Amnesty Journal Griechenland 01. Februar 2019

Keine Zeit zu verlieren

Ein Mann in blauem Hemd vor einer Wand mit arabischen Schriftzeichen.

Helfer in der Nacht. Essam Daod.

In Europa herrscht kein Mangel an Angeboten für Menschen, die auf der Flucht traumatisiert wurden. Doch die Hilfe kommt oft viel zu spät, sagt der palästinensische ­Psychiater Essam Daod.

Von Klaus Petrus (Text und Foto)

Essam Daod kann sich noch genau an den Tag erinnern, als alles anfing. Gerade erst war der Arzt und Psychiater mit seiner Frau von Lesbos nach Haifa zurückgekehrt. Auf der griechischen Insel hatten sie alle Hände voll zu tun gehabt, schließlich fehlte es überall an Helfern und medizinischer Versorgung für die über die Türkei geflohenen Menschen aus dem Irak, Syrien und Afghanistan. Damals, im November 2015, waren auch auf den Titelblättern großer Magazine die Bilder der in die Ägäis Geflüchteten zu sehen. Beim Durchblättern einer der Zeitschriften sagte Maria Daod eher beiläufig zu ihm: "Schau mal, das ist Ahmad."

"Welcher Ahmad?", habe er sich gefragt, erzählt Daod drei Jahre später. Seine Frau hatte fast drei Tage mit dem traumatisierten Jungen in einem der Lager auf Lesbos verbracht, ihm zugehört, mit ihm gekocht, gelacht und geweint, während er selbst von einem Geflüchteten zum nächsten gehetzt war, um Erste Hilfe zu leisten, ohne sich ausführlicher mit den persönlichen Fluchtgeschichten der von ihm behandelten Menschen auseinanderzusetzen. Erst als seine Frau von ihren Erfahrungen mit Ahmad sprach, "machte es bei mir Klick", sagt Daod. "Was die Betroffenen neben Medikamenten, Kleidung und Essen wirklich brauchen, ist psychologische Betreuung. Nicht erst Wochen oder Monate später, sondern hier und jetzt, vor Ort."

Drei Wochen später gründeten Essam und Maria Daod "Humanity Crew". Ende 2015 war die Website der Hilfsorganisation online. 30.000 Euro Spenden waren in Windeseile beisammen, sodass die beiden beginnen konnten, Psychiater und Therapeuten zu rekrutieren. In ihren alten Jobs arbeiten sie schon lange nicht mehr; "Humanity Crew" ist inzwischen ein Vollzeitprojekt – mit mehr als 200 ausgebildeten Helfern und Therapeuten, die vor allem in Griechenland im Einsatz sind.

"Humanity Crew" ist jedoch nicht die einzige Organisation, die auf traumatisierte Geflüchtete spezialisiert ist. Im Gegenteil: Fachfrauen, wie die deutsche Psychologin Karin Mlodoch, sprechen von einem regelrechten "Traumaboom" in der Flüchtlingshilfe und einem Überangebot – vor allem westlicher – Traumakonzepte. Dabei reicht das Spektrum von Tiefenpsychologie über Gesprächs- bis Konfrontationstherapie. Viele der Organisationen arbeiten jedoch nicht vor Ort, sondern behandeln die ­Geflüchteten in den Aufnahmeländern, weil sie den Einsatz an der europäischen Mittelmeerküste für zu kostspielig halten und dafür wenig Spenden zur Verfügung stehen. "Man kon­zentriert sich auf eine 'Behandlung danach'. An unmittelbare Interventionen, eine Nothilfe-Psychotherapie sozusagen, denkt niemand. Oder man glaubt, das funktioniere nicht." Dabei geht das sehr wohl, ist Daod überzeugt. Sein Zauberwort heißt "Superheld".

Wenn die Geflüchteten in Lastwagen oder auf Booten ankommen, haben sie oft einen Horrortrip hinter sich, viele sind verängstigt, manche panisch. In genau diesem Moment versuchen Daod und sein Team, ihnen eine andere, eine positive ­Geschichte zu erzählen. Und zwar an Ort und Stelle. "Wir gehen direkt auf sie zu und sagen ihnen, wie unfassbar mutig sie doch waren, diese Strapazen auf sich zu nehmen, und dass sie stolz auf sich sein dürfen, dass sie Superhelden sind."

Natürlich weiß der erfahrene Psychiater, dass sich damit allein kein Trauma heilen lässt. "Aber so koppeln wir das Trauma der Geflüchteten mit schönen Erinnerungen, damit man später, in der Therapie, an etwas Positives anknüpfen und daraus Kraft schöpfen kann." Das sei gerade bei Kindern besonders wichtig – und auch einfacher als bei Erwachsenen. "Viele schreckliche Erlebnisse können Kinder gar nicht richtig einordnen: Sie verstehen Konzepte wie Verlust, Zerstörung oder Tod erst mit elf, zwölf Jahren in vollem Ausmaß." Deshalb versuchen Daods Mitarbeiter, die Phantasie der Kinder anzuregen und dramatische Erlebnisse, wie die ungewisse Überfahrt in überfüllten Booten, positiv zu besetzen. Sie erzählen ihnen Geschichten, wie die Könige der Meere einst Wellen mit bloßen Händen aufgehalten und Seeungeheuer verscheucht haben.

Auch bei Langzeittherapien versucht die "Humanity Crew" andere Wege zu gehen. "Viele Traumata sind durch Gewalt­erfahrungen ausgelöst, die in bestimmten Kulturen aufgrund sozialer oder religiöser Normen heikel sind, über die die Betroffenen nicht reden dürfen", sagt Daod. "Vergewaltigungen zum Beispiel." Deswegen sei es wichtig, dass Helfer und Therapeuten mit den Geflüchteten direkt in ihrer Muttersprache und ohne Übersetzer reden können. Auch sollten sie deren kulturellen Hintergrund kennen, in diesem Fall den arabischen oder muslimischen – viele der Geflüchteten stammen aus dem Irak, Syrien, Afghanistan oder Pakistan. Tatsächlich ist "Humanity Crew" ­bewusst eine rein arabischsprachige Organisation, die überwiegende Mehrheit der Mitarbeiter sind Frauen.

Wie sehr kulturelle Zusammenhänge die therapeutische ­Arbeit beeinflussen können, zeigt die "umgekehrte Pyramide", die Daod und sein Team entwickelt haben. Am Anfang der Betreuung in den Ankunftslagern stehen nicht etwa individuelle Sitzungen, wie das bei westlichen Therapien oft der Fall ist. Stattdessen gibt es Gruppentreffen – kleine Zirkel von Familienangehörigen, ehemaligen Nachbarn oder auch Menschen, die erst auf der Flucht zusammengefunden haben. "In arabischen Gesellschaften ist die Familie – in einem weiten Sinne verstanden – absolut grundlegend, der Einzelne definiert sich immer auch durch seine Rolle in der Gemeinschaft", sagt Daod.

Das Ziel dieser Treffen besteht darin, einen verlässlichen ­sozialen Rahmen zu schaffen, in dem sich die Geflüchteten sicher fühlen können – für Daod ist das die Voraussetzung für die therapeutische Bewältigung traumatischer Erlebnisse. In einer zweiten Phase halten die Therapeuten Sitzungen in Gruppen ab, die nach Geschlecht oder Alter zusammengesetzt sind. "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass sozial erzwungenes Schweigen und Tabuisieren eher in Gruppen von Menschen aufgehoben werden kann, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben." Erst danach erfolgen individuelle Interventionen, wobei die Betreuung dabei über psychologische Aspekte hinausgeht. Meist schließen sich Gespräche mit Vertretern anderer Hilfsorganisationen oder Behörden an.

Für Daod sind Geflüchtete mehr als die Summe ihrer schmerzhaften Erfahrungen. Er betrachtet das Individuum immer auch als Teil einer Gemeinschaft – und damit als Teil einer sozialen oder politischen Einheit. Es sei falsch, die Geflüchteten auf ihre Rolle als Opfer zu reduzieren, sagt Daod: "Niemand will einfach nur ein Traumatisierter sein."

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