Amnesty Journal Syrien 11. Dezember 2023

Eine Anwältin für Syriens Frauen

Eine mittelalte Frau, blond gesträhntes Haar, eine eckige Halbbrille, vor einem Mikrofon, vor ihr ein Namensschild auf dem "J. Seif" steht.

Gehört zu den prominentesten Menschenrechtsanwält*in nen Syriens: Joumana Seif

Die Juristin Joumana Seif setzt sich seit Jahrzehnten für Menschenrechte und Demokratie in Syrien ein. Ihr Fokus liegt auf den besonderen Auswirkungen politischer Haft auf Frauen.

Von Hannah El-Hitami

Joumana Seif kommt aus einem "Reich des Schweigens", wie sie sagt. In ihrer ehemaligen Heimat Syrien hat sie erlebt, wie das Assad-Regime seit Jahrzehnten willkürlich

Menschen inhaftiert, verschwinden lässt und foltert, um ­seine Macht zu zementieren. In diesem Land, in dem Kritik am Staat höchstens geflüstert werden kann, war die 53-jährige Juristin eine der lautesten Stimmen für Gerechtigkeit. Und sie hat zahlreiche andere Syrer*innen dazu ermutigt, ihr Schweigen zu brechen.

Seif gehört zu den prominentesten Menschenrechtsanwäl­t*in­nen Syriens. Sie ist Mitbegründerin mehrerer feministischer Vereine, die sich für eine gleichberechtigte politische Beteiligung syrischer Frauen einsetzen. Zudem arbeitet sie an der völkerrechtlichen Aufarbeitung sexueller und geschlechtsspezifischer Gewalt in Syrien. Sie hat entscheidend dazu beigetragen, diese Gewalt als systematisch eingesetzte Kriegswaffe und somit vor Gericht als Verbrechen gegen die Menschlichkeit einzustufen. Unter anderem dafür erhielt sie im März 2023 den Anne-Klein-Frauenpreis.

Seif wurde 1970 in Damaskus geboren. Sie ist Tochter des prominenten Oppositionspolitikers Riad Seif, studierte in Beirut und Damaskus Jura und arbeitete ab 2001 im Bereich Menschenrechte, mit dem Fokus auf politische Gefangene. Bereits Jahre vor Beginn der Massenproteste 2011 beteiligte sie sich aktiv an der Demokratiebewegung im Land. 2012 musste sie Syrien verlassen, nachdem sie, ihr Vater und ihre Kinder Morddrohungen erhalten hatten. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Berlin und arbeitet für das European Center for Constitutional and ­Human Rights (ECCHR).

In dieser Funktion betreute sie zahlreiche Folterüberlebende, die beim weltweit ersten Prozess zu syrischer Staatsfolter als Zeug*innen aussagten. Beim sogenannten Al-Khatib-Verfahren in Koblenz wurden 2020 auf Grundlage des Weltrechtsprinzips zwei ehemalige Geheimdienstmitarbeiter aus Syrien angeklagt. Das Gericht verurteilte sie wegen Folter von Gefangenen und stufte dies als erstes Gericht weltweit als Verbrechen gegen die Menschlichkeit ein.

Es war ein Urteil, das die Rechte der Opfer anerkannte und die Darstellung des kriminellen Assad-Regimes, die die schweren Übergriffe in seinen Gefängnissen vollständig leugnet, Lügen strafte.

Seif untersuchte in diesem Zusammenhang die besonderen Auswirkungen von politischer Haft und Folter auf Frauen. Die Behörden verhafteten Aktivistinnen und Unterstützerinnen der Revolution sowie Ehefrauen, Töchter und Schwestern von Männern, die sich gegen das Regime stellten, wohl wissend, was dies für die betroffenen Frauen bedeutete, sagte Joumana Seif. "Eine Frau, die im Gefängnis war, wird gesellschaftlich stigmatisiert, weil alle annehmen, sie sei dort vergewaltigt worden." Auf diese Weise sei es dem Regime gelungen, die Gesellschaft zu fragmentieren und die Protestbewegung zu schwächen.

Mit ihrer Arbeit hat Seif das Ausmaß und die Systematik ­sexueller und geschlechtsspezifischer Gewalt in syrischen Gefängnissen aufgezeigt, sodass diese Verbrechen beim Prozess in Koblenz nicht als Einzeltaten, sondern ebenfalls als Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingestuft wurden. Ein großer Erfolg: "Es war ein Urteil, das die Rechte der Opfer anerkannte und die Darstellung des kriminellen Assad-Regimes, die die schweren Übergriffe in seinen Gefängnissen vollständig leugnet, Lügen strafte." Urteile wie dieses könnten auch für künftige Völkerrechtsverfahren wegweisend sein.

Am meisten fürchtet Seif, dass westliche Staaten ihre politischen Beziehungen mit dem Assad-Regime normalisieren könnten. Darum kämpft sie als Juristin dafür, dass dessen Verbrechen juristisch aufgearbeitet und dokumentiert werden. Denn: "Wir wissen, dass der Weg zur Gerechtigkeit schwer und dornig ist, aber er ist der einzig richtige."

Hannah El-Hitami ist freie Journalistin und lebt in Berlin. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

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