Amnesty Journal Uganda 26. Juli 2017

Arme helfen Armen

Im Vordergrund stehen im Vordergrund, im Hintergrund sind weitere Menschen in einer wüstenartigen Landschaft

Warten auf Essen. Bidibidi, im April 2017

Im Norden Ugandas entsteht das größte Flüchtlingslager der Welt. Mehr als 1,2 Millionen Südsudanesen sind bereits über die Grenze geflohen.

Aus Bidibidi berichten Kirsten Milhahn (Text) und Anne Ackermann (Fotos)

Der Weg in die Freiheit führt über eine schmale Holzbrücke. Stella Akita, 19, und ihre drei Schwestern sind an diesem Morgen unter den Ersten, die sie erreichen, hier am Grenzposten von Busia im Norden Ugandas. Bepackt mit dem, was sie tragen können, überqueren die jungen Frauen den Kaya. Der mäandert so friedlich durch die idyllische Hügellandschaft, als gäbe es den Krieg auf der anderen Seite des Grenzflusses nicht.

Die Gesichter der Geschwister wirken zuversichtlich, trotz der Müdigkeit. Keine der Frauen blickt zurück. Zwei Wochen zuvor haben sie ihrem Dorf Payawa südlich der südsudanesischen Hauptstadt Juba den Rücken gekehrt. Ein bisschen Kochgeschirr, Lebensmittel, fünf Hühner und ihre Matratzen nahmen sie mit. Weil der Krieg nun auch in Payawa wütet, sind sie gerannt. In Richtung Süden, nach Uganda, wie so viele Flüchtlinge vor ihnen.

An der Holzbrücke über den Kaya steht Emmanuel Emulit. Der groß gewachsene Mann mit der Statur eines Bodybuilders leitet den Grenzposten auf ugandischer Seite. Für jeden Ankömmling aus dem Südsudan findet er ein paar aufmunternde Worte. Die jungen Frauen begrüßt er lachend mit Handschlag und gibt kurz praktische Anweisungen: "Packt eure Sachen in den Schatten, ruht euch aus! Gleich kommt der Bus, dann geht’s ab ins Aufnahmelager!"

Dann dreht er sich um und raunt: "Ein paar Hundert werden es wohl heute." Aber das sei nichts im Vergleich zum Chaos im August vergangenen Jahres. "Wegen der Kämpfe um Juba sind damals jeden Tag Tausende über die Grenze geströmt. Die Holzbrücke war zu eng, also sind sie in Massen einfach durch den Fluss gewatet", erzählt Emulit. Inzwischen sei es überschaubar geworden. Einfacher zu kontrollieren, was auch an der guten ­Logistik liege. Der Grenzer arbeitet seit drei Jahren an dem ­Posten am Kaya. Das Flüchtlingsdrama, das sich seit Ende 2013 entlang der Grenze zum Südsudan abspielt, hat er von Beginn an miterlebt.

Lehren für Europa

1,8 Millionen Südsudanesen sind seitdem geflohen. Verantwortlich für die Kämpfe sind verfeindete Warlords, deren Milizionäre Dörfer plündern und sie anschließend verbrennen, die vergewaltigen und morden. Stadtbewohner werden verfolgt, weil sie den vermeintlich falschen Bevölkerungsgruppen – Dinka oder Nuer – angehören. Auf dem Lande hungern die Menschen, weil niemand mehr imstande ist, die Felder zu bewirtschaften. Wer nicht flieht, riskiert sein Leben.

Das Staatssystem des christlich dominierten Südsudans, der sich 2011 vom mehrheitlich muslimischen Sudan löste, ist längst zusammengebrochen. Religiöse Differenzen, mangelnde ­politische Teilhabe und wirtschaftliche Interessen hatten vor sechs Jahren zur Abspaltung vom Norden geführt – verbunden mit viel Hoffnung. Doch davon ist nichts mehr übrig: Inzwischen kämpft die Clique von Präsident Salva Kiir gegen die seines 2016 abgesetzten Stellvertreters Riek Machar um die Ressourcen des Landes und Korruptionsgeld. Während die Warlords am Krieg verdienen, treibt es ihr Volk in die Flucht – in die Nachbarländer, den Sudan und vornehmlich Uganda.

Im Nordwesten des armen Landes liegt heute ein Ort, von dem nicht zuletzt Europa lernen kann, wie man mit Flüchtenden umgeht: Bidibidi. Einst nicht mehr als ein Dorf, etwa 30 Kilometer von der Grenze entfernt, entsteht rund um die Gemeinde derzeit das größte Flüchtlingslager der Welt. Anders als viele Europäer denken, schaffen es die meisten afrikanischen Flüchtlinge gar nicht über das Mittelmeer, sondern bestenfalls ins Nachbarland. 15,6 Millionen Menschen – jeder vierte von mehr als 60 Millionen weltweit auf der Flucht – fand 2015 Aufnahme in einem der Staaten südlich der Sahara. In Europa waren es im selben Jahr knapp 1,2 Millionen.

So viele wie in Uganda allein. Doch während in den reichen EU-Staaten weiter über Aufnahmequoten gestritten wird, hat sich das Land mit einem Pro-Kopf-Monatseinkommen von nur 42 Euro bereit erklärt, Flüchtlingen vor allem aus dem Südsudan großzügig Aufnahme zu gewähren – obwohl es dabei selbst an seine Belastungsgrenzen gerät.

Bidibidi liegt inmitten sanft geschwungener Hügel und gleicht einem riesigen Dorf – trotz 270.000 Einwohnern. Manche sitzen vor strohgedeckten Lehmhütten, auf der Straße toben Kinder. Ein paar Familien, die schon länger da sind, bestellen bereits ihre Äcker. Neuankömmlinge wiederum zimmern sich mit Planen des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) Notunterkünfte. Ganz hinter sich lassen freilich können auch die Lagerbewohner den Krieg nicht: Angehörige von Dinka und Nuer sind in weit voneinander entfernten Zonen des Lagers untergebracht. Freiwillige helfen, Streitigkeiten zu schlichten – und bei Registrierung sowie Essensverteilung.

Essensbeschaffung und -verteilung obliegen dem World Food Programme der Vereinten Nationen (WFP), die Wasserversorgung an öffentlichen Brunnen koordiniert größtenteils das UNHCR. Bäume fällen für Feuerholz ist unter Androhung von Strafe verboten. Noch verläuft alles geordnet.

"Das könnte sich schnell ändern", sagt Robert Baryamwesiga, der Bidibidi und die umliegenden Camps im Auftrag der Regierung Präsident Yoweri Musevenis in Kampala leitet. So sei das Geld für die Versorgung schon jetzt knapp – Nahrungsmittelkürzungen sind die Folge. "Und es könnte bald noch viel knapper werden", so Baryamwesiga. Sollte etwa US-Präsident Donald Trump wie angekündigt die Ausgaben für Entwicklungshilfe drastisch kürzen, wäre schnell Schluss mit Ugandas großzügiger Flüchtlingspolitik: Laut UNHCR stammen rund 54 Millionen US-Dollar Soforthilfe aus den USA. Die EU gibt 4,4 Millionen, Deutschland 1,1 Millionen US-Dollar.

Porträt zwei junger Frauen mit einem Kleinkind vor einen Hintergrund aus Bäumen und Gras

Stella Akita und ihre Schwestern am Grenzübergang Busa

Integration statt Abhängigkeit

Möglichst schnell raus aus der Abhängigkeit, lautet deshalb der Ansatz in Bidibidi. Anders als im kenianischen Dadaab, wo seit drei Jahrzehnten 300.000 somalische Flüchtlinge am Tropf der Entwicklungshilfe hängen, setzt die ugandische Regierung auf Integration: Stella Akita und ihre Schwestern etwa haben das Recht, unmittelbar nach ihrer Registrierung eine Arbeit anzunehmen. An der Hauptstraße von Bidibidi sind Werkstätten entstanden, Kioske, Restaurants und Friseurläden. Familien erhalten Land zur eigenen Bewirtschaftung. Man sorgt vor – auch deshalb, weil die meisten Südsudanesen in Uganda bleiben werden, zumindest vorerst. 250 Quadratkilometer Fläche hat die Regierung für die Neuankömmlinge bereitgestellt.

Das allerdings sorgt auch für Konflikte mit den Alteingesessenen, schließlich lebt jeder dritte der rund 34 Millionen Einwohner Ugandas in extremer Armut. Vor allem auf dem Land ist die Not groß. Immer wieder gebe es Fälle von Bettelarmen, die sich aus Verzweiflung in den Aufnahmelagern als Südsudanesen ausgeben, erzählen Mitarbeiter von Hilfsorganisationen. Die meisten seien Frauen mit Kindern. Für sie sei es nicht verständlich, warum den Flüchtlingen geholfen werde und ihnen nicht.

"Was ich von den Flüchtlingen halte?", fragt Addi Mahazin und rückt den Plastikstuhl vor seiner Hütte zurecht. Seit Generationen lebt die Familie des 57-Jährigen in Kowanga, einem Dorf in der Nähe von Bidibidi. "Das sind Nachbarn, keine Fremden", sagt er. Er könne sich noch gut an die späten 1970er und 1980er Jahre erinnern. "Da rannten wir um unser Leben wegen der politischen Unruhen in Uganda. Die Sudanesen haben uns damals aufgenommen."

Über den Hof laufen ein paar Hühner, Mahazin deutet auf eine kleine Baumplantage hinter dem Haus. "Alles Bauholz, das ich demnächst nach Bidibidi verkaufe", sagt er. Bevor die Flüchtlinge gekommen seien, habe er seine Teakhölzer bis nach Yumbe oder noch weiter karren müssen – ohne dass ihm dort viel abgenommen worden wäre. Aber jetzt, wo in Bidibidi überall ­gebaut werde, erhoffe er sich gute Geschäfte – auch deshalb, weil durch die Flüchtlinge Hilfsorganisationen ins Land kommen und mit ihnen Gelder und Güter. Davon profitiert auch die Regierung in Kampala.

Leben ohne Angst

Das Aufnahmelager von Goboro am späten Nachmittag, zehn Kilometer von der südsudanesischen Grenze entfernt. Der Regen hat das im Wald gelegene Areal in eine Pfützenlandschaft verwandelt. Vier Zelte sind hier als Notunterkünfte hergerichtet, daneben eins für die Krankenversorgung sowie ein Küchenzelt und Zeltlatrinen. Busse stehen bereit, die die Neuankömmlinge nach einer warmen Mahlzeit und einer Nacht im Aufnahmelager weiter nach Bidibidi bringen. Ein Junge in Shorts und Badelatschen springt über die Pfützen, in seiner Hand hält er ein glimmendes Stück Holz. "Zum Feuermachen", ruft er und deutet auf eines der Zelte. Dann muss er schnell weiter.

Keine zehn Minuten später ist er wieder zurück. "Robert Mandela aus Yei", sagt er freundlich und streckt die Hand zur Begrüßung aus. Auf seinem viel zu großen T-Shirt steht in weißen Lettern "Humans are so interesting". Sechs Tage haben er und seine beiden Freunde Noel und Kenedy von der Stadt im Südwesten Jubas gebraucht, um über die Grenze zu gelangen, ­erzählt der 14-Jährige. "Tagsüber sind wir durch die Hitze gelaufen. Am Wegesrand haben wir Mangos gepflückt und gegessen. Nachts haben wir uns zum Schlafen in die Büsche geschlagen."

In Goboro sind die drei Jungen ohne Gepäck angekommen; ihre Eltern haben sie bereits bei Beginn des Kriegs im Südsudan 2013 verloren. Zurück wolle keiner von ihnen, sagt Robert. Ihm beipflichtend schütteln die beiden anderen die Köpfe. Was er sich von Uganda erhoffe? Etwas zu essen, Gesundheit und zur Schule gehen, damit später etwas aus ihm werde. Und in Freiheit leben wolle er auch, um die Angst loszuwerden und die ­Erinnerungen an den Krieg auf der anderen Seite der Grenze.

Eine junge Frau sitzt mit ihrem Baby auf dem Rücken auf einem Koffer, ihr zweites Kind steht neben ihnen und im Hintergrund befinden sich weitere wartende Menschen.

Warten auf die Weiterfahrt - Südsudanesin mit ihren Kindern in Kuluba, April 2017

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