Amnesty Journal Saudi-Arabien 04. Dezember 2017

Durchgestartet

Manal al-Sharif blickt mit verschränkten Armen in die Kamera

Vorsichtig optimistisch. Manal al-Sharif in New York, Juni 2017.

Mitte 2018 sollen Frauen in Saudi-Arabien endlich Auto fahren dürfen. Das ist auch ein Erfolg für Manal al-Sharif, die sich schon 2011 hinters Steuer setzte – und dafür ins Gefängnis kam. Hannah El-Hitami hat sie in ­Berlin getroffen.

Manal al-Sharif kann es kaum fassen: Im Oktober strahlte das saudi-arabische Staatsfernsehen zum ersten Mal die Aufzeichnung eines Konzerts der legendären ägyptischen Sängerin Umm Kulthum aus, die 1975 gestorben ist. "Alle saßen vor dem Fernseher", sagt sie. "Obwohl sie die Konzerte ja jederzeit über ausländische Sender oder im Internet sehen können."

In Saudi-Arabien verändert sich etwas, ist sich die 38-Jährige sicher, man könne wieder durchatmen. So durften Frauen im September zum ersten Mal das Stadion der Hauptstadt Riad betreten, als dort ein Fest zum Nationalfeiertag stattfand. Doch das wichtigste Signal war wohl das königliche Dekret zur Abschaffung des Fahrverbots für Frauen Ende September. Ab Juni 2018 sollen die knapp 14 Millionen Bürgerinnen des Königreichs ihre Fahrzeuge selbst steuern dürfen, sobald sie das 18. Lebensjahr vollendet haben. Den Führerschein können sie dann ohne die Erlaubnis eines männlichen Vormunds beantragen.

Die Aufhebung des Verbots ist jedoch keine rein frauenrechtliche Errungenschaft. Der im Juli zum Kronprinzen ernannte Mohammed Bin Salman hat eine "Vision 2030" für das Land entworfen, die unter anderem vorsieht, dass Frauen künftig etwa ein Drittel der Arbeitskräfte stellen sollen – bisher sind es lediglich 22 Prozent. Ohne selbst zur Arbeit zu fahren, wird das nicht möglich sein, ist sich die IT-Expertin und Aktivistin Manal al-Sharif sicher: "Die Frauen sind gebildet, sie sind bereit zu arbeiten, aber Mobilität ist ein riesiges Problem." Sie selbst sei auf der Straße sexuell belästigt und verfolgt worden, als sie eines Abends keinen Fahrer fand und sich zu Fuß auf den Heimweg machen musste. Auch im Auto fühlten sich viele Frauen nicht sicher: "Fast jede Frau, die ich kenne, ist schon von einem Fahrer belästigt worden", schreibt sie in ihrer Autobiografie "Losfahren", die wenige Wochen vor Verabschiedung des königlichen Dekrets auf Deutsch erschien.

Manal al-Sharif hat nicht viel Zeit, sie ist auf Lesereise durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. 13 Veranstaltungen in nur elf Tagen. In ihrem Buch berichtet sie von ihrem Leben als Mädchen in Mekka, wo sie 1979 geboren wurde. Außerdem beschreibt sie, wie sie sich 2011 aus Protest gegen die männliche Vormundschaft hinters Steuer setzte und durch die Küstenstadt al Khubar fuhr. Wenige Tage später wurde sie festgenommen und verbrachte neun Tage in Untersuchungshaft, ehe sie – auch auf internationalen Druck hin – freigelassen wurde.

Weil sie danach Morddrohungen erhielt, gab sie ihre Stelle bei der staatlichen Ölfirma Aramco auf. Dort hatte sie als eine der ersten saudi-arabischen Frauen gemeinsam mit Männern im Büro gearbeitet. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihrem jüngeren Sohn in Australien. Doch engagiert sie sich weiterhin für Frauenrechte in ihrem Heimatland. "Wir haben nie aufgegeben", sagt sie. "Wir haben Frauen ermutigt, ihren Führerschein im Ausland zu machen und Unterschriften gesammelt. Wir haben Kampagnen und Studien durchgeführt, um auf das Thema aufmerksam zu machen. Und jetzt haben wir es tatsächlich geschafft", erzählt sie in einem syrischen Restaurant in Berlin.

Ginge es nach dem Willen der saudischen Führung, dürfte sie das eigentlich gar nicht sagen. Manal al-Sharif erzählt, dass der Staatssicherheitsdienst sie nach Verkündung des Dekrets angerufen und vor jeglicher Äußerung gewarnt habe. Zunächst habe sie sich daran gehalten. Doch als sie feststellte, dass Frauen, die sich zuvor nie engagiert hatten, in sozialen Medien plötzlich die Regierung lobten und gleichzeitig Aktivistinnen wie Manal al-Sharif angriffen, habe sie ihr Schweigen gebrochen.

Schließlich ist es auch ein Sieg der saudischen Frauen und ihrer männlichen Verbündeten, die schon vor mehr als einem Vierteljahrhundert begannen, sich gegen das Fahrverbot aufzulehnen. Bereits 1990 waren 47 Frauen in 15 Fahrzeugen durch Riad gefahren – weil sie es satt hatten, immer von Männern abhängig zu sein. Seitdem nahmen entschlossene Frauen das Steuer immer wieder selbst in die Hand, trotz des Risikos, inhaftiert zu werden und damit Job oder Familie zu verlieren.

Die Versuche der Sicherheitskräfte, Manal al-Sharif und andere Aktivistinnen zum Schweigen zu bringen, zeigen, dass diese Gefahr immer noch nicht völlig gebannt ist. Das kleine Zugeständnis geht bislang nicht mit einer Verbesserung der menschenrechtlichen und politischen Lage im Königreich einher – im Gegenteil. Die Situation hat sich seit der Ernennung des 32-jährigen Mohammed bin Salman zum Kronprinzen sogar verschlechtert: So wurden allein im September mehr als zwanzig prominente Geistliche, Autoren, Journalisten, Akademiker und Menschenrechtler festgenommen.

Außerdem werden vermehrt Todesurteile vollstreckt. "Seit Juli 2017 ist die saudische Regierung im Exekutionsrausch", sagt Lynn Maalouf, Nahost-Expertin von Amnesty International. "Im Durchschnitt wurden jede Woche fünf Personen hingerichtet." 2016 waren es nach Informationen von Amnesty International mindestens 154 Menschen, im Jahr zuvor mindestens 158. Die Sorge der Sicherheitsbehörden, Gegner des Dekrets zu provozieren, macht ebenfalls deutlich, wie schmal der Grat ist, auf dem sich das Land bewegt – zwischen religiösem Konservatismus einerseits und dem Wunsch vieler Bürgerinnen und Bürger nach gesellschaftlicher Modernisierung andererseits. Die Königsfamilie ist auf wirtschaftlichen Fortschritt ebenso angewiesen wie auf die Legitimation durch konservative Geistliche.

Manal al-Sharif hat den religiösen und kulturellen Konservatismus lange Jahre am eigenen Leib erlebt und wurde zeitweise selbst zur salafistischen Islamistin, wie sie in ihrer Autobiografie schreibt. Vor allem die Kapitel über ihre Kindheit sind düster und bedrückend und passen so gar nicht zu der fröhlichen und optimistischen Autorin. Darin beschreibt sie, wie sie und ihre Schwester ständig von den Eltern geschlagen wurden, wie sie als junge Mädchen dem Horror der weiblichen Genitalverstümmelung unterzogen wurden und wie ihnen mit zunehmendem Alter mehr und mehr verboten wurde.

Doch habe es auch wunderschöne Zeiten gegeben, beteuert die 38-Jährige. "Mein US-Verleger wollte unbedingt, dass das Buch so traurig wie möglich wird", erzählt sie. "Ich habe viel mit ihm gestritten. Ich will, dass die Leute es lesen, wütend werden und sich engagieren. Aber ich will auch Hoffnung geben." Sie sieht die Zukunft ihres Heimatlandes optimistisch und würde gern dorthin zurückkehren. Dazu fehlt nur das Visum für ihren Sohn. Der gilt nach saudischem Recht jedoch nicht als Familienmitglied, weil ihre im Ausland geschlossene Ehe mit ­einem Brasilianer nicht anerkannt wird.

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