Amnesty Journal 06. August 2009

Filme und Musik

Rezensionen

Flüchtlingsgespräche

Nouadhibou, im westafrikanischen Mauretanien: Die Stadt ist die letzte Station für Zehntausende Flüchtlinge vom afrikanischen Kontinent auf dem Weg nach Europa. Tausend ­Kilometer entfernt liegen die kanarischen Inseln. Die Reise übers Meer ist lebensgefährlich. Dem Ort des Wartens und Hoffens hat die Regisseurin Bettina Haasen mit ihrem Dokumentarfilm "Hotel Sahara" nun ein Denkmal gesetzt. Haasen spricht mit den Flüchtlingen. "Ich wollte kein Opfer der Gesellschaft sein. Ich wollte mich selbst verwirklichen", erzählt einer, der in der Stadt gestrandet ist. Der Migrationsbeauftragte des Ortes sagt: "Migration ist gut, wenn sie legal ist."
Für den Fall, dass sie illegal ist, zieht Haasen Filmmaterial der spanischen Guardia Civil von der offenen See heran. Man sieht die altersschwachen Boote kentern. Der örtliche Pfarrer verteidigt das Menschenrecht auf Freizügigkeit: "Die heiligen drei Könige sind auch gereist. Hat man damals ein Visum ­gebraucht?"
Nebenbei zeigt der Film, dass es zuweilen sehr teuer ist, der Armut zu entfliehen. 10.500 Euro haben die Eltern eines Mädchens für die Reise ihrer Tochter nach Europa hinlegen müssen. Dafür verkaufte die Familie ihr Land. "Ich kann nicht mit leeren Händen zurückkehren", sagt die junge Frau.
"Hotel Sahara" lässt die zu Wort kommen, die sich für Europa die Seele zerreißen. Die Bilder sind bisweilen brillant, die O-Töne verblüffend. Nur die Filmmusik ist ein Missgriff, oft stehen die sanften Gitarrenklänge in keiner sinnvollen ­Beziehung zu den Bildern.

"Hotel Sahara". D 2008. Regie: Bettina Haasen. Kinostart: 6. August.

Krieg um den Wald

"Meine Familie lebt schon seit 60 Jahren hier", sagt der Bauer, der dem Regenwald die Ackerfläche abgetrotzt hat. "Wir seit 60 Generationen", antworten die Guarani-Kaiowá, die aus ebendiesem Wald gekommen sind und nun ebendiese Ackerfläche besetzt halten. Die weißen Grundbesitzer und die Ureinwohner im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso do Sul, sie vertragen sich nicht in Marco Bechis Film "Birdwatchers". Und während die Kinder der Weißen sich am Pool langweilen, hängen sich die indigenen Jugendlichen vor Perspektivlosigkeit in die Bäume – mit dem Strick um den Hals. Sind dennoch Annäherungen möglich? Der Film wird lose durch die Liebesgeschichte zwischen einem Guarani-Kaiowá und einer weißen Jugendlichen zusammengehalten. Aber der ebenso erotische wie brutale Verlauf verheißt nichts Gutes.
"Birdwatchers" – der Titel bezieht sich auf das einträgliche Geschäft, das die Weißen mit Foto-Safaris machen, in denen die Indianer nur die folkloristische Staffage bieten. Nach den Menschenrechten fragt niemand. Doch der Film wertet wenig, bildet aber viel ab. Im Dokumentarstil eines Pasolini lässt Bechis die Gegensätze aufeinanderprallen. Am Rande der Welt, im Zentrum der Globalisierung ist täglich Kriegszustand. Wald und Feld, so suggeriert der Film, das geht – bisher – nicht zusammen.

"Birdwatchers". Brasilien 2008. Regie: Marco Bechis. D.: A. da Silva Pedro, A. Batista Cabreira u.a. Derzeit in den Kinos.

Im Club-Gewand

Aus der portugiesischen Kolonie Angola wurden über Jahrhunderte hinweg Tausende von Menschen als Sklaven nach Brasilien verschleppt, und diese haben die Kultur des südamerikanischen Landes stark beeinflusst. Die kulturelle Nähe, die beide Länder bis heute verbindet, erkennt man schon daran, dass der angolanische Nationalstil "Semba" und der brasilianische "Samba" heißt, oder daran, dass eine Spielart des brasilianischen Kampftanzes Capoeira schlicht "Angola" genannt wird. Es verwundert daher nicht, dass der brasilianische Musiker Mauricio Pacheco auf seinen Reisen nach Angola ein Echo der eigenen Traditionen erkannte. So kam der Produzent aus Rio de Janeiro auf die Idee, angolanische Pop-Klassiker von brasilianischen Musikern, DJs und Produzenten neu abmischen zu lassen. "Comfusoes 1" versammelt Hits aus der goldenen Ära der angolanischen Musik, den Jahren nach der Unabhängigkeit von 1976, als Sänger wie Teta Lando, Bonga und Artur Nunes dem Ruf nach Selbstbestimmung und kultureller Emanzipation in kraftvollen Hymnen Ausdruck verliehen. In der angolanischen Musik mischt sich die Melancholie des Fado mit afrikanischen Rhythmen. Es spricht für das Fingerspitzengefühl der mitwirkenden DJs wie DJ Dolores, Rica Amabis oder Moreno Veloso, wie subtil sie die Songs in ein Club-Gewand aus Breakbeats, Hiphop-Rhythmen und elektronische Loops gekleidet haben: eine Einladung, diese Musik neu zu ent­decken.

Comfusoes 1: "From Angola to Brasil" (Maianga / Outhere Records).

Post-Holocaust-Klezmer

Düster, makaber und schillernd ist die Welt, die Daniel Kahn auf "Partisans & Parasites" zeichnet: Moritaten über die Rachebrigade des Abba Kovner aus Vilnius, der nach dem Massenmord an den Juden möglichst viele Deutsche umbringen wollte ("Six Million Germans"), finden sich da neben morbiden Geschichten über Krankheitserreger ("Parasites") und Klageliedern über den Untergang von New Orleans in den Fluten des Hurrikans Katrina. Von dort kam Daniel Kahn vor vier Jahren nach Berlin, wo er seine Band gründete. Benannt hat sie sich nach einem surrealen Roman des polnisch amerikanischen Schriftstellers Jerzy Kosinski aus dem Jahre 1965. Der schilderte die Odyssee eines Kindes während des Zweiten Weltkriegs durch ein osteuropäisches Land, das sich ihm als ein Panoptikum des Grauens darstellt. "Verfremdungsklezmer" nennt Kahn seinen Stil, der aus jiddischen Arbeiterliedern, Broadway-Chansons à la Kurt Weill, chassidischer Folklore und amerikanischen Folk-Traditionen schöpft, um sie mit der Subkultur eines Tom Waits und schmutziger Punk-Attitüde zu paaren. Statt originalgetreuer Konservierung eines Genres gibt er dieser Musik durch zeitgemäße Adaption seine Relevanz zurück. Das ist Post-Holocaust-Klezmer, der den ­Kulturbruch von Auschwitz nicht einfach ausklammert und für fragwürdige "Versöhnung" wirbt, sondern in die Zukunft weist.

Daniel Kahn & the Painted Bird: "Partisans and ­Parasites" (Oriente).

Texte: Jürgen Kiontke (Filme) und Zonya Dengi (Musik)

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