Amnesty Journal Vereinigte Staaten von Amerika 25. September 2018

Schluss mit Bling-Bling

Der Rapper Kendrick Lamar mit schwarzer Cappy und weißem Oberteil vor grauem Hintergrund

Bob Dylan des Rap. Kendrick Lamar.

Der US-amerikanische HipHop durchläuft eine Repolitisierung – und kommt damit sogar im Mainstream an.

Von Thomas Winkler

Donald Trump war noch nicht im Amt, er stand noch nicht einmal als Präsidentschaftskandidat der Republikanischen Partei fest, da kam direkt aus dem Ghetto schon eine Breitseite: "FDT" hieß der Song des kalifornischen Rappers YG, der damit "Fuck Donald Trump" abkürzte. Im dazugehörigen Video spuckten Keenan Jackson, wie YG eigentlich heißt, und seine Kumpels ihre wütenden Reime in die Kamera, während über der Szenerie ein Polizeihubschrauber kreiste.

Das war im März 2016, und im Rückblick kann "FDT" vielleicht nicht als erstes Anzeichen, aber durchaus als lautester Startschuss für eine Repolitisierung des US-amerikanischen ­HipHop angesehen werden. Zu diesem Zeitpunkt war Rap zwar längst die kommerziell beherrschende Popmusik in den USA, er hatte während seines jahrzehntelangen Aufstiegs an die Spitze der Charts aber seine Funktion als gesellschaftspolitische Kommentarspalte zusehends aufgegeben. Die Zeiten, in denen Rap als "CNN des schwarzen Mannes" (Chuck D.) galt, schienen endgültig vorbei.

Doch dann kam Trump und löste nicht nur in der liberalen Elite, nicht nur in Hollywood und unter Intellektuellen, sondern auch in den Zentren des HipHop, in den von Afroamerikanern und Latinos geprägten Vierteln der US-Metropolen eine Trotz­reaktion aus.

Der Posterboy dieser Entwicklung heißt Kendrick Lamar. Er war vier Jahre alt, als er 1991 im Fernsehen sah, wie der Afro­amerikaner Rodney King von der Polizei misshandelt wurde. Er erlebte die Unruhen nach dem Freispruch der Polizisten direkt vor seiner Haustür in Compton, dem Stadtteil von Los Angeles, der in den 1980er Jahren auch schon die legendären Niggas With Attitude hervorgebracht hatte, die den Gangsta-Rap mit ­politischem Gewissen erfanden. Deren "Fuck Tha Police" war ein Meilenstein auf dem Weg zu einem neuen afroamerikanischen Selbstbewusstsein.

Genau 30 Jahre später berichten HipHop-Künstler in ihren Wortkaskaden erneut, wie die alltägliche Konfrontation mit Polizeigewalt das Leben junger Schwarzer in den USA prägt. Dass Lamar in seinem Leben schon zwei Mal in den Lauf einer Polizeiwaffe starren musste und sich anschließend wie vergewaltigt fühlte, verarbeitete er in vielschichtigen Texten, für die er als ers­ter Rapper den Pulitzer-Preis bekam und vom Kollegen Pharrell Williams als "Bob Dylan unserer Ära" bezeichnet wurde. Der 31-Jährige beschreibt das Leben in den afroamerikanischen Stadtteilen detailliert, einfühlsam und ambivalent, ohne die im Gangsta-Rap üblichen machistischen Klischees zu bemühen. Ihm geht es immer um Black Empowerment, so zum Beispiel in seinem Sample "Every Nigger is a Star" aus dem Soundtrack des Oscar-Gewinners "Moonlight".

Trump mag der Auslöser gewesen sein, der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, aber es waren die anhaltende Polizeibrutalität und die dagegen gerichtete "Black Lives Matter"-Bewegung, die dafür sorgten, das Rapper sich wieder politischen Themen zuwenden. Altmeister Nas brachte den unzweideutigen Song "Cops Shot the Kid" heraus, und selbst die einstmalige Gute-Laune-Band Black Eyed Peas zeigte in ihrem Video zu "Get It" Polizisten, die Afroamerikaner würgen und auf Kühlerhauben drücken, während ein Trump-Double aus dem Fond seiner Limousine abschätzig auf Protestierende blickt.

Mittlerweile aber hat sich der HipHop von Trump emanzipiert und den Blick geweitet: Jay-Z, der vielleicht größte Star des Genres, der im Wahlkampf für Hillary Clinton auftrat und Trump offen kritisierte, hinterfragt den immer noch grassierenden Rassismus in "The Story of O.J.". J. Cole bestritt eine ganze Tournee in einem orangefarbenen Overall, wie ihn Häftlinge in vielen US-Gefängnissen tragen müssen. Selbst Eminem, sonst vornehmlich in der eigenen Psyche grabend, ließ seinem viel­beachteten, viereinhalb Minuten langen Freestyle-Rap "The Storm", in dem er mit Trump abrechnete, mit "Revival" ein breiter angelegtes, gesellschaftskritisches Album folgen. Ob der neue Star Childish Gambino mit "This Is America" oder Vic Mensa mit "We Could Be Free": In keinem dieser neuen Songs wird Trump ausdrücklich erwähnt, aber natürlich liegt dieser wie ein böser Schatten auf den Beobachtungen und Sorgen, die in diesen Stücken zu rasanten Beats formuliert werden.

Es war vor allem Kendrick Lamar, der Rap den einen entscheidenden Schritt weiter führte. Zwar hatte der Gangsta-Rap, die weltweit erfolgreichste Variante von HipHop, schon gesellschaftliche Umstände beschrieben, dies aber meist aus der Ichperspektive und als Aufstiegsgeschichte: Im Mittelpunkt stand der Kleinkriminelle, der es aus dem Ghetto zu Geld und Sex im Überfluss schafft. Lamar wechselte zwar nicht das Sujet, denn er kommt selbst aus dem Ghetto. Aber er nimmt eine Beobachterposition ein, tritt einen Schritt zurück und blickt aufs große Ganze. Die soziale Beschreibung wird zum Sozialkommentar.

Längst ist er nicht mehr der einzige: Joey Bada$$ rechnet ab mit dem "Land of the Free", ­Logic reimt in "America" eine bestürzende Bestandsaufnahme aus schwarzer Sicht, deren Fazit Trumps Wahlslogan paraphrasiert, um die Ursache für die Spaltung des Landes offen zu legen: "Like make America great again make it hate again." Noch einen Schritt weiter geht Vic Mensa. Im Video zu seinem Song "We Could Be Free" schlägt er eine Brücke zwischen Charlottesville, Ferguson und Palästina, er predigt aber auch die alles heilende Kraft der Liebe: "Ich glaube daran, dass ich meinen Feind als Bruder sehen kann – dann werden wir wirklich frei sein." In diesem veränderten Klima in der HipHop-Szene ist nun auch wieder mehr Platz für Frauen wie Rapsody, Janelle Monáe, Princess Nokia oder Ill Camille, die im Gangsta-Rap bestenfalls das Objekt der Begierde geben durften.

Joey Bada$$, der mit "All Amerikkan Bada$$" eine gefeierte Bestandsaufnahme der aktuellen ­Situation in den USA ablieferte, sprach in einem Interview von einem "tiefgreifenden Wandel" des HipHops: "Immer mehr Künstler akzeptieren ihre Verantwortung. Denn wir sind es, die den Menschen eine Stimme geben müssen. Auch mein ­Album handelt nicht von mir, sondern von uns."

Wirklich überraschend aber ist nicht diese ­Repolitisierung, sondern dass sie im Mainstream stattfindet. Als in den 1980er und 1990er Jahren Public Enemy "Fight the Power" forderten oder The Roots "What they Do" fragten, fand das jenseits des Undergrounds nur selten große Aufmerksamkeit. Stattdessen schlägt Kendrick Lamar durch die Zusammenarbeit mit U2 geschickt die Brücke zu einem weißen Mainstream-Publikum und räumt bei der Grammy-Verleihung ebenso ab wie Childish Gambino, dessen "This Is America" aus dem Stand an die Spitze der Billboard-Charts schoss.

Nur ein einziger der kommerziell erfolgreichsten Rapper der vergangenen Jahre hält sich mit Kritik an Trump und den herrschenden Verhältnissen zurück: Ausgerechnet der künstlerisch wegweisende und sonst so streitbare Kanye West zeigt sich in den sozialen Medien mit einer "Make America Great Again"-Kappe und versichert seinem "Bruder" Donald, der dieselbe "Drachenenergie" wie er besitze, via Twitter seine "Liebe". Trump war begeistert: "Vielen Dank, Kanye, sehr cool!"

Tatsächlich ist es wohl umgekehrt. Der HipHop sollte dankbar sein, dass er seine gesellschaftliche Relevanz zurückgewonnen hat. Also: Thank you, Donald, very cool!

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