Amnesty Journal 06. Januar 2021

Königin der Traurigkeit

Eine schwarze Frau mit Perlenkette singt in ein Mikrofon und neigt dabei den Kopf etwas zur Seite.

Ikone des Jazz: Billie Holiday bei einem Auftritt in New York, 1947. Szene aus dem Film "Billie".

"Billie" ist das packende wie berührende Filmporträt der Sängerin und Menschenrechtlerin Billie Holiday.

Von Jürgen Kiontke

"Die Bäume des Südens tragen seltsame Früchte / Blut auf ihren Blättern / Blut an ihren Wurzeln / Schwarze Körper schwingen im Wind des Südens / Seltsame Früchte baumeln an den Pappeln."

Die Szenerie, die in "Strange Fruit" von Billie Holiday besungen wird, ist bedrückend. Es ist das Jahr 1939, die Jazzsängerin tritt mit Count Basie und anderen Größen auf. Der Durchbruch von Blues und Jazz ist auch eine Folge der Prohibition: Um sich zu amüsieren, gehen Weiße nun in die Clubs der Schwarzen, vor allem ins New Yorker Café Society, wo der Jazzstar Hof hält. Doch bei "Strange Fruits" verlassen sie den Saal.

An das, was Holiday auf die Bühne bringt, wollen sie nicht erinnert werden: Die seltsamen Früchte, von denen sie singt, sind die Körper von Schwarzen, die in den von Rassismus geprägten Südstaaten der USA wegen ihrer Hautfarbe gelyncht wurden. Die 24-jährige Sängerin, geboren als Eleanora Fagan, Spitzname Lady Day, ist schon früh wegen ihrer intensiven Performance berühmt und erlangt mit diesem Song Weltruhm. Er ist ein künstlerischer Meilenstein in der Geschichte des Kampfes um die Menschenrechte, "der Beginn der schwarzen Bürgerrechtsbewegung" wie die New York Times schrieb.

Wenn wir auf Tour waren, habe ich mir im Restaurant immer einen Extra-Burger bestellt, den ich mitnehmen konnte. Ich wusste nicht, wann es das nächste Mal was zu essen gab. Die weißen Kellner bedienten keine Schwarzen.

Billie
Holiday
Sängerin und Menschenrechtlerin

Die Geschichte dieses Lieds ist auch ein Zentrum des Dokumentarfilms "Billie" von James Erskine. In den späten 1960er-Jahren hatte die Journalistin Linda Kuehl für ihre Holiday-Biografie Größen der Jazzszene wie Charles Mingus und Count Basie, aber auch Schulfreunde und FBI-Agenten interviewt. Denn Holiday wurde von Polizei und Geheimdienst verfolgt, nicht zuletzt wegen Drogenbesitzes. Aber Kuehl starb in den 70er-Jahren unter ungeklärten Umständen, und die Bänder, die 200 Stunden umfassen, wurden nie angemessen ausgewertet. In seinem Film rekonstruiert Erskine das Leben der Jazzikone anhand dieser Tonprotokolle. Aus ärmlichsten Verhältnissen stammend, muss Billie Holiday schon mit 13 Jahren als Prostituierte arbeiten, sie wird früh zum Star, hält ihre Berühmtheit, Expressivität und Produktivität mit Drogen aus und stirbt 1959 beinahe so arm, wie sie geboren wurde.

Die Aufnahmen von ihrem musikalischen wie privaten Leben sind so schockierend wie faszinierend, das Material wurde aufwändig restauriert. Der Film vermittelt eine Vorstellung von ihrer starken Bühnenpräsenz, aber auch von dem Hass und den Schwierigkeiten, mit denen sie konfrontiert war. "Wenn wir auf Tour waren, habe ich mir im Restaurant immer einen Extra-Burger bestellt, den ich mitnehmen konnte. Ich wusste nicht, wann es das nächste Mal was zu essen gab. Die weißen Kellner bedienten keine Schwarzen", erzählt Holiday.

Erskines Film ist eine ungeheure Fleißarbeit und ein ungemein spannender, schöner und mitreißender Film: das vielschichtige Porträt einer Sängerin, deren Leben von Shows, Exzessen und Rebellion gekennzeichnet war. Ein Film wie ein Denkmal – für die wohl bedeutendste Jazzsängerin weltweit und eine wichtige Kämpferin für die Bürgerrechte in den USA.

"Billie". Regie: James Erskine. GB 2019. Kinostart: 24. Dezember 2020.

Jürgen Kiontke ist freier Autor, Journalist und Filmkritiker. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International oder der Redaktion wieder.

WEITERE FILMREZENSIONEN

Europas Passionsgeschichte

von Jürgen Kiontke

Jesus ist schwarz, er ist Feldarbeiter und hat keine Papiere: Für seinen neuen und spektakulären Film nimmt sich Milo Rau die Lage afrikanischer Migranten in Italien vor. Und wie es die Arbeitsweise des Schweizer Theater- und Filmregisseurs ist, bezieht er die Situation und die Menschen vor Ort mit ein. Spielort ist die Stadt Matera im Süden – dort drehten schon Pier Paolo Pasolini und Mel Gibson ihre Bibelfilme, zum Teil stehen sogar noch die Kulissen. Rau bringt das Genre auf den zeitgemäßen Stand und fragt: Was würde Jesus heute predigen und wie sähen seine Jünger aus? Die Antwort: Er wäre ein Menschenrechtsaktivist und würde gerechte Arbeitsbedingungen für die Gestrandeten der europäischen Flüchtlingspolitik fordern. Gemeinsam mit dem Aktivisten Yvan Sagnet, der Jesus spielt und früher selbst auf den Tomatenfeldern geschuftet hat, besucht Rau die aus Brettern und Pappe zusammengezimmerten Unterkünfte der Arbeiter, filmt an den Orten der Prostitution, in die afrikanische Frauen gezwungen werden, und lässt alle ausführlich zu Wort kommen. Mittendrin inszenieren Raus Protagonisten ein Passionsspiel, interpretieren ihre Lage als biblisches Schicksal, das aber alles andere als unveränderbar ist. Dieser Film im Film ist Kunstaktion und Passion gleichermaßen – und vor allem: ein mitreißendes politisches Manifest.

"Das neue Evangelium". D/SUI 2020. Regie: Milo Rau. Darsteller: Yvan Sagnet, Marie Antoinette Eyango. ­Kinostart: 17. Dezember 2020

Das Schicksal der Verschwundenen

von Jürgen Kiontke

"Ich gehe nach Arizona, zur Arbeit", sagt Jesús noch, dann nimmt er den Bus 670, der ihn und einen Freund zur US-Grenze bringen soll. Seine Mutter Magdalena wird so schnell nichts mehr von ihrem Sohn hören. Dass Menschen verschwinden, ist Alltag in Mexikos Grenzregion. Kriminelle Banden rauben sie aus, töten sie und verbrennen die Leichen bis zur Unkenntlichkeit. Die Gewalt richtet sich zumeist gegen Frauen, Minderheiten, Migranten. Der Terror der Banden hat erschütternde Ausmaße angenommen: Dutzende von Massengräbern wurden entdeckt, die Bevölkerung ganzer Dörfer vertrieben. Auch Magdalenas Sohn scheint ein Opfer geworden zu sein. Als Monate später die Leiche von Jesús’ Begleiter gefunden wird, macht sich die Mutter auf die Suche, klappert Leichenschauhäuser und Polizeistationen ab. Und trifft dabei auf einen Jungen, der seine Mutter sucht. In Fer­nanda Valadez’ grandiosem ersten Langfilm geraten die Menschen immer wieder in parabelhafte und verzwickte Situationen. Und am Ende wünscht sich Magdalena, nie ein Kind gehabt zu haben. Valadez’ Film reflektiert die Verhältnisse auf geschickte, sehr künstlerische Weise: Die Morde sind jederzeit präsent, spielen aber nicht die Hauptrolle. "Ich wollte nicht, dass uns die Gewalt von der Suche nach dem Verschwundenen ablenkt", sagt die Regisseurin. Ein äußerst ­kluger Film darüber, was es heißt, Opfer und ­womöglich zugleich auch Täter zu sein.

"Was geschah mit Bus 670?". MEX/ESP 2020. Regie: Fernanda Valadez, Darsteller: Mercedes Hernández, ­David Illescas. Derzeit in den Kinos

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