"Gewalt nach dem Coming Out"
Homosexuelle werden noch immer diskriminiert, vor allem in Osteuropa. Ein Gespräch mit dem grünen Bundestagsabgeordneten Volker Beck.
Der Christopher-Street-Day erfreut sich vielerorts großer Beliebtheit, Paris und Berlin haben schwule Bürgermeister. Selbst eine Kleinstadt wie Bodenmais in Bayern wird inzwischen von einem Schwulen regiert. Hat sich die gesellschaftliche Akzeptanz von Homosexuellen verbessert?
Eindeutig ja! Wir haben die Gesellschaft dafür sensibilisiert, dass niemand wegen seiner sexuellen Identität ausgegrenzt werden darf. Angefangen hat dies mit dem Kampf um Entkriminalisierung – heute ist Homosexualität in keinem europäischen Staat mehr verboten. Bei der rechtlichen Gleichstellung Homosexueller haben wir unser Ziel noch nicht erreicht. Dennoch werden schon heute in vielen europäischen Ländern gleichgeschlechtliche Partnerschaften anerkannt.
Aber wir leben noch lange nicht in einer Gesellschaft ohne Vorurteile. Es gibt viele Lesben und Schwule meistens in kleineren Städten, die jeden Tag mit Vorurteilen zu tun haben.
Gibt es Unterschiede in der Einstellung zu Homosexuellen zwischen Ost und West?
Lesben und Schwule werden in Osteuropa leider stärker diskriminiert als in Westeuropa. Sie müssen nach einem Coming Out sogar mit physischer Gewalt seitens ihrer Freunde oder ihrer Familie rechnen. Aber auch dort ist viel in Bewegung. Die Leute organisieren sich, veranstalten Konferenzen, Demonstrationen und Filmfestivals. In Slowenien und Tschechien können Homosexuelle bereits eingetragene Partnerschaften schließen. Das kontrastiert mit traurigen Nachrichten aus Russland oder Lettland, wo den Schwulen und Lesben noch nicht mal die Demonstrationsfreiheit gewährleistet wird.
Was müsste die EU unternehmen, um die Lage zu verbessern?
Sie muss von ihren Mitgliedstaaten eine aktive Politik gegen jede Form von Homophobie, Rassismus und Antisemitismus verlangen. Sie muss zeigen, dass sie sich hinter ihre diskriminierten Bürger stellt, auch wenn das gegen eine nationale Regierung geschehen sollte. Zudem muss sie ihre Kompetenzen im Kampf gegen Benachteiligung geltend machen. Deshalb begrüßten wir die EU-Richtlinien, die Diskriminierung aus Gründen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, des Alters, der sexuellen Orientierung oder aufgrund einer Behinderung auf dem Arbeitsmarkt verbieten. Gerade für Schwule und Lesben aus Osteuropa stellen die Bemühungen aus Brüssel einen Schutz ihrer Grundrechte auch gegenüber ihren Heimatregierungen dar.
Schließlich muss die EU die Menschenrechtssituation von Lesben und Schwulen auch in der Außenpolitik deutlich machen. In Programme zur Unterstützung von Menschenrechtsverteidigern oder in Gesundheitsprogramme im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit muss endlich die Situation von Lesben und Schwulen integriert werden.
Interview: Stefan Wirner