Odyssee durch die Welt der Verliese
Der Unteroffizier Shigri macht aus seiner Kompanie unter General Zia im Pakistan
der achtziger Jahre ein Männerballett und muss dabei mehr als nur verbale Attacken überleben. Eine amüsante Abrechnung von Mohammed Hanif.
Ende der siebziger Jahre: Das Militär in Pakistan putscht erfolgreich und kämpft in Afghanistan an der Seite der Amerikaner gegen die Russen. Das Projekt, das den neuen Präsidenten Zia ul-Haq allerdings noch mehr umtreibt als die Freundschaft zu den USA, ist die Islamisierung Pakistans.
General Zia begründet nicht nur die dritte Militärdiktatur, sondern führt mit dem Kriegsrecht auch die Scharia ein. 1988 kommt der Diktator gemeinsam mit 28 Generälen und dem amerikanischen Botschafter bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Soweit die Eckdaten. Ob es sich um einen Unfall oder ein Attentat handelt, ist bis heute ungeklärt. Der Schriftsteller Mohammed Hanif ist eindeutig Anhänger der Attentatstheorie. Sein Roman "Eine Kiste explodierender Mangos" liefert Details verschiedener Komplotte. Hanif liebt Komplotte.
Der Held des Romans ist der Unteroffizier Shigri. Shigri ist leidenschaftlich gern Soldat, Zivilisten hasst er. Allerdings hasst er auch seine Vorgesetzten. Daher widmet er sich ganz dem so genannten "silent drill". Dieser verlangt der von ihm befehligten Kompanie eine komplizierte Choreographie mit dem Bajonett ab, und zwar ganz ohne Befehle. Einer Welt, in der ständig in "Lautstärke 5" befohlen und "Ja, Sir!" gebrüllt wird, setzt er das wortlose Männerballet entgegen. Irgendwann wird ihm diese Inszenierung als Waffe dienen.
Zunächst aber sammelt Shigri Lebenserfahrung. "Jeder gute Soldat", so lautet eine seiner Weisheiten, "lernt Lärm auszuschließen und Schimpfworte von ihrer scheinbaren Bedeutung abzukoppeln." Nur so lassen sich die ständigen Beschimpfungen der eigenen Mutter durch die Vorgesetzten unbeschadet überstehen. Doch Shigri muss weitaus Schmerzhafteres als verbale Attacken überleben. Denn er gerät in den Verdacht, General Zia ermorden zu wollen. Eine Odyssee durch die Welt der Verliese und der Folter beginnt.
Der für die renommierte britische Literaturauszeichnung, den Booker-Preis, nominierte Roman ist äußerst amüsant zu lesen. Genüsslich fächert der ehemalige Pilot der pakistanischen Luftwaffe und heutige Korrespondent der BBC in Karachi die Ideologie auf, welche die pakistanische Elite ebenso wie das Militär insgesamt zusammenhält: Der rohe Wille zur Macht. Für ihn wird Pakistan regiert von gefährlichen Clowns. Gerät man in ihre Fänge, hilft nur noch Humor. Folgt man Hanif, dann ist Humor in dieser brutalen Gesellschaft die einzige Chance, Gegenwehr zu leisten oder zumindest ein wenig Würde zu bewahren.
Aber der Roman lässt sich nicht einfach auf eine Satire reduzieren. Er ist vor allem eine scharfe Kritik an exzessiv betriebenen Männlichkeitsritualen, die stets darauf abzielen, das Gegenüber zu demütigen.
Text: Ines Kappert.
Mohammed Hanif: Eine Kiste explodierender Mangos.
Aus dem Englischen von Ursula Gräfe. A1 Verlag,
München 2009, 385 Seiten, 22,80 Euro.