Amnesty Journal Israel und besetzte Gebiete 22. November 2018

Pässe zu Konfetti

Eine Frau sitzt auf einem Stuhl und schreddert Dokumente

Vergangenheitsbewältigung. Lara Ziyad beim Schreddern kopierter Dokumente.

Die palästinensische Künstlerin Lara Ziyad über ihr Werk, das Identität und Staatenlosigkeit thematisiert.

Protokoll: Hannah El-Hitami

Ich hatte im Laufe meines Lebens sehr viele Ausweisdokumente. Das waren nicht nur Pässe, sondern auch Papiere, die man als Palästinenser braucht, um die Grenze zwischen den palästinensischen Gebieten und Israel zu überqueren. Allein dafür gibt es drei verschiedene Karten: grün für Personen aus dem Westjordanland, gelb für Personen aus dem Westjor­dan­land mit jordanischem Pass und blau für Personen aus dem Gazastreifen. Und selbst innerhalb des Westjordanlandes gibt es noch einmal drei verschiedene Ausweise.

Geboren wurde ich in Riad in Saudi-Arabien. Dort erhielt ich einen ägyptischen Pass und galt als ägyptische Palästinenserin, da meine Eltern aus Palästina kommen. In Syrien hatte ich einen syrischen Pass, später einen jemenitischen und dann einen saudi-arabischen, aber nie eine Staatsbürgerschaft. 1996 gingen meine Eltern mit mir zurück nach Palästina, und ich bekam dort einen palästinensischen Pass, mit dem ich aber nicht ausreisen durfte. Sieben Jahre lang hatte ich ein Ausreiseverbot. Mit der Nationalität meiner Heimat konnte ich also gar nichts anfangen.

Meine Mutter hatte immer Angst um unsere Dokumente. Meine Familie bewahrte alle wichtigen Papiere in einem alten Koffer auf. Bevor ich nach Berlin kam, hatte ich mit der Arbeit an einer neuen Kunstperformance begonnen. Dafür hatte ich meine Ausweisdokumente vergrößert, vervielfältigt und geschreddert. Um weiter daran zu arbeiten, wollte ich die Dokumente aus dem Koffer mitnehmen. Ich wusste aber, dass meine Mutter das nicht erlauben würde. Sie meinte, wenn wir ein Dokument verlieren, würden wir ewig brauchen, um es wieder beantragen zu können – und würden es vielleicht gar nicht mehr bekommen. Bevor ich abgereist bin, habe ich also ein paar Papiere mitgehen lassen. Wir haben zum Beispiel drei ägyptische Dokumente, davon habe ich zwei mitgenommen.

Schon als Kind wollte ich Künstlerin sein und habe viel gezeichnet. Doch um diesen Traum zu verwirklichen, habe ich sehr lange gebraucht. Auf dem Gymnasium hatte ich einen sehr guten Notendurchschnitt. Darum wollte mein Vater eigentlich, dass ich Ingenieurwesen, Medizin oder Pharmazie studiere. Er schlug dann vor, ich könne doch Architektur belegen, das sei auch eine Art Kunst. Also habe ich an der Universität Bir Zait im Westjordanland Architektur studiert, aber schon vom ersten Semester an gemerkt, dass es nichts für mich ist. Trotzdem hatte ich nicht den Mut abzubrechen und habe nach dem abgeschlossenen Studium sogar noch zehn Jahre als Architektin im Westjordanland gearbeitet. 2013 sah dann eine Nachbarin meine Ölgemälde und sagte, ich sei doch Künstlerin und müsse etwas daraus machen. Daraufhin habe ich meinen Job gekündigt und beschlossen, Kunst zu studieren. Das Studium will ich jetzt in Deutschland abschließen.

In meiner neuesten Performance, die ich in Deutschland entwickelt habe, geht es nicht mehr nur um meine eigene Identität, sondern um das Nationalitäts- und Passsystem insgesamt. Mein Problem mit Nationalitäten sind die Grenzen. Ich weiß, dass jeder Mensch eine Heimat braucht und sich als deutsch, ­syrisch oder palästinensisch bezeichnen möchte. Das ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass man als Deutsche mehr als 100 Länder ohne Visum bereisen kann, während man als Palästinenserin gar kein Visum bekommt. Dieses System empfinde ich als rassistisch, denn es teilt Menschen in Gruppen und schränkt ihre Bewegungsfreiheit ein. Es erteilt Menschen Privilegien, weil sie an einem bestimmten Ort geboren sind, und nicht, weil sie etwas in ihrem Leben erreicht haben.

Es ist Zeit, diese Papiere, diese Stempel und Farben aufzugeben. Für die Performance habe ich den gesamten Raum mit geschredderten Kopien meiner Dokumente bedeckt – bis auf eine Spur für Rollstuhlfahrer. Ich stand mit meinem Scanner und meinem Aktenvernichter in der Mitte des Raumes und lud die Besucherinnen und Besucher dazu ein, ihre eigenen Dokumente zu schreddern und meinem Werk hinzuzufügen. Indem ich die Dokumente zerstöre, mache ich Kunst daraus und befreie mich von ihnen. In dem Moment, wo wir uns frei in dieser Welt bewegen können, müssen wir uns nicht mehr dauernd Sorgen ­machen. Und wer sich sicher fühlt, kann auch etwas Neues ­erschaffen.

Meine eigene Bewegungsfreiheit wurde massiv eingeschränkt, als ich im Westjordanland als Architektin gearbeitet habe. 2009 musste ich beruflich nach Kroatien. Doch ich konnte Israel nicht verlassen, da die Behörden mich am Flughafen festhielten und mich nicht ausreisen ließen. Sie konnten mir nicht erklären, warum, sondern sagten nur, es sei ein Befehl des Geheimdienstes. Aber sie gaben mir auch keine Möglichkeit, etwas dagegen zu tun. Ich versuchte später noch einmal, nach Marokko zu reisen, und wurde wieder davon abgehalten – ohne Begründung. Das passiert vielen Palästinensern, die sich politisch gegen die israelische Besatzung engagieren, wie ich es während meines Studiums tat. Drei Jahre musste ich warten, bis mir eine NGO, die solche Fälle betreut, eine Anwältin vermittelte. Dann dauerte es noch einmal sechs Monate, bis ich ausreisen konnte. Ich habe die Chance sofort genutzt, Palästina zu verlassen und als Kunststudentin nach Berlin zu kommen, denn ich wusste ja nicht, wann ich wieder an einer Ausreise gehindert werden ­würde.

Trotzdem liebe ich meine alte Heimat ebenso wie meine neue. Oft laufe ich herum und stelle mir vor, bestimmte Dinge aus Ramallah gäbe es auch hier – oder dass ich manches aus ­Berlin mit nach Ramallah nehmen könnte. Manchmal geht die Fantasie mit mir durch und dann denke ich mir, ach, warum ­haben die hier nicht die Löwen, die auf unserem Hauptplatz in Ramallah stehen. Oder den Falafel-Laden, den ich so mag. Oder ich sehe etwas in Berlin und denke mir: Wenn es das in Ramallah gäbe, wäre das der Wahnsinn – zum Beispiel die öffentlichen Verkehrsmittel oder die Parks und Plätze. Seit ich hier angekommen bin, schwebt mir ein Kunstprojekt vor, in dem ich meine Traumstadt entwerfe, eine Mischung aus Ramallah und Berlin.

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