Amnesty Journal Nepal 26. März 2019

Tibeter in Nepal: Zwischen Heimat und Hölle

Zwei Frauen mit Hüten sitzen vor einem blauen Haus.

Die beiden Tibeterinnen Lhakdon und Tsekyi sind dazu verdammt, in Nepal zu bleiben.

Zehntausende Tibeter flohen bereits vor Jahrzehnten nach Nepal, fühlen sich dort aber immer noch als Menschen zweiter Klasse. 

Aus Tashi Ling Andrzej Rybak 

Adrette weiße kleine Häuschen reihen sich hintereinander wie Waggons auf einem Güterbahnhof. Im Wind flattern tibetische Gebetsfahnen in den Farben der fünf Elemente: blau, weiß, rot, grün und gelb. Auf den Straßen von Tashi Ling ist an diesem beschaulichen Tag kaum jemand zu sehen: Es ist Samstag, da wird in Nepal nicht gearbeitet. Lhakdon und Tsekyi sitzen auf der Veranda vor ihrem Haus und erinnern sich an die alten Zeiten.

"Als wir aus Tibet nach Nepal flohen, haben wir gedacht, dass wir bald zurückkehren werden", sagt die 88-jährige Lhakdon und rückt ihre bunte Mütze zurecht. "Aber eins ist nach fast sechs Jahrzehnten hier klar: Wir werden unsere Heimat nie wieder­sehen und in der Fremde sterben." Ihre 90-jährige Nachbarin Tsekyi lässt eine tibetische Gebetskette durch ihre Finger gleiten und nickt.

Nach dem Scheitern des Aufstands gegen die chinesische Annexion folgten 1959 rund 80.000 Tibeter ihrem Dalai Lama ins Exil. Die Mehrheit schlug sich damals nach Indien durch, wo heute noch etwa 70.000 Tibeter leben. Etwa 20.000 gibt es in Nepal, mit fast 30 Millionen Einwohnern eines der ärmsten Länder Asiens. Tashi Ling, ein Viertel der Stadt Pokhara rund 200 ­Kilometer westlich von Kathmandu, ist eine Art "Klein-Tibet": Hier leben heute noch mehr als 800 Tibeter in ­einem Flüchtlingslager.

Die Siedlung wurde 1964 mit Hilfe des Schweizer Roten Kreuzes errichtet. Sie hat eine gute Infrastruktur, eine Schule, ein Kloster und einige kleine Restaurants. Und dennoch empfinden vor allem die Jüngeren ihre Situation als vollkommen aussichtslos. Viele würden Nepal lieber heute als morgen verlassen. Doch der Staat verhindert das.

Die meisten sind in Nepal geboren

"Tibeter sind in Nepal Menschen zweiter Klasse", sagt Kunyu Tsewang. Der 57-Jährige schlägt sich als Touristenführer durch und verkauft Souvenirs. "Obwohl die meisten von uns in Nepal geboren wurden, dürfen wir kein Land besitzen, nicht wählen gehen und nicht einmal Auto fahren." Der Grund: Die meisten Exiltibeter haben keine offiziellen Dokumente.

Die Regierung verweigert ihnen die nepalesische Staatsangehörigkeit – und ­sogar einen ordentlichen Flüchtlingsausweis. Damit können die Tibeter weder politische Ämter ausüben noch im öffentlichen Dienst arbeiten: Viele Jobs als Lehrer an Schulen oder als Pfleger in Krankenhäusern sind ihnen deshalb verwehrt.

"Wir werden von der Polizei streng überwacht"

Lange haben sich vor allem junge Tibeter gegen die Diskriminierung aufgelehnt, gingen immer wieder auf die Straße. Doch ihre Proteste – zuletzt im März 2010 – wurden brutal niedergeschlagen, die Teilnehmer inhaftiert. "Wir werden von der Polizei streng überwacht", sagt Tsultrim Dorjee, der Siedlungsvorsteher von Tashi Ling. "Wer politische oder soziale Forderungen stellt, wird sofort festgenommen." 

Die Exiltibeter dürfen nicht einmal den Geburtstag des Dalai Lama öffentlich feiern oder tibetische Riten zelebrieren. "Ihre Situation hat sich in den vergangenen zehn Jahren deutlich verschlechtert", sagt auch Kai Müller, Geschäftsführer der International Campaign for Tibet in Deutschland. "Die Versammlungs-, Religions- und Meinungsfreiheit der Tibeter in Nepal wird heute massiv eingeschränkt."

Die nepalesische Regierung tut so, als gebe es keine Tibeter im Land. Sie lehnt die Anerkennung der Flüchtlinge ab und ­verweigert jedes Gespräch über eine Einbürgerung, denn sie fürchtet den Konflikt mit China. Die Führung in Peking macht tatsächlich bei jeder Gelegenheit klar, dass sie keine pro-tibetischen Strömungen in Nepal tolerieren werde. Das nördliche Nachbarland hat großen Einfluss in Nepal gewonnen.

Chinesische Ingenieure bauen Wasserkraftwerke und reparieren Straßen, die beim schweren Erdbeben 2015 zerstört wurden, mit günstigen Krediten chinesischer Staatsbanken. "Nepal ist von China finanziell völlig abhängig", sagt Tsultrim Dorjee aus Tashi Ling. "Wir, die Exiltibeter, sind die Leidtragenden." 

"Viele meiner Freunde wollen nur noch weg"

Die Diskriminierung hinterlässt Spuren: "Viele meiner Freunde wollen nur noch weg", sagt Tenzin Noryang. "Manche nehmen Drogen, weil sie keinen Job haben und keine Perspektiven sehen." Auch er trank zu viel, öffnete aber nach einer Entwöhnungskur mit Hilfe der Entwicklungsorganisation USAID eine kleine Nudelfabrik namens Tashi Noodles.

Mit vier Mitarbeitern stellt er nun 200 Kilogramm Pasta pro Tag her, die er an Restaurants und Kunden in der Siedlung verkauft. Stolz zeigt Noryang den Hinterraum eines kleinen Hauses, in dem die Nudeln zum Trocknen hängen. "Das Geschäft läuft gut", sagt der 37-Jährige. "Wir sind besser und billiger als die nepalesische Konkurrenz."

Gern würde Noryang expandieren, einen großen Laden außerhalb von Tashi Ling öffnen und sogar richtige Spaghetti herstellen. Doch das geht nicht. "Die Regierung lässt mich die Nudeln in Tashi Ling verkaufen, obwohl ich nicht richtig registriert bin", sagt er. "Für den nepalesischen Markt bräuchte ich aber eine Steuernummer, die ich als Nicht-Staatsbürger nicht bekommen kann."

Bergführer oder Gepäckträger für Touristen

Die Exiltibeter gelten in Nepal als fleißig und geschäfts­tüchtig. "Die meisten von uns schlagen sich auch ohne Papiere irgendwie durch", sagt Tenzin Wungdak. "Wir arbeiten als Bergführer oder Gepäckträger für Touristen, kellnern in Restaurants oder verkaufen Souvenirs." 

Weil sie aber weder Arbeitsgenehmigungen besitzen noch gemeldet sind, herrsche unter vielen Tibetern "ein Klima der Angst", meint Wungdak, der im Souvenirladen seines Vaters arbeitet. "Wir sind der Willkür der Behörden völlig ausgeliefert", klagt der 38-Jährige. "Ohne ordentliche Papiere sind wir für einige Staatsbedienstete wie Freiwild – und müssen immer wieder Bestechungsgelder zahlen."

Manche Tibeter gehen sogar Scheinehen mit Nepalesen ein, um die Staatsangehörigkeit zu erlangen. Andere kaufen nepalesische Pässe auf dem Schwarzmarkt, um auszureisen. "Drei meiner fünf Kinder leben in Japan", sagt der Souvenirhändler Jampa, der seinen vollen Namen nicht verraten will. Man könne für 3.000 Dollar in Nepal einen Pass kaufen. Doch er scheut das ­Risiko: Denn wer auffliegt, landet für mindestens ein Jahr im Gefängnis.

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