"Die USA sollen die Gefangenen aufnehmen"
Der Al-Jazeera-Journalist Sami al-Haj saß sechs Jahre ohne Anklage in Guantánamo und plant gemeinsam mit anderen ehemaligen Gefangenen eine Klage gegen die Bush-Regierung.
Der sudanesische Journalist Sami al-Haj wurde mehr als sechs Jahre ohne Anklage oder Gerichtsverfahren in Guantánamo gefangen gehalten und gefoltert. Im Dezember 2001 war er in Pakistan festgenommen worden, als er für einen Arbeitsauftrag des arabischen TV-Senders Al Jazeera nach Afghanistan einreisen wollte. Angeblich war sein Pass nicht in Ordnung. Wenig später wurde er von der pakistanischen Polizei an die US-Behörden übergeben. Al-Haj wurde im Mai 2008 freigelassen. Amnesty berichtete über die Misshandlungen, denen al-Haj ausgesetzt war. Dazu gehörten Schläge, Einschüchterungsversuche mit Hunden, angedrohte Vergewaltigungen, fehlende medizinische Versorgung und die Zwangsernährung während seines Hungerstreiks. Zudem durfte er sich hundert Tage lang nicht waschen.
Was machen Sie heute?
Ich leite eine neue Abteilung beim TV-Sender Al Jazeera, die sich der Berichterstattung über Menschenrechte und zivile Freiheiten widmet. Zu diesen Themen bereiten wir Berichte für den Sender vor. Viele Zuschauer in den Ländern des Mittleren Ostens wissen gar nicht, welche Rechte sie haben. Wir wollen sie besser darüber informieren. Diese Abteilung ist für mich persönlich sehr wichtig. Als ich Guantánamo verließ, haben die anderen Gefangenen zu mir gesagt: "Vergiss uns nicht." Ich glaube, mit dieser neuen Abteilung kann ich ihnen helfen.
Ich bin außerdem dabei, eine Hilfsorganisation für alle Guantánamo-Gefangenen aufzubauen, das "Guantánamo Justice Centre", dessen internationaler Sitz sich in Genf befindet. Ziel ist es, die Gefangenen nach ihrer Freilassung zu unterstützen, da sie alle mit enormen Problemen konfrontiert sind. Unsere Organisation will zudem im Namen aller Gefangenen gegen die Bush-Administration prozessieren. Wir wollen nicht, dass andere Menschen das Gleiche erleiden müssen wie wir.
Wie weit sind Sie mit Ihrer Klage gegen die Bush-Regierung?
Wir sammeln Informationen von allen Leuten, z.B. medizinisches Beweismaterial. Das braucht Zeit. Wir wollen nicht einen Fall nach dem anderen, sondern alle Fälle gemeinsam vor Gericht bringen. Auf Anraten der Rechtsanwälte werden wir den Prozess wohl in Europa führen. Die Gerichte haben zwar nicht die Kompetenz, das Erscheinen von US-Beamten zu erzwingen, aber wenigstens werden diese nicht mehr in europäische Länder einreisen können, ohne von den Behörden festgehalten und vor Gericht gebracht zu werden.
Wie ist es Ihnen persönlich seit Ihrer Freilassung ergangen?
Manchmal wache ich auf und habe das Gefühl, ich sei immer noch in Guantánamo. Ich habe dieses Gefühl aber auch, wenn ich Geräusche höre, Licht sehe, wenn Hunde bellen oder wenn ich laute Rufe höre. Dann fühle ich mich nicht gut. Mit Hilfe des Psychologen, der mich betreut, merke ich jedoch, dass es langsam besser wird. Ich hoffe, dass ich bald wieder ein normales Leben führen kann. Mein neunjähriger Sohn Mohammed steht mir nicht so nahe, weil er ohne mich aufgewachsen ist. Meine Frau hat Angst vor der Zukunft und fürchtet sich jedes Mal, wenn ich ins Ausland reise, dass ich nicht zurückkommen könnte.
Aber ich bin in einer besseren Lage als andere Gefangene. Ich habe einen Job, mein Arbeitgeber hat die Arztkosten bezahlt und mir Zeit für meine Familie gegeben. Anderen geht es viel schlechter. Viele haben keine Arbeit und werden nicht gerne in ihren Moscheen gesehen, weil die Leute fürchten, dass die Polizei sie beobachtet. Einige können nicht heiraten oder finden keine Männer für ihre Töchter. Für manche ist der Weg zurück ins normale Leben so schwierig, dass sie sagen, sie wollten wieder nach Guantánamo.
Was sollten die USA für die Entlassenen tun?
Die USA sollten alle Gefangenen, die in ihrem Land leben möchten, aufnehmen. Sie sind die Urheber dieser Situation, deshalb sollten sie auch die Verantwortung übernehmen. Diejenigen, die nicht in den USA leben wollen, müssten die Erlaubnis erhalten, in ihre Heimat zurückzukehren. Wenn das nicht möglich ist, sollten die USA alles unternehmen, damit sie in ein Drittland reisen können, das bereit ist, sie aufzunehmen. Aber die Hilfe endet nicht mit der Entlassung aus Guantánamo. Die USA sollten die Betroffenen auch beim Hausbau oder beim Aufbau eines Geschäftes unterstützen.
Was denken Sie über die aktuelle Guantánamo-Berichterstattung in den Medien?
Die Medien vertrauen zu sehr auf Präsident Obama und seine Versprechen. Obama sagte, er werde die Gefangenen vor ein Zivilgericht stellen. Jetzt kommt er wieder mit den Militärgerichten. Er sagte, er würde Guantánamo sofort schließen, wenn er an die Macht käme. Das hat er nicht getan. Er sagte, er würde die Leute, die gefoltert haben, vor Gericht bringen. Das ist nicht geschehen.
Kennen Sie einzelne Fälle?
Im April rief mich Muhammed Hamid al-Qarani an. Er war in einem Teil des Gefängnisses untergebracht, in dem die Häftlinge das Recht haben, ihre Verwandten anzurufen. Er gab an, dass ich sein Onkel sei und erzählte mir am Telefon, dass er von den Gefängniswärtern geschlagen werde. Ich brachte seine Aussagen auf Al Jazeera. Später erfuhr ich von einem Gefangenen, der in der Zelle neben al-Qarani untergebracht war und inzwischen freigelassen wurde, wie die Gefängniswärter reagierten, als sie erfuhren, was geschehen war. Sie schlugen ihn, steckten ihn in Einzelhaft, fesselten seine Beine und gaben ihm halbgaren, unverdaulichen Reis zu essen.
Wie würden Sie Guantánamo beschreiben?
Wir kamen uns vor, als wären wir keine Menschen. Tiere wurden von den Gefängniswärtern besser behandelt als wir.
Hat Amnesty während Ihrer Inhaftierung eine Rolle gespielt?
Ich habe mehr als 20.000 Briefe von Menschen bekommen, welche die Anliegen von Amnesty International unterstützen. Diese Briefe waren extrem wichtig für mich. Sie gaben mir Hoffnung. Sie erinnerten mich daran, dass ich nicht alleine war, dass da draußen Menschen an mich dachten.
Interview: Gwladys Fouché
Infokasten: Der Fall al-Qarani
Muhammed Hamid al-Qarani stammt aus dem Tschad und wurde 2002 im Alter von 14 Jahren nach Guantánamo gebracht. Ein US-Bundesgericht entschied im Januar, dass der junge Mann freigelassen werden muss, da keine Beweise gegen ihn vorlagen. Er wurde im Juni aus Guantánamo entlassen und kehrte in den Tschad zurück. Es gibt kaum Informationen darüber, wo er sich jetzt aufhält und wie es ihm geht.