Amnesty Journal 04. Juni 2009

Der kleine Bruder von Adolf Grimme

Zum fünften Mal hat der Amnesty-Bezirk Ruhr-Mitte den Marler Fernsehpreis für Menschenrechte vergeben. Der Ehrenpreis ging an die ZDF/Arte-Produktion "Memory Books", eine Dokumentation über aidskranke Kinder in Uganda.

Dass Wilfried Schmickler 2009 zum wiederholten Mal den Kleinkunstpreis erhielt, ist – gelinde gesagt – eine Untertreibung: 30 Jahre Kabarett, seit über 15 Jahren bei den WDR-"Mitternachtsspitzen" im Dienst der spitzen Pointe und auch sonst ständig auf Sendung: Schmickler ist ein ganz Großer in der Welt des politischen Kabaretts. Gäbe es einen besseren Moderator für die diesjährige Preisverleihung des Marler Fernsehpreises für Menschenrechte? Wohl kaum!
"Es war nicht alles schlecht" heißt sein aktuelles Soloprogramm. Der Titel taugt auch als Bilanz des TV-Jahrgangs 2007/ 2008, der nun im Fokus des vom Amnesty-Bezirk Ruhr-Mitte alle zwei Jahre vergebenen Preises stand. Denn trotz vieler berechtigter Klagen über Verflachung und billige Kopien im deutschen Fernsehprogramm: Es gibt sie noch, die guten und wichtigen Beiträge zum Thema Menschenrechte. Und der seit 2001 verliehene Preis trägt dazu bei, dass sich ihre Macherinnen und Macher in den Sendern nicht mehr ganz so vielen Hürden gegenüber sehen. Mit dem Preis würdigt Amnesty International Journalisten, Regisseure, Kameraleute und Schauspieler, deren Arbeit dem Thema Menschenrechte auf besondere Weise gerecht wird.
Dass die Trophäe undotiert ist, tut keinen Abbruch, sondern gehört bei einem Preis, der sich aus dem Idealismus der Macher speist, wohl eher dazu: Preisorganisatoren und die Jury arbeiten ehrenamtlich. "Wir verzichten ganz bewusst auf Medienprofis bei der Juryarbeit und der Auswahl der Preisträger", sagt Mitorganisator Rolf Opalka. Den Job erledigen die Amnesty-International-Mitglieder selbst – und können so ihre ganz konkreten
Erfahrungen als Menschenrechtler einbeziehen.
14 Sender reichten knapp 100 TV-Beiträge aus den letzten beiden Jahren für den Wettbewerb ein, 13 wurden von der Jury nominiert. Schon ein kurzer Überblick über diese engagierten Beiträge zeigt: Leicht dürfte die Entscheidung der Jury wohl kaum gefallen sein. Doch am Ende kann es nur eine Handvoll Sieger geben. Sie wurden am 9. Mai im Marler Rathaus ausgezeichnet.
Gewinner der Kategorie "Dokumentation Inland" ist ein WDR-Film aus der Reportage-Reihe "die story" über Kindersklaven in Indien: 14 Stunden täglich schuften Zehnjährige in der indischen Souvenir-Industrie. Die WDR-Reporter Rebecca Gudisch und Tilo Gummel drangen mit versteckter Kamera in diese Welt von Kinderarbeit ein, spürten Schlepper, Hintermänner und die Firmenchefs auf. "So werden wir als Endverbraucher implizit aufgefordert, unser Konsumverhalten zu überdenken und dabei unsere eigenen Konsequenzen zu ziehen", lobt die Jury.
Moderne Sklaverei ist auch das Thema des Sieger-Beitrags in der Kategorie "Magazin Ausland". Diana Zimmermanns Film für das ZDF-"Auslandsjournal" zeigt bedrückend eingänglich den Alltag von Sklavenarbeitern in China und kontrastiert dies mit der Machtlosigkeit und dem fehlenden Engagement der chinesischen Behörden. Die Jury überzeugte, dass "Sklavenarbeiter in China" die "Trauer, Mut, Scham und Freude der Menschen" zeige, "ohne ihre Würde zu verletzen".
In der Kategorie "Dokumentation Ausland" wurde der SWR-Beitrag "Im Schatten des Bösen" von Susanne Babila ausgezeichnet. Er erzählt eindrucksvoll von den unbekannten Opfern des vergessen Krieges im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo: von Frauen und Mädchen, die Opfer grausamer Vergewaltigungen geworden sind. Der Film "bringt das Leid der Betroffenen auf eine würdige und einfühlsame Weise an die Öffentlichkeit", begründet die Jury ihr Urteil.
Bei den Magazinen kann sich das Politmagazin "Fakt" vom Mitteldeutschen Rundfunk über eine Auszeichnung freuen: Markus Frenzels Beitrag "Kriegsverbrecher" über den Präsidenten der terroristischen Hutu-Miliz FDLR, die für die Befreiung Ruandas kämpft, überzeugte die Jury. Ignace Murwanashyaka wird von Interpol wegen Völkermords gesucht, lebt aber ganz unbehelligt in Mannheim. "Der Zuschauer erfährt: Straflosigkeit ist nicht nur in den Ländern, in denen Verbrechen begangen werden – im Zweifel ganz weit weg –, ein Thema, sondern auch in Deutschland", schreibt die Jury.
Schon länger stand übrigens der Ehrenpreis des Amnesty-Fernsehpreises fest: Er geht in diesem Jahr an die bereits vielfach ausgezeichnete ZDF/Arte-Produktion "Memory Books" über aidskranke Kinder in Uganda.
Solide, hintergründige Reportagen all dies, natürlich. Doch der Marler Fernsehpreis für Menschenrechte macht auch vor der Fiktion nicht halt: In der Kategorie Spielfilm konkurrierten Florian Henkel von Donnersmarcks Stasi-Drama "Das Leben der Anderen" mit dem "Tatort: Schatten der Angst", der sich am Ende durchsetzen konnte. Im ARD-Krimi vom SWR ermittelt Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) im deutsch-türkischen Milieu und sieht sich mit Zwangsheirat und Ehrenmord konfrontiert. Und als wäre es Teil des Films: Ursprünglich für
einen Sendetermin im Februar 2008 vorgesehen, wurde die Ausstrahlung dieses "Tatort" wegen der Brandkatastrophe am "Filmort" Ludwigshafen um mehrere Monate verschoben.
Mit diesem Preisträger-Tableau erinnert der Amnesty-Fernsehpreis nicht nur ein bisschen an den "großen Bruder" in Marl, den Adolf-Grimme-Preis des dort beheimateten Medieninstituts. Doch wer hier Konkurrenzdenken vermutet, liegt falsch: "Der Marler Fernsehpreis für Menschenrechte ist eine sehr, sehr gute Ergänzung unserer Arbeit", sagt Ulrich Spies, Referent für den Grimme-Preis beim Adolf-Grimme-Institut. Man kennt sich seit langem, kooperiert und tauscht sich aus. Denn das Thema Menschenrechte habe es im Fernsehen schwer, so Spies: "Es ist leider kein eigenständiges Thema im TV-Programm, es gibt keinen Sender, der sich hier besonders verpflichtet fühlt." Daher sei auch der Amnesty-Preis so wichtig, denn es hänge immer von den einzelnen Filmemachern ab, die sich mit ihrem Thema "zum Teil gegen härteste Widerstände in den Sendern durchsetzen müssen". Spies kündigte an, künftig enger mit Amnesty
International zusammenzuarbeiten. Er hält es für "durchaus vorstellbar", dass sich sein Institut ab 2011 an der Ausrichtung des "Marler Fernsehpreises für Menschenrechte" beteiligt.

Steffen Grimberg
Der Autor ist Medienredakteur bei der "taz".

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