Aktiv für Amnesty Dezember 2009/Januar 2010
Giftige Wolke
Der katastrophale Unfall der Firma Union Carbide im indischen Bhopal kostete Tausenden das Leben und wirkt bis heute nach. Auf einer Tour durch Europa machen Betroffene auf ihr Schicksal und die Verantwortung der Unternehmen aufmerksam.
Es ist der 2. Dezember 1984: Kurz vor Mitternacht explodiert in der Pestizidfabrik der Firma Union Carbide (UCC) im nordindischen Bhopal ein Gastank. Tausende Tonnen hoch giftigen Methylisocyanats treten aus. Nur wenige hundert Meter neben der Fabrik lebt die elfjährige Mamta mit ihrer Familie. Als sich die chemische Wolke über die Stadt verteilt, wickelt sie ihren sechs Monate alten Bruder Sanjay in ein Tuch und stürzt nach draußen, rennt ins Dunkel.
Die Stadt Bhopal steht für eine der größten Chemiekatastrophen der Geschichte. Zwischen 7.000 und 10.000 Menschen starben kurz nach dem Unglück, 15.000 an den Folgen. Auch die Eltern von Mamta und Sanjay sowie fünf ihrer Geschwister überlebten die Katastrophe nicht. 25 Jahre sind seit jener Nacht vergangen. Und noch immer leiden mehr als 100.000 Menschen an den Folgen des Unglücks, an Lungenerkrankungen, Krebs und Unfruchtbarkeit. Babys kommen missgebildet zur Welt. Zur Verantwortung gezogen wurde bisher keiner.
Auf einer Bustour quer durch Europa erinnert die "International Campaign for Justice in Bhopal" an die mangelnden Konsequenzen. Im Bus unterwegs ist auch Sanjay Verma. Neun deutsche Städte hat der mittlerweile 25-Jährige gemeinsam mit den beiden Aktivistinnen Safreen Khan und Rachna Dhingra im Oktober besucht. Die Organisation Bhopal Medical Appeal und Amnesty International unterstützen den Protest.
"In Deutschland haben wir viele getroffen, die noch nie von Bhopal gehört haben", erzählt Sanjay. Das wollen die Aktivisten ändern – und geben damit denen eine Stimme, deren Rechte in der Vergangenheit kaum zählten: den Opfern des Giftgasunfalls.
"Seit 25 Jahren leiden und sterben die Menschen in Bhopal", sagt Sanjay. "Was bleibt uns übrig, als weiter für Gerechtigkeit zu kämpfen?" Noch immer haben die Bewohner Bhopals keinen Zugang zu notwendiger medizinischer Versorgung. Noch immer gibt es keine ausreichende staatliche Untersuchung des Unglücks. Zahlreiche Versuche, Schadensersatz gerichtlich einzuklagen, sind gescheitert. Das Unglück trieb die Opfer tiefer in die Armut: Wer überlebte, ist oft zu krank zum Arbeiten – und wird als Last empfunden. Darunter leiden vor allem Frauen. Eine "Gasbetroffene" will keiner heiraten.
Bereits vor dem Unglück gab es Hinweise, dass Union Carbide in Bhopal gefährliche Chemikalien ohne ausreichende Sicherheitsvorkehrungen lagerte. Im Jahr 2001 wurde das Unternehmen von der US-Firma Dow Chemical Company übernommen. Von einer Übernahme der Verantwortung für die Bhopal-Katastrophe und ihre Folgen war dabei keine Rede.
Von Petra Kilian.
Für eine Welt ohne Todesstrafe
Amnesty-Gruppen protestierten weltweit gegen Hinrichtungen.
Immer weniger Staaten richten immer mehr Menschen hin. Dieses Fazit zog Amnesty International anlässlich des internationalen Tages gegen die Todesstrafe am 10. Oktober. Der weltweite Trend zu einer Welt ohne Todesstrafe dauert aber an: Mittlerweile haben 139 Staaten die Todesstrafe im Gesetz oder in der Praxis abgeschafft. Demgegenüber steht eine Minderheit von 58 Staaten, die nach wie vor an ihr festhalten. Im vergangen Jahr wurden weltweit mindestens 2.390 Menschen hingerichtet, das sind 1.138 mehr als im Jahr davor. Die tatsächlichen Zahlen sind aber vermutlich deutlich höher. Für 93 Prozent der Exekutionen waren nur fünf Staaten verantwortlich: China (mind. 1.718), Iran (mind. 346), Saudi-Arabien (mind. 102), die USA (37) und Pakistan (mind. 36).
Den internationalen Tag gegen die Todesstrafe nahmen weltweit Amnesty-Mitglieder zum Anlass, um sich für eine Welt ohne Hinrichtungen einzusetzen, unter anderem in Nepal, Russland, Moldawien und Südkorea. Auch in Deutschland waren viele Gruppen aktiv. Die Amnesty-Gruppe aus Papenburg erzeugte auf dem Wochenmarkt viel Aufmerksamkeit mit einem 20 Meter langen Transparent, auf dem alle Staaten genannt waren, die die Todesstrafe noch immer in der Praxis anwenden. An ihrem Infostand wies die Gruppe darauf hin, dass Japan zu den wenigen demokratischen Ländern gehört, in denen noch Hinrichtungen stattfinden. Selbst psychisch kranke Menschen sind davon nicht ausgenommen. Viele Besucher unterschrieben an dem Infostand eine Petition und forderten die japanische Regierung auf, die Todesstrafe abzuschaffen.