Filmfestival "Ausnahmezustand": Angst schläft nicht
Das bundesweite Filmfestival "Ausnahmezustand" hat ein ganz besonderes Konzept und beschäftigt sich mit Krieg – im und um den Körper.
Im Kriegszustand ist alles Krieg, sogar der Frieden: "Rocky Kabul" nennen die Freunde den Soldaten David auf Heimaturlaub. Denn er absolviert seinen Dienst für die Bundeswehr in der afghanischen Hauptstadt. Nur ein Held ist er nicht, wie ihn die Leute gerne hätten. Vielmehr ist er dabei, verrückt zu werden: David kann nachts vor lauter Angst nicht schlafen, weil auch die Angst nie schläft – und tagsüber zuckt er bei jeder Kleinigkeit zusammen. Er rettet sich in Übersprungshandlungen. So will er seinen Halbbruder aufs Überleben trainieren. Ganz klar: David ist durch den Krieg traumatisiert.
Wie sich das anfühlt, das weiß auch Emmanuel: Als Siebenjähriger verliert der Sudanese seine Mutter und wird in einem äthiopischen Trainingscamp zum Kindersoldaten ausgebildet. Ihm und 400 weiteren Kindern gelingt die Flucht. Emmanuel hat Glück, er wird adoptiert. Seine "neue" Mutter schmuggelt ihn nach Kenia, wo er zur Schule geht. Als sie stirbt, ist Emmanuel gerade 13. In dieser Zeit beginnt er, seine Erfahrungen im Bürgerkrieg durch Musik machen zu verarbeiten – mit Erfolg: 2005 landet Emmanuel sogar einen Hit in Kenia. Mittlerweile ist er in Afrika kein Unbekannter mehr. Er nutzt seinen Status, um Jugendliche im Sudan zu unterstützen, damit sie zur Schule gehen und eine Ausbildung erhalten können.
David und Emmanuel – ihre Gesichter sind Bilder des Krieges. Denn David ist die Hauptfigur des deutschen Films "Nacht vor Augen" und Emmanuel der Protagonist des kanadischen Dokumentarfilms "War Child". Das Filmfestival "Ausnahmezustand" des Vereins Irrsinnig Menschlich e.V. aus Dresden bringt sie zusammen. Unter dem Motto "Verrückt nach Leben" tourt es derzeit durch ganz Deutschland. Im Zentrum von "Ausnahmezustand" stehen junge Menschen, die extreme Erfahrungen gemacht haben und deshalb mit den Untiefen ihres Seelenlebens in Berührung kommen.
Das Festival basiert auf einem einzigartigen, von der Berliner Agentur EYZ entwickelten Konzept: Große Organisationen übernehmen die Patenschaften für einen der zwölf Filme. Lokale Gruppen bekunden den Wunsch, das Festival in ihrer Stadt zu zeigen, auf einer Website kann man sich anmelden. Die Organisatoren kümmern sich um Kinos und die Verschickung der Filme. In Zeiten der Kinodigitalisierung ist der Aufwand gering. Die Vorführungen werden von Diskussionen und Filmgesprächen mit Regisseuren, Schauspielern und Unterstützern flankiert.
Ein System, das etwa die "Aktion Mensch" auch für ihre Menschenrechts-Filmfestivals "ueber arbeit" und "ueber Macht" verwendet hat. Und mithin sehr gut geeignet ist für NGOs, die ihre Themen transportieren wollen.
Von Jürgen Kiontke.
Weitere Informationen unter www.ausnahmezustand-filmfest.de