Amnesty Journal 02. April 2009

YouTube für unterdrückte Fakten

Von 386 gezeigten Filmen auf der diesjährigen ­Berlinale hatten gut 35 Filme inhaltlich einen direkten Bezug zu den Themen Unrecht, Ungleichheit und politische Missstände. Filme, die dem Publikum Härten zumuten und kein bisschen kuschelig sind.

Die Kinos bleiben leer, beklagt dieser Tage die Filmwirtschaft, nicht so aber die Filmfestivals. Und keines von ihnen garantiert so viel Erlebnischarakter wie die Ber-linale: Beinahe jede Vorführung ist bis auf den letzten Platz besetzt, 3.000 Journalisten sind vor Ort. Und in den Vorführungen trifft man oft auf das ganze Film-Team.

Darin liegt ein ums andere Mal der Wert der Berlinale, vor ­allem für – Achtung, Kino leer! – sperrige Filme, die die Menschenrechte in den Mittelpunkt rücken. In diesem Jahr hatten von den insgesamt 386 gezeigten Filmen gut 35 Filme inhaltlich einen direkten Bezug zu den Themen Unrecht, Ungleichheit und politische Missstände. Mindestens 30 weitere hatten die autoritäre Bedrohung des Individuums mindestens als Begleiterscheinung, als Ideen gebende Konfliktsituation oder dramatische Fallhöhe im Skript stehen.

Anhand des diesjährigen Berlinale-Programms lässt sich ­gewissermaßen eine Art Typologie des Menschenrechtsfilms erstellen: So scheint das erste Mittel der Wahl der Dokumentarfilm in Digital-Optik zu sein. Er erlaubt die unmittelbare filmische Aktion oder Intervention ohne großes Team. Das inszenatorische Geschick muss nicht ausgefallen sein, ein Drehbuch ist nicht notwendig, allenfalls ein Skript, und die finanziellen ­Aufwendungen halten sich ebenfalls in Grenzen.

Bei dieser Art des Filmemachens steht das Sujet im Mittelpunkt. So wie z.B. in dem Beitrag "Citizen Juling" aus Thailand: Juling Pongkunmul, eine buddhistische Lehrerin, ist im Januar 2007 ermordet worden. Sie war zuvor in den mehrheitlich muslimischen Südteil des Landes gezogen. In der kaum zu entwirrenden Auseinandersetzung gesellschaftlicher Gruppierungen wurde sie – wie 50 ihrer Kolleginnen und Kollegen – umgebracht. Der Film rekonstruiert diese Geschichte, indem er den Abgeordneten Kraisak Choonhavan begleitet, der versucht, die Hintergründe des Mordes aufzuklären und die Täter zu finden – ein unmögliches Unterfangen.

In "Citizen Juling" kommen Menschen zu Wort, und zwar viele. Der Film verzichtet auf jegliche Unterhaltungselemente. Bei einer Länge von 222 Minuten ist dies durchaus eine Grenzerfahrung. Das Festival gibt diesem Film eine Chance und bietet ihm ein Publikum. Sonst hätte nie jemand von diesem Mord ­erfahren, erklärt Pepe Danquart, selbst preisgekrönter Dokumentarfilmer und Juror der diesjährigen Amnesty-Jury (siehe Interview Seite 66).

Es ist aber durchaus legitim zu fragen, ob diese Machart das Anliegen angemessen transportieren kann. Mag das Festival in diesem Fall auch als eine Art großes "YouTube", als Nachrichtenkanal für unterdrückte Fakten dienen, in der Regel goutiert das Publikum die Inszenierung. Und gerade ein Film, der ein wichtiges Anliegen vertritt, scheint ästhetisch wertvoller sein zu müssen als irgendein Unterhaltungsfilm. Filmen, die sich diesem Druck des Dramatischen stellen, dazu noch gekonnt, dürfte auch über Festivalprogramme hinaus Aufmerksamkeit gewiss sein.

Auch dafür gab es Beispiele auf der Berlinale, so z.B. "The Yes Men Fix The World". Bei den Yes Men handelt es sich um die Spaß-Wirtschaftskritiker Mike Bonanno und Andy Bichlbaum. In ihrem Film ist die angebliche Freiheit des freien Marktes Thema, Firmen wie Exxon oder Halliburton sind die Opfer. Die Polit-Aktivisten schlüpfen in die Rolle der Vertreter dieser Großkonzerne, und ergattern als Experten Sendezeit bei der BBC und anderswo, um die Wirtschaftsakteure bloßzustellen. Auf die Tour lösen sie etwa die Probleme der Hurrikan-geschädigten Stadt New Orleans, oder versprechen als Vertreter des Konzerns Dow Chemical, Aufkäufer der Firma Union Carbide, endlich Entschädigungen für die Überlebenden der Chemiekatastrophe im indischen Bhopal, von denen viele bis heute mit den Folgen kämpfen. Die Yes Men kapern die Öffentlichkeit mit der Knopflochkamera – eine extreme wie ansprechende Form des "Campaigning": Schnelle Schnitte, Gags am laufenden Band und jede Menge hanebüchene Vorfälle machen diese Form des Kinos aus. Die Folge: Das Publikum liegt den Yes Men zu Füßen. Für NGOs gibt es bei ihnen einiges zu lernen.

Zu dieser Art Dokumentarfilm kann man auch "Food Inc." zählen, die Geschichte einer investigativen Recherche über die US-Lebensmittelindustrie, die mit fragwürdigen Methoden Fett und Zucker oder Fett und Salz kombiniert. Man wird von ihren Produkten nicht satt, sondern dick. Der Krawall-Filmer Michael Moore steht diesem Kino Pate. Der kunstvoll komponierte Dokumentarfilm des Engagements greift den Missstand auf und fragt, wo die Abhilfe bleibt. Spannungsbogen und Dramatik inklusive, nagelt er Machthaber fest und konfrontiert sie rabiat mit der Wirklichkeit. Spätestens im Kinosaal.

Wie anders ist dagegen die Welt des Spielfilms! Er operiert auf viel schmalerem Grat. Er muss eine glaubwürdige, aber oft hochkomplexe Geschichte präsentieren, ohne zu vereinfachen. Er darf die Leistung der Schauspieler nicht mit seiner Aussage bedrängen. Er muss ins Bild setzen, was dröge Nachricht ist. ­Neben "Sturm" von Christian Schmid, der anonyme juristische Vorgänge vorbildlich in Szene setzt, präsentierte die Berlinale weitere Filme mit sehr guten Darstellern und hervorragenden Drehbüchern. Etwa der Gewinner des Goldenen Bären, "La Teta Asustada" aus Peru, der eine ganz eigene Formensprache für die Vorgänge während des peruanischen Bürgerkrieges entwickelt, in dem das Grauen jede Minute spürbar ist, obwohl die Bilder kühle Ruhe ausstrahlen.

Auch der Wettbewerbsfilm "London River" gehört hierher, wie er kunstvoll den Rassismus seiner Protagonistin in den Wirren einer veränderten Welt auflöst: Eine vorurteilsgeladene Mutter aus England und ein französischer Vater mit afrikanischen Wurzeln begeben sich mit gemeinsamer Abneigung auf die Suche nach ihren Kindern, die im Anschluss an das Londoner Bus­attentat vom 7. Juli 2005 mit 50 Toten verschwunden sind. "London River" vereint dabei die Ebene des Politischen mit der individuellen Erfahrung der Entfremdung in den Familien. Mutter wie Vater erfahren erst per Zufall, dass ihre Kinder ein Paar waren.

Der Panorama-Beitrag "Welcome" perfektioniert diese Verschränkung verschiedener Erlebniswelten: Regisseur Philippe Loiret lässt einen geschiedenen Schwimmlehrer während einer tiefen Lebenskrise in der französischen Kanalstadt Calais auf einen minderjährigen Flüchtling aus dem Irak treffen. Der Junge will nach London – zu dem Mädchen, das er liebt. "Ich bin nicht mal über die Straße gegangen, um dich zurückzukriegen", sagt der Lehrer zu seiner Ex-Frau. Der Pädagoge mit olympischer ­Vergangenheit bildet den Jungen zum Schwimmstar aus –, der muss es schließlich über den Ärmelkanal schaffen. Wie kommt man angesichts freier Warenströme – der Lastwagen kommt auf die Fähre, der Flüchtling nicht – und geschlossener Grenzen auf würdige Art und Weise ans Ziel eigener Wünsche? Es geht in Loirets Film auch um das individuelle Recht auf Überleben, und dabei bleiben wenig Fragen offen: Der Schwimmer kann nach 30 Kilometern Kanal nicht mehr – er ertrinkt 800 Meter vor den Kreidefelsen von Dover.

Härten sind dem Publikum zuzumuten, dieses Kino ist nicht kuschelig. In Filmen wie "Welcome", den Blick auf das Gesicht des alten vereinsamten Sportlers gerichtet, der jemanden betrauert, den er nicht kennt, fangen die Bilder selbst an zu sprechen.

Von Jürgen Kiontke
Der Autor ist freier Journalist und lebt in Berlin

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