Amnesty Journal Sri Lanka 11. Januar 2010

Durch den Monsun

Im Mai dieses Jahres endete der Bürgerkrieg in Sri Lanka. Doch Hunderttausende Menschen leben weiterhin unter katastrophalen Bedingungen in Flüchtlingscamps, die Gefangenenlagern gleichen.

Sie sind schmutzig, überfüllt und gefährlich – die Flüchtlingslager im Nordosten Sri Lankas. Es herrschen katastrophale Zustände, obwohl der Krieg schon seit über sechs Monaten vorbei ist und die meisten Menschen eigentlich in ihre Heimatorte zurückkehren könnten. Doch die Regierung lässt sie nicht. »Die Menschen stehen stundenlang für eine ärztliche Behandlung an, auch schwangere Frauen«, berichtete ein Flüchtling gegenüber Amnesty International. Es fehlt an medizinischer Versorgung, Nahrung und Wasser. Heftige Regenfälle gaben kürzlich einen Vorgeschmack darauf, was den Flüchtlingen droht, wenn bald der Monsun über sie hereinbricht: Abwässerkanäle liefen über, Zelte wurden überflutet und Wege unpassierbar.

Offiziell ist der Krieg seit dem 18. Mai beendet, als die srilankische Armee die tamilischen Separatisten der Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) besiegte. Doch Mitte November wurden noch immer ca. 160.000 Binnenflüchtlinge von der Regierung und der Armee in Lagern festgehalten. Häufig werden Vertriebene, die »freigelassen« wurden, lediglich in andere Lager überführt.

Im Nordosten Sri Lankas tobte 26 Jahre ein blutiger Bürgerkrieg, der fast 100.000 Menschen das Leben kostete. Sowohl die Separatisten als auch die srilankische Armee und paramilitärische Einheiten begingen schwere Menschenrechtsverletzungen. Zuletzt waren Hunderttausende Zivilisten im immer kleiner werdenden Kampfgebiet eingeschlossen. Sie litten unter Hunger und Durst und lebten in der ständigen Angst vor Artilleriebeschuss und Bombardierungen.

Die UNO untersucht Hinweise auf Kriegsverbrechen. Demnach ließ die Regierung wiederholt Gebiete beschießen, die als Schutzzonen für Zivilisten ausgezeichnet waren. Andererseits missbrauchten Rebellen die Bevölkerung als menschliche Schutzschilde und erschossen Menschen, die fliehen wollten.

Wie viele Menschen in den letzten Monaten des Krieges getötet wurden, weiß niemand genau. Die Regierung hinderte internationale Beobachter und Journalisten systematisch daran, aus dem Kriegsgebiet zu berichten. Diese Schikanen gegenüber Journalisten sind in Sri Lanka nichts Neues. Die Versammlungs- und die Meinungsfreiheit sind auf Grundlage eines Antiterrorgesetzes stark eingeschränkt.

Anfang 2007 gingen Sicherheitskräfte brutal gegen die Teilnehmer einer angemeldeten Demonstration gegen den Bürgerkrieg vor. Vergleichbare Demonstrationen gab es danach nicht mehr. In den vergangenen fünf Jahren wurden mehr als 30 Journalisten ermordet, viele andere wegen ihrer Berichte bedroht, entführt oder verletzt. Der Journalist Tissainayagam wurde wegen seiner regierungskritischen Artikel Ende August zu 20 Jahren Haft verurteilt.

Ursprünglich hatte die Regierung angekündigt, die Lager bis Ende November zu schließen. Sie hielt sich allerdings nicht an ihr Versprechen und verlängerte die Frist bis Januar 2010. Amnesty hat deshalb die weltweite Kampagne »Öffnen Sie die Gefangenenlager« gestartet. Die Organisation fordert die Regierung Sri Lankas auf, die Rechte der Vertriebenen zu respektieren und sie nicht länger am Verlassen der Lager zu hindern. Außerdem müssen die Flüchtlinge in die Pläne zur Schließung der Lager einbezogen werden und unabhängige Beobachter und Hilfsorganisationen uneingeschränkten Zugang zu den Camps erhalten. Damit das Leid der Bevölkerung ein Ende hat.

Von Martin Wolf. Der Autor ist Sprecher der Sri-Lanka-Ländergruppe der deutschen Sektion von Amnesty International.

Werden Sie aktiv: Fordern Sie die Öffnung der Gefangenenlager in
Sri Lanka auf www.amnesty.de/sri-lanka

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