Amnesty Journal Senegal 05. August 2009

Mehr als eine Rapperin

Fatou Diatta, alias »Sister Fa«, verbindet musikalische Leidenschaft und politisches Engagement. Die Senegalesin kämpft gegen Genitalverstümmelung und rappt für ein internationales Publikum über die ­Kehrseiten des Paradieses.

Um ihrer musikalischen Leidenschaft nachzugehen, musste Fatou Diatta anfangs so manches Hindernis überwinden – im wahrsten Sinne des Wortes. »Als ich im Haus meines Onkels in Dakar lebte, war die Türe ab zwölf Uhr geschlossen. Deshalb musste ich auf das Dach des Nachbarn springen, um in unsere Wohnung zu kommen«, er­innert sich die 27-Jährige lachend, während sie im Büro ihrer ­deutschen Plattenfirma in Berlin-Kreuzberg sitzt. »Am Ende der Straße stand ein Wachmann, der auf Autos aufpasste und mich immer spät mit einem Taxi nach Hause kommen sah. Er muss mich wohl für eine Prostituierte gehalten haben. Aber nachdem er mich einmal im Fernsehen sah, sprach er mich an und entschuldigte sich dafür, so schlecht über mich gedacht zu haben.«

Mit ihrem modischen Outfit, in engen Jeans und mit auffälligem Schmuck, strahlt Fatou Diatta viel Selbstbewusstsein aus. Als »Sister Fa« hat sich die Rapperin im Senegal längst einen ­Namen gemacht. Der Durchbruch kam, als sie im Jahr 2005 in Dakar als »bestes Nachwuchstalent« ausgezeichnet wurde. Fast zeitgleich erschien ihr erstes Album, es folgten Einladungen ins Radio und ins Fernsehen. Unmittelbar danach zog Sister Fa mit ihrem Mann, einem österreichischen Ethnologen und Dokumentarfilmer, nach Berlin, wo kürzlich ihre gemeinsame Tochter zur Welt kam. Hier hat sie auch ihr neues Album »Sarabah« eingespielt, mit dem sie nun ein internationales Publikum für sich gewinnen will. Darauf offenbart sie ihren Blick auf die Welt und berichtet von der »Kehrseite des Paradieses«, wie es im ­Untertitel heißt.

Die Familie von Sister Fa stammt ursprünglich aus dem ­Süden des westafrikanischen Landes, aus der Region Casamance, wo auch die Rapperin als Teenager einige Jahre verbrachte. Weil ihre Mutter eine Stelle in Saudi-Arabien annahm und dann früh verstarb, wuchs Sister Fa die meiste Zeit bei einem Onkel in Dakar auf, der sie ins heimatliche Dorf schickte, als ihre Leistungen in der Schule zu wünschen übrig ließen.

Was sie dort erlebte und sah, inspirierte sie zu ihren ersten Rap-Texten und fließt noch heute in ihre Songs ein. »Milyamba« etwa, mit dem »Sarabah« eröffnet, handelt vom schweren Los der Frauen, die im Senegal auf dem Land leben. Für diese Rap-Ballade mischt sie den hellen, perlenden Klang der Kora-Harfe, das Instrument der westafrikanischen Griot-Musiker, mit elektronisch erzeugten Grooves – ein hervorragendes Beispiel für Sister Fas Kunst, durch das verschmelzen verschiedener Musiktraditionen ihren eigenen Sound entstehen zu lassen.

Ein anderer Titel, der als Reggae daher kommt, heißt »Soldat« und bezieht sich auf den bewaffneten Konflikt mit separatistischen Rebellen, der in der Casamance schon seit vielen Jahren schwelt. Er ist jenen Rekruten gewidmet, die von ihrer Regierung als Kanonenfutter verheizt und dann sich selbst überlassen werden, wenn sie als Invalide aus dem Kampf zurückkehren. »Ich bin sicher, viele Leute im Süden würden gerne aufstehen und sagen, dass sie diesen Krieg nicht mögen, sie leiden darunter.

Aber sie sind keine Künstler, keine Journalisten, keine Fußballstars. Wie also können sie ihrer Stimme Gehör verschaffen?«, fragt Sister Fa und benennt das Problem: »Die Regierung hat Fehler gemacht. Sie hat Leuten Autos und Benzingutscheine gegeben und sie dafür bezahlt, dass sie die Rebellen im Busch ­jagen. Aber was machen diese Leute, wenn es keinen Krieg mehr gibt? Sie werden arbeitslos. Deshalb gießen sie ständig neues Öl ins Feuer«, sagt sie.

Dass Sister Fa Regierung und Rebellen gleichermaßen kritisiert, verschafft ihr nicht nur Freunde. Einmal, nach einer Fernsehsendung, wurde sie bedroht, doch davon lässt sie sich nicht einschüchtern. Ihre Prominenz nutzt sie auch, um sich gegen die Genitalbeschneidung von Mädchen in ihrem Land zu engagieren. Offiziell ist diese Praxis im Senegal zwar verboten, doch gerade im Süden ist sie trotzdem weit verbreitet. »Dieses Verbot ist eine Maskerade, um das Ausland zu beruhigen«, sagt Sister Fa. »Dabei ist es heute sogar noch schlimmer als früher, vor dem Verbot. Denn jetzt verstecken sich die Frauen im Busch und tun es dort heimlich. Und wenn es Komplikationen gibt, dann haben sie Angst, die jungen Mädchen ins Krankenhaus zu bringen. Manche infizieren sich dabei, andere sterben.«

Sister Fa engagiert sich deshalb mit der Nichtregierungsorganisation Tostan, um in den Dörfern einen Mentalitätswandel zu bewirken. »Als jemand aus dem Süden, der selbst ein Opfer dieser Praxis geworden ist, fühle ich mich freier, darüber zu reden. Denn wenn du von außen kommst, wird dir noch nicht einmal zugehört«, musste Sister Fa erfahren. Sie kennt auch die gängigen Vorurteile, mit denen diese Tradition begründet wird: »Als ich jung war, habe ich oft gehört, die Frauen im Norden ­röchen schlecht, weil sie eine lange Klitoris haben. Oder, un­be­-schnittene Frauen würden mit jedem Mann ins Bett springen.« Viele Mütter hätten deshalb Angst, dass ihre Tochter von der Dorfgemeinschaft abgelehnt wird und keinen Ehepartner findet, wenn sie nicht beschnitten ist.

Finanziell unterstützt vom deutschen Goethe-Institut, nahm Sister Fa mit ihrer Band im vergangenen Jahr an einer Aufklärungskampagne teil, die sie durch vier große Städte im Senegal führte. In diesem Jahr möchte sie diese Arbeit fortführen und in jene Regionen fahren, in denen die Praxis der Genitalbeschneidung besonders stark verwurzelt ist. »Ich glaube, dass die Leute uns Künstler eher respektieren als die Politiker. Die kommen nur und machen im Wahlkampf irgendwelche Versprechen, und danach sieht man sie fünf Jahre lang nicht mehr«, sagt Sister Fa. »Als Musiker haben wir dagegen eine gute Chance, die Jugend zu erreichen. Und die Jugend ist die Zukunft.«

Wenn Sister Fa die Missstände in ihrem Land anprangert oder für Frauenrechte Stellung bezieht, appelliert sie an jede und jeden einzelnen, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Die »geborene Rebellin« ist fest davon überzeugt, dass sich die konservative Gesellschaft nur so von innen heraus verändern lässt. Ihre Rap-Kollegen nimmt sie von Kritik nicht aus. Deren Neigung, stets mit dem Finger auf andere zu zeigen und immer nur die Regierung zu kritisieren, helfe nicht weiter. »Ich möchte meine Zeit nicht damit verschwenden, mich über andere zu beklagen. Ich möchte etwas tun«, sagt sie kategorisch, und wandelt etwas pathetisch einen Satz von John F. Kennedy ab: »Es geht schließlich nicht nur darum, was der Senegal für mich tun kann. Sondern auch darum, was ich für den Senegal tun kann.«

Von Zonya Dengi.

Sister Fa: Sarabah. Tales from the Flipside of Paradise (Piranha)

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