Amnesty Journal Rumänien 05. Oktober 2009

Der Hungerengel

In der Geschichtsschreibung des sozialistischen ­Rumänien kam sie nicht vor, die Deportation von Angehörigen der deutschen Minderheiten auf Befehl Stalins. Herta Müllers neuer Roman rückt das Thema in den Mittelpunkt.

In den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs wurden Zehntausende Banater Schwaben und Siebenbürger Sachsen aus Rumänien zur »Wiederaufbauarbeit« in die Sowjetunion deportiert. Später wurde darüber nur in Andeutungen in den Familien gesprochen. 2001 begann die Schriftstellerin Herta Müller Interviews mit Zeitzeugen aus ihrem Banater Heimatdorf zu führen.

Der aus Siebenbürgen stammende Lyriker Oskar Pastior, der selbst deportiert worden war, schilderte der Autorin in zahlreichen Gesprächen seine Erfahrungen. Sie fuhren sogar zusammen zum Ort des Lagers, nach Nowo Gorlowka in der heutigen Ukraine.

Es sollte ein gemeinsames Buch werden, aber dazu kam es nicht mehr. Im Oktober 2006, kurz bevor ihm der Georg-Büchner-Preis verliehen werden sollte, starb der 78-Jährige unerwartet. Erst Jahre später gelang es Herta Müller, die Aufzeichnungen zu einem Roman zu verarbeiten.

Januar 1945: Der 17-jährige Leopold wartet auf das Kommando, das ihn zur »Wiederaufbauarbeit« abholen soll. Viel Mühe hat er auf die Auswahl der Bücher in seinem Gepäck verwandt. Dem Ich-Erzähler, der offenbar Oskar Pastior nachgebildet ist, kommt die Zwangsrekrutierung zunächst nicht ungelegen. Er lebt in ständiger Furcht vor der Entdeckung seiner Homosexualität, die in der siebenbürgischen Kleinstadt kaum zu verheimlichen ist.

Die Fahrt im notdürftig mit Bänken ausgerüsteten Viehwaggon scheint unwirklich. Mit reichlich Proviant versehen, verschmähen die »Reisenden mit unbekanntem Ziel« das achtlos in den Waggon geworfene Essen – eine in der Mitte durchgesägte, gefrorene Ziege. Das Tier wird ihnen noch Jahre später in ihren Hungerträumen erscheinen. In scheinbar zufällig aneinander gereihten Episoden erschließt sich, dass Leo Zwangsarbeit in einer Kokerei verrichten muss.

Rumänien hatte im Januar 1945, kurz nach dem Wechsel von der Seite der Achsenmächte auf die der Alliierten, von der Sowjetunion den Befehl erhalten, alle arbeitsfähigen Angehörigen der deutschen Minderheiten auszuliefern, unabhängig von ihren Taten oder ihrer Gesinnung.

»Atemschaukel« ist keine historische oder soziologische Abhandlung über die stalinistischen Lager. Der Roman schildert vielmehr sehr subjektiv den Kampf um das Überleben. »Man wird von innen stur und schwermütig, von außen hündisch und feig«, bekennt Leo. Er versucht, seinen ständigen Begleiter, den »Hungerengel«, zu überlisten, indem er ein Stück Brot vom Morgen für den Abend aufhebt. Im nahe gelegenen »Russendorf« tauscht er gestohlene Kohle und seine mitgebrachten Sachen gegen Salz ein.

So endet dann auch seine sorgfältig ausgewählte Lektüre ungelesen bei den Dörflern, denen es an Zigarettenpapier mangelt. Die Internierten sterben bei Unfällen, begehen Selbstmord, erfrieren: »Die Todesursache heißt bei jedem anders, aber mit ihr dabei war immer der Hunger.« Im Januar 1950 werden die Überlebenden nach Rumänien zurückgeschickt. Von den 75.000 Deportierten kehren etwa 11.000 nicht zurück.

Der Leser ist ständig versucht, herauszufinden, ob er Gedankengänge Müller oder Pastior zu verdanken hat. Letztlich ist es aber gleichgültig: Denn der Roman ergreift den Leser, weil er frei ist von Larmoyanz und Selbstgerechtigkeit, vor allem aber, weil er durchzogen ist von der herausragenden Sprachmacht zweier Autoren.

Von Robert Schumacher.

Herta Müller: Atemschaukel. Hanser Verlag, München 2009, 304 S., 19,90 Euro.

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