnen, aber auch mit Müttersterblichkeit und der Verantwortung von Unternehmen für den Menschenrechtsschutz beschäftigen.
Andere wichtige Themen, für die sich Amnesty einsetzt, kommen deswegen nicht zu kurz. Im Interview äußert sich die in Deutschland lebende iranische Künstlerin Parastou Forouhar begeistert und zugleich sorgenvoll über die aktuelle Protestbewegung in ihrer Heimat. Dass ihre Ängste durchaus berechtigt sind, zeigt der Bericht über die Reaktionen der Regierung in Teheran: Mit Folter und Schauprozessen will sie ihre Gegner einschüchtern. Die tiefgreifende Unzufriedenheit wird sie jedoch auf diese Weise dauerhaft kaum unterdrücken können.
Wenig Verständnis für unliebsame Kritiker demonstrierten die Organisatoren der Frankfurter Buchmesse, die am 14. Oktober beginnt. Um das diesjährige Gastland China nicht zu verprellen, luden sie zwei Dissidenten kurzerhand wieder aus. Nach heftigen Protesten durften die Autoren zwar dann doch noch kommen, der Skandal aber war schon perfekt. Dabei gibt es mehr als genügend Gründe, um sich kritisch mit dem umworbenen Gastland zu beschäftigen: Wie die Realität für politisch engagierte Schriftsteller in China aussieht, können Sie in der Reportage "In der Grauzone" erfahren.
Weil engagierte Menschenrechtsverteidiger wie im Iran, China und in zahllosen anderen Ländern auf der Welt dringend Öffentlichkeit und Unterstützung benötigen, versuchen wir, soviel Menschen wie möglich mit dem Amnesty Journal zu erreichen.
Deshalb wird das Amnesty Journal ab der kommenden Ausgabe, die Ende November erscheint, bundesweit an Kiosken in Bahnhöfen und Flughäfen erhältlich sein. Falls Sie uns Ihre Anregungen oder Kritik mitteilen möchten, dann erreichen Sie uns ab sofort unter einer neuen E-Mail-Adresse: journal@amnesty.de
Anton Landgraf ist verantwortlicher Redakteur des Amnesty Journals.