Amnesty Journal Israel und besetzte Gebiete 01. Februar 2019

"Wir leben in der Schwebe"

Ein Frau vor einem Gemälde, das eine Frau vor dem Meer zeigt.

Kein Plan B. Eden Tesfamariam.

Eden Tesfamariam leitet das Gemeinschaftszentrum  für ­Eritreerinnen in Tel Aviv.

Protokoll: Till Schmidt

Für Israel habe ich mich vor fast zehn Jahren entschieden. Vor allem, weil ich Angst davor hatte, durch die Sahara zu gehen und das Mittelmeer zu überqueren. In jedem Fall war mir klar: Wir müssen weg aus Eritrea. Denn nachdem mein Mann aus der ­Armee desertiert und untergetaucht war, hatte die Regierung angefangen, mich auf Schritt und Tritt auszuspionieren. Eritrea wird diktatorisch regiert. Der Wehrdienst ist unbefristet und dauert oft mehrere Jahrzehnte.

Monatelang haben wir den Sudan und die Sinai-Wüste durchquert – mit Gottes Hilfe sind wir in Israel angekommen. Die Schmuggler, denen wir viel Geld zahlten, haben uns ausgebeutet, wir erhielten manchmal nur eine Mahlzeit am Tag und kaum Trinkwasser. Anfangs waren wir 37 Personen, doch drei unserer Weggefährten haben die Flucht nicht überlebt. Kurz nachdem wir die israelische Grenze überquert hatten, bin ich kollabiert und wurde von israelischen Soldaten zur Behandlung in ein Krankhaus irgendwo in der Wüste gebracht.

Nach mehreren Monaten im Saharonim-Gefängnis entließ man mich und meine Kinder nach Tel Aviv. Im ­Levinsky-Park am zentralen Busbahnhof, wo wir die erste Nacht verbringen mussten, habe ich zufällig einen eritreischen Bekannten wiedergetroffen. Er wusste, wohin wir uns wenden konnten, um Unterstützung zu erhalten. Ohne ihn wären wir verloren gewesen – inmitten einer fremden Stadt, ohne Hilfe durch die Behörden und erschöpft von der Flucht und der Inhaftierung in Saharonim.

Viele Flüchtlinge leiden bis heute unter den grausamen Erfahrungen in der Wüste. Mit dem Eritrean Women’s Community Centre haben wir mitten in Tel Aviv einen sicheren Ort geschaffen, der Hilfesuchende stärkt. Wir helfen beim Ausfüllen von Asylanträgen und beraten diejenigen, die über die Familienzusammenführung nach Europa oder über ein privates Sponsorenprogramm nach Kanada wollen. Außerdem bieten wir Sprachkurse für Hebräisch und Englisch sowie Friseur- und Make-up-Workshops an und veranstalten regelmäßig Kaffeezeremonien. Wir versuchen, das Beste aus unserer miserablen Situation zu machen.

Das Eritrean Women’s Community Centre wurde vor acht Jahren gegründet, seit knapp drei Jahren leite ich es. Mit den anderen NGOs in Tel Aviv sind wir natürlich gut vernetzt. Für Rechtsberatung arbeiten wir mit der Hotline für Flüchtlinge und Migranten zusammen, für psychologische Hilfe mit der Gesher-Klinik in Yafo und den Physicians for Human Rights Israel.

Im Community Centre mangelt es an vielem, wir müssen viel improvisieren. Die Situation hat sich verschärft, seitdem die Regierung monatlich 20 Prozent von unseren Gehältern abzieht. Das ist eine Art Ausreisesteuer, die wir wiederbekommen, sollten wir Israel verlassen. Vor allem alleinerziehende Mütter trifft das besonders hart. Ohnehin arbeiten wir ja meist in schlecht bezahlten und prekären Jobs. Die Regierung will uns Flüchtlinge einfach loswerden.

Hier gibt es kaum Zukunftsperspektiven. Mein ältester Sohn ist jetzt 16 Jahre alt, doch jegliche höhere Bildung ist ihm verwehrt. Ein Studium am College oder gar an einer Universität ist ausgeschlossen. Ebenso wie eine Karriere bei der israelischen Armee, die hier viel für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Integration leistet.

Ich weiß nicht, wie es weitergeht, einen Plan B haben wir nicht. Seit fast zehn Jahren warte ich auf die Entscheidung über meinen Asylantrag. Das ist in Israel bei nahezu allen 38.000 afrikanischen Flüchtlingen so. Wir müssen regelmäßig unsere Visa erneuern lassen, manchmal alle paar Wochen. In Europa werden Asylanträge von Eritreern fast immer und auch recht schnell anerkannt – in Israel hingegen befinden wir uns in ­einem Schwebezustand.

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