Amnesty Journal Südafrika 25. September 2018

Ein wehmütiger Optimist

Nelson Mandela vor einer Hauswand

Besuch der einstigen Zelle. Nelson Mandela in Robben Island, 2003.

Nelson Mandela war 10.052 Tage in Haft und schrieb Hunderte Briefe – an seine Frau, seine Kinder, den Justizminister, politische Mitstreiter und Amnesty International. Ein Buch macht sie nun zugänglich.

Von Maik Söhler

Der Mann mit der Häftlingsnummer 466/64 ist erbost. Er hat Briefe geschrieben, die den Adressaten nie erreicht haben, umgekehrt sind ihm auch Briefe von Freunden und Verwandten vorenthalten worden. Und nun weist ihn auch noch ein Zensor darauf hin, dass er in einem neuen Brief an seine Ehefrau mehr geschrieben hat als das erlaubte Maximum von 500 Wörtern und gefälligst kürzen soll.

Das macht Nelson Mandela dann auch, als Strafgefangener hat er wohl keine andere Wahl. Sein zu kürzender Brief an Winnie Mandela ist vom 31. August 1970, er ist schon seit fast acht Jahren in Haft, davon bereits sechs im Hochsicherheitsgefängnis Robben Island. Weitere zwölf Jahre in Robben Island werden folgen und danach acht weitere Jahre in anderen südafrikanischen Strafanstalten. Am Tag seiner Entlassung, dem 11. Februar 1990, kann er auf 10.052 Tage im Gefängnis zurückblicken.

Sein Schreiben an Winnie Mandela gehört zum Fundus von mehr als 250 ausgewählten Briefen, die die Nelson Mandela Foundation jetzt international zugänglich gemacht hat. Die deutsche Ausgabe trägt den Titel "Briefe aus dem Gefängnis". In einer Einführung und Anmerkung zum Werk erklärt die ­Herausgeberin Sahm Venter, Senior Researcher bei der Nelson Mandela Foundation, wie das Gefängnis- und Zensursystem im Apart­heidregime Südafrikas funktionierte. Die Anzahl an Briefen war streng reglementiert, ebenso der Inhalt.

In einem weiteren Vorwort betont Zamaswazi Dlamini-Mandela, eine Enkeltochter des ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas, den "wehmütigen Optimismus" ihres Großvaters, wenn es um Familienangelegenheiten ging. Und darum ging es häufig. Seiner Frau, seinen Kindern, aber auch anderen Verwandten schrieb Mandela regelmäßig. Mal steht der schulische Werdegang im Vordergrund, mal die Inhaftierung Winnies, weswegen Briefe an andere Verwandte und Freunde folgen, ob sie sich um die Kinder kümmern können.

1968 stirbt Mandelas Mutter, ein Jahr später sein Sohn Thembi. Man merkt den Briefen jener Zeit an, dass es ihn fast zerreißt, nicht an den Bestattungen teilnehmen zu können. Und doch geht es weiter: Briefe der Anteilnahme von politischen Weggefährten und Freunden werden in einer zutiefst humanen Sprache beantwortet, stets mit einem präzisen Blick auf den Adressaten und seine spezifische Situation.

Mandelas Ton ist freundlich – egal, ob er Bekannten schreibt, den Justizminister des Apartheidstaates mit Menschenrechten und Gleichberechtigung konfrontiert oder sich an die Verwaltung der University of London wendet, wo er aus der Haft heraus Jura im Fernstudium belegt. Trotz widrigster Umstände – Zwangsarbeit, eine teils miserable Versorgung mit Essen und Medikamenten, Informationszensur – bleibt diese Freundlichkeit Mandela über all die Jahre erhalten. "Zum Schluss möchte ich Sie bitten, dieses Schreiben als festen, warmen und herzlichen Händedruck meinerseits anzunehmen", heißt es zum Beispiel in einem seiner ersten Briefe aus der Haft vom 6. November 1962 an den Generalsekretär von Amnesty International.

Erst gegen Ende des Buches verändert sich Mandelas Ton. Aus dem "wehmütigen Optimismus", den seine Enkelin im Vorwort beschrieb, schwindet die Wehmut, doch der Optimismus bleibt. Denn im Alter von 71 Jahren kann er seine letzte Haft­anstalt, das Victor-Verster-Gefängnis, endlich als freier Mann verlassen.

Nelson Mandela: Briefe aus dem Gefängnis. Aus dem ­Englischen von Anna Leube und Wolf Heinrich Leube. C.H. Beck, München 2018. 752 Seiten, 28 Euro.

Buchtipps

Wenn Recht an Politik scheitert

Carla Del Ponte rechnet ab. "Im Namen der Opfer" heißt ihr neues Buch, und es behandelt die Jahre 2011 bis 2017, als die Juristin Mitglied einer Kommission des UN-Menschenrechtsrats war, die Menschenrechtsverletzungen im Syrien-Krieg untersuchte. Ziel der Kommission war es, Verantwortliche festzustellen und sie haftbar zu machen. Dafür schien die nun 71-jährige Schweizerin gut geeignet. War sie doch von 1999 bis 2007 Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs für die Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien sowie für den Völkermord in Ruanda – ein Posten, der ihr in der Weltpolitik viele mächtige Gegner einbrachte. Folgt man ihrem neuen Sachbuch, sind auch diesmal wieder politische Feinde am Werk, die die Arbeit des UN-Menschenrechtsrats unterlaufen, sabotieren, erschweren oder sich ihr anderweitig entgegenstellen. Schließlich sei der Konflikt in Syrien nicht nur ein Bürgerkrieg, sondern ein Aufeinandertreffen regionaler Hegemonialmächte und "ein Stellvertreterkrieg" zwischen Russland und dem Westen, wie Del Ponte ausführt. Sie trifft Diplomaten, besucht Flüchtlingslager, sammelt belastende Dokumente gegen so gut wie alle kriegsbeteiligten Parteien und merkt schnell: "Wir waren schon ein zahnloser Papiertiger." 2017 stieg sie deshalb aus der Kommission aus. Ihr Fazit: "Justiz ist nicht möglich, wenn der politische Wille fehlt." Ihr Buch "Im Namen der Opfer" ist interessant, stellenweise aber ein wenig eitel.

Carla Del Ponte: Im Namen der Opfer. Giger, Altendorf 2018. 200 Seiten, 22,90 Euro.

Peitschenhiebe mit Folgen

Die Geschichte Israels in einer Nussschale: Der in Tel Aviv lebende Schriftsteller Assaf Gavron hat mit "Achtzehn Hiebe" einen weit in die Vergangenheit reichenden Krimi verfasst, der dabei auch noch die Gegenwart in den Griff bekommt. Achtzehn Peitschenhiebe wurden zwei Soldaten des britischen Empire von zionistischen Widerstandskämpfern in den späten 1940er Jahren verabreicht, als Rache für die öffentliche Auspeitschung eines Juden durch die damalige Mandatsmacht in Palästina.

Über 70 Jahre später wird der Taxifahrer Eitan Einach zufällig zum Detektiv in einer Mordserie in Tel Aviv, in der jene Peitschenhiebe von Bedeutung sind. Gavron unternimmt in seinem Buch eine doppelte Rundreise – durch das Israel von heute und durch seine Vergangenheit. "Krieg, Leben oder Tod, Intrigen", so beschreibt ein Protagonist das Jahr 1946, dem nur zwei Jahre später die Staatsgründung folgte und mit ihr wiederum "Krieg, Leben oder Tod, Intrigen". "Achtzehn Hiebe" spart nicht mit Kritik – an der britischen Mandatsmacht, an fanatischen jüdischen Nationalisten und am Nationalsozialismus, der mit seiner Vernichtungsmaschinerie Überlebende und Geflohene erst zu Fanatikern machte. Auch die aktuelle Situation in Israel wird nicht geschönt. Diese Kritik erfolgt beiläufig, elegant und humorvoll. Und, noch schöner, das Buch der Hiebe feiert die Liebe.

Assaf Gavron: Achtzehn Hiebe. Aus dem Hebräischen von Barbara Linner. Luchterhand, München 2018. 416 Seiten, 22 Euro.

Neue Einblicke in die Colonia Dignidad

Viele Aspekte der Geschichte der deutschen Siedlung Colonia Dignidad in Chile und ihre Verstrickung in die Ermordung und Folter Oppositioneller während der Diktatur Augusto ­Pinochets in den 1970er Jahren sind erforscht. Auch ist einiges bekannt über die Repression im Inneren der Sekte um den deutschen Evangelikalen Paul Schäfer: Vergewaltigungen und andere Formen sexueller Gewalt, Folter sowie der Einsatz von Elektroschocks und Psychopharmaka, Züchtigung und Zwangsarbeit standen auf der Tagesordnung. Und doch bleiben Lücken in der Aufklärung über die Colonia. Einige dieser Lücken schließen sich nun, weil jene, die dabei waren, als Opfer, als Mitwisserinnen und manchmal auch in beiden Rollen, in "Lasst uns reden" ihre Geschichten erzählen. Es sind ausschließlich Frauen, die in dem von Heike Rittel und Jürgen Karwelat herausgegebenen Sammelband zu Wort kommen. 16 Protokolle zeugen von einem Leben in einer totalitären Welt, in der die Einzelnen physisch und psychisch malträtiert, manipuliert, oft isoliert und oft auch von Informationen und Bildung ferngehalten wurden. Eine profunde Einleitung, eine Zeitleiste, Begriffserklärungen und ein Personenregister geben den Protokollen Struktur und helfen bei der Einordnung des Erzählten. Ein wichtiges Buch für all jene, die sich mit dem vorhandenen Wissen über die Colonia Dignidad nicht zufrieden geben wollen.

Heike Rittel/Jürgen Karwelat: Lasst uns reden. Frauenprotokolle aus der Colonia Dignidad. Schmetterling ­Verlag, Stuttgart 2018. 272 Seiten, 29,80 Euro.

Aufklärung statt Gewalt

Beinahe täglich ist in den Medien von Extremisten oder extremistisch motivierten Taten die Rede; von Neonazis, Autonomen, Islamisten – von politischem ebenso wie von religiösem Extremismus. Was darunter zu verstehen ist, wie und warum Extremismus entsteht und was man selbst dagegen tun kann, das versucht Anja Reumschüssel zu erklären. Das schmale Sachbuch der Journalistin richtet sich an Jugendliche, ist aber auch Erwachsenen zu empfehlen. Denn dank klarer Sprache, klug gewählter und sorgfältig recherchierter Beispiele, die auch historische Hintergründe einbeziehen, bringt ihr Text ausgesprochen komplexe Zusammenhänge auf den Punkt. Der Autorin geht es um eine ebenso verständliche wie differenzierte Auseinandersetzung, die auf Bildung und Aufklärung setzt: "Extremistische Einstellungen sind das Fieberthermometer der Gesellschaft. Sie zeigen, wo die Gesellschaft krankt, wo es Probleme gibt – ohne dass man damit die Gewaltbereitschaft und den Willen, den Verfassungsstaat zu zerstören, gutheißt." Es geht vielmehr um das Verstehen und damit um die Möglichkeit, selbst aktiv zu werden, einzugreifen, zu helfen. Wer etwa weiß, wie und wo extremistische Gruppen Jugendliche für ihre Ideen zu gewinnen versuchen, kann solche Bemühungen frühzeitig erkennen und lässt sich im besten Fall erst gar nicht darauf ein – weder in sozialen Netzwerken noch im realen Leben.

Anja Reumschüssel: Extremismus. Reihe "Klartext". Carlsen, Hamburg 2018. 176 Seiten, 6,99 Euro. Ab 13 Jahren.

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