Amnesty Journal Iran 21. Juli 2023

"Denn der Wind wird dieses Buch sein"

Eine junge Frau mit Kopftuch steht in einem Gerichtssaal vor einem Redepult und gestikuliert mit ihren beiden Händen.

Shole Pakravan, Aktivistin gegen die Todesstrafe, erzählt vom kurzen, aber eindrucksvollen Leben ihrer Tochter Reyhaneh, die mit 26 Jahren im Iran unschuldig hingerichtet wurde.

Von Parastu Sherafatian

"Als ich, Reyhaneh Jabbari, 20 Jahre alt war, lernte ich nach und nach Verfahrenstechniken. Ich lernte, dass eine Angeklagte schon vor der Verhandlung und der Verurteilung schuldig ist. Ich lernte, dass jeder, der mit dem Rechtssystem in Berührung kommt, schuldig ist, bis das Gegenteil bewiesen wird." Dies schrieb Reyhaneh in einem Brief, den sie gegen Ende ihrer siebenjährigen Haft verfasste. Sie war im Alter von 19 Jahren inhaftiert worden, nachdem sie sich mit einem Messer gegen einen Mann gewehrt hatte, der sie vergewaltigen wollte. Er starb kurz darauf, und Reyhaneh wurde zum Tode verurteilt. 2014 wurde sie trotz eines öffentlichen Aufschreis und des unermüdlichen Einsatzes ihrer Familie hingerichtet.

Während der Jahre im Gefängnis schrieb Reyhaneh häufig. Sie brachte ihre Gedanken, Sorgen und alles, was ihr hinter den Mauern der berüchtigten iranischen Gefängnisse geschah, auf Papier – oft in Form von Briefen an ihre Familie, insbesondere an ihre Mutter, Shole Pakravan. Diese sammelte jede Form von Kommunikation mit ihrer Tochter, auch Telefonate, die sie aufzeichnete und später verschriftlichte. Um einen der letzten Wünsche ihrer Tochter zu erfüllen, nämlich "dem Wind übergeben zu werden", schrieb Shole Pakravan nun die Geschichte ihrer Tochter nieder.

Auch wenn Reyhaneh nicht wieder lebendig wird –
keine andere Frau soll ein ähnliches Schicksal erleiden wie sie.

Shole
Pakravan

Das Buch "Wie man zum Schmetterling wird" beschreibt nicht nur mit eindringlichen Worten die grausame und ungerechte Realität des iranischen Justizsystems, sondern schildert auch eine unerschütterliche Beziehung zwischen Mutter und Tochter. Das Leben der beiden Frauen wird parallel erzählt, die Perspektive der inhaftierten Reyhaneh wechselt sich ab mit der ihrer Mutter außerhalb des Gefängnisses.

Shole Pakravan öffnet den Leser*innen auf eindrucksvolle Art die Augen, indem sie über den tiefen Schmerz berichtet, den Todesurteile auslösen. Beide Frauen haben zu keinem Zeitpunkt die Hoffnung aufgegeben, dass Reyhaneh und andere zum Tode verurteilte Menschen Gerechtigkeit erfahren werden. Und obwohl man als Leser*in von Anfang an weiß, wie Reyhanehs Leben enden wird, hofft man während des Lesens doch auf ein Wunder.

"Auch wenn Reyhaneh nicht wieder lebendig wird – keine andere Frau soll ein ähnliches Schicksal erleiden wie sie", schreibt Shole Pakravan in ihrem Buch. Ein Satz der erklärt, was ihren unermüdlichen aktivistischen Einsatz gegen die Todesstrafe bis heute antreibt. "Wie man zum Schmetterling wird", bildete die Grundlage des diesjährigen Berlinale-Gewinnerfilms "Sieben Winter in Teheran". Es ist ein einprägsames Werk, das anhand des Schicksals von Reyhaneh vom Leben in Irans Gefängnissen erzählt und von dem großen Leid, das Hinrichtungen verursachen.

Shole Pakravan, Steffi Niederzoll: Wie man zum Schmetterling wird. Das kurze, mutige Leben meiner Tochter Reyhaneh Jabbari. Piper, Berlin 2023, 272 Seiten, 24 Euro.

WEITERE BUCHTIPPS

Schwarz und Frau

Von Georg Schäfer

Tsitsi Dangarembga, die 2021 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, ist vor allem durch ihre Tambudzai-Trilogie bekannt. Darin beschreibt sie, wie eine Frau in Simbabwe um weibliche Selbstbestimmung kämpft. Ihr Einsatz für Freiheitsrechte ist den Machthaber*innen in ihrer Heimat ein Dorn im Auge: 2022 wurde Dangarembga wegen Teilnahme an einer Demonstration zu sechs Monaten Haft auf Bewährung und einer Geldstrafe verurteilt. Im Mai 2023 sprach der Oberste Gerichtshof sie frei.

Mit "Schwarz und Frau – Gedanken zur postkolonialen Gesellschaft" veröffentlichte die Autorin nun einen Essayband über ihre persönlichen Erfahrungen mit Kolonialismus, Rassismus und Sexismus. Schonungslos analysiert sie die Übernahme kolonialer Mechanismen durch die Machthaber*innen in Simbabwe nach der Unabhängigkeit und den schwierigen Kampf schwarzer Feministinnen: "Die Tatsache, dass wir uns einen Platz genommen haben, so wie wir sind, (…) macht uns zum größten Albtraum des Status quo."

Für Dangarembga war das Schreiben ein Prozess, sich ihrer selbst bewusst zu werden: "Auch wenn es den Prozess des Schreibens nicht einschränkt, dass ich schwarz und eine Frau bin, so positioniert es doch, worüber ich schreibe." Eindrucksvoll ist ihr Plädoyer für eine revolutionäre Dekolonisierung: "Wenn die Logik der Aufklärung Rassismus, Sklaverei, Genozid und Kolonialismus war, dann ist Dekolonisierung die einzige Logik, die Hoffnung für die Zukunft birgt. (…) Dekolonisierung, die alle von Furcht befreit, erfordert eine neue Revolution der Fantasie und dessen, was sie diskursiv hervorbringt."

Ihre Essays sind ein brillanter Beitrag zur Dekolonisierungsdebatte und eine Einladung zur kritischen Auseinandersetzung mit unseren Selbstgewisssheiten wie auch mit dem Text selbst.

Tsitsi Dangarembga: Schwarz und Frau – Gedanken zur postkolonialen Gesellschaft. Aus dem Englischen von Anette Grube. Quadriga, Köln 2023, 159 Seiten, 22 Euro.

Im Schatten des Vaters

Von Till Schmidt

Haus, Baum, Wachstum. Das sind die zentralen Metaphern eines neuen Buchs, das von der Sehnsucht nach Verortung und Halt erzählt. Fikri Anıl Altıntaş beschwört allerdings kein romantisches Heimatidyll. Im Gegenteil. "Im Morgen wächst ein Birnbaum" ist von einer nervösen Unruhe geprägt, vom stetigen Zweifel des Autors, von rastloser Selbstreflexion: Wer bin ich? Warum ist das so? Wer und wie möchte ich sein?

Altıntaş wurde 1992 in Wetzlar geboren und ist seit Jahren ein gefragter Publizist zu den Themen Männlichkeit und Rassismus. Als Botschafter von UN Women Germany setzt er sich dafür ein, Männer für Geschlechtergerechtigkeit zu sensibilisieren. In seinem Erzähldebüt blickt er nun auf die eigene Familiengeschichte und macht deutlich, wie dankbar er seinen Eltern ist. Durch harte Arbeit und Entbehrungen haben sie ihm, der ­Politik- und Osteuropawissenschaften studierte, eine andere Lebensrealität ­ermöglicht.

Dennoch tut sich Altıntaş schwer damit, seinen Vater uneingeschränkt zum Vorbild zu nehmen: "Denn es gab auch eine andere Seite: das Schreien, die Vorwürfe, das strenge Auftreten, die Bestrafungen."

"Im Morgen wächst ein Birnbaum" erzählt keine klischeehafte Geschichte über einen autoritären türkischstämmigen Vater. Vielmehr denkt Altıntaş feinfühlig und differenziert darüber nach, wie seine eigenen Männlichkeitsvorstellungen davon beeinflusst wurden, dass sich sein Vater ihm gegenüber kaum verletzlich zeigen konnte. Erklärungen sucht er etwa in den Rassismuserfahrungen der Familie, aber auch in der Fluchtgeschichte nach dem Militärputsch 1980.

Altıntaş' Fokus auf seinen Vater als zentrale Sozialisationsinstanz mag sinnvoll erscheinen. Gleichzeitig fällt aber auf, wie gesichtslos die Mutter sowie mehrere namenlose Freundinnen und Geliebte bleiben. Diese große Leerstelle wäre ein idealer Ausgangspunkt für ein weiteres Buch.

Fikri Anıl Altıntaş: Im Morgen wächst ein Birnbaum. Btb, München 2023. 176 Seiten, 22 Euro.

Bedrohte Jugend

Von Marlene Zöhrer

"Du hast dir vielleicht im Geiste vorgestellt, wie ich aussehe. Wenn du dich an stark übertriebenen jüdischen Stereo­typen orientierst, dann liegst du gold­richtig. Masel tov. Ich bin ein wandelnder Bar Mizwa: mit dunklen Locken und einer ziemlich prägnanten Nase."

Isaac Blum verleiht seinem Ich-Erzähler Jehuda Rosen, genannt Hoodie, eine Erzählstimme, die durchzogen ist von Selbstironie und Selbstreflexion. Scharfsinnig, zuweilen sarkastisch, aber immer glaubhaft berichtet Hoodie aus der Mitte einer jüdisch-orthodoxen Gemeinde in den USA. Es ist eine Geschichte über die erste Liebe, das Heranwachsen in einer Glaubensgemeinschaft, das hin- und hergerissen sein zwischen Erwartungen und Zwängen, die mit den eigenen Wünschen und Träumen des Teenagers unvereinbar scheinen. Denn Hoodie verliebt sich in Anna-Marie, eine Nichtjüdin, die zu allem Überfluss die Tochter der Bürgermeisterin ist, die Stimmung gegen die wachsende jüdische Gemeinde macht. Obwohl Hoddie weiß, dass er keinen Kontakt mit Anna-Marie haben darf, sucht er ihre Nähe und gerät in immer größere Schwierigkeiten, bis er schließlich von der jüdisch-orthodoxen Gemeinschaft und sogar von seiner Familie geächtet wird.

Parallel zu Hoodies persönlichem Konflikt mehren sich die antisemitischen Übergriffe. Es beginnt mit Hakenkreuzen auf Grabsteinen, Jugendliche werden auf offener Straße verprügelt. Die Gewalt gipfelt in einem Terrorakt, bei dem mehrere Menschen getötet werden. Hoodie überlebt den Anschlag schwer verletzt und erzählt für die Leser*innen rückblickend die Vorgeschichte der Katastrophe. Vor dem Hintergrund jüdischen Lebens in den USA und wachsendem Antisemitismus stellt "Ruhm und Verbrechen des Hoodie Rosen" immer wieder die universelle Frage nach Freiheit und Menschlichkeit.

Isaac Blum: Ruhm und Verbrechen des Hoodie Rosen. Aus dem Englischen von Gundula Schiffer. Beltz & Gelberg, Weinheim 2023, 224 Seiten, 15 Euro, ab 14 Jahren.

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