Neokolonialismus in der Petrischale: US-Gesundheitsdeals in Afrika
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Die USA unter Präsident Trump streben Gesundheitsdeals mit afrikanischen Staaten an. Diese sollen als Gegenleistung für finanzielle Hilfe Gesundheitsdaten preisgeben, die auf dem Pharmamarkt begehrt sind.
Von Frank Odenthal
Was der politische Ansatz "America First" der Regierung Trump für die Gesundheitspolitik bedeutet, lässt sich derzeit in afrikanischen Staaten beobachten. Im Januar 2026 wurde der Austritt der USA aus der Weltgesundheitsorganisation WHO wirksam. Bereits 2024 hatte das Land die Zahlung seiner Mitgliedsbeiträge eingestellt. Expert*innen befürchten, dass der Austritt schwerwiegende Folgen hat, unter anderem was die Abwehr von Pandemien und den weltweiten Kampf gegen Krankheiten wie Aids oder Malaria betrifft.
Die USA waren der mit Abstand größte Beitragszahler der WHO, sie hatten etwa ein Fünftel des Budgets getragen. "Es ist nicht nur das Geld, das zur Finanzierung von Gesundheitsprogrammen fehlt, sondern es fehlen auch die Ressourcen der USA im wissenschaftlichen Bereich", sagt Andreas Wulf, Referent für globale Gesundheit und Nothilfe bei Medico International. "Denn die US-Regierung hat auch die Kooperation mit amerikanischen Forschungsinstituten massiv zurückgefahren."
USA wollen Zugriff auf Rohstoffe
Zur "America First Global Health Strategy" gehört auch, dass die USA weltweit einer Reihe von Staaten bilaterale Gesundheitsdeals angeboten haben. 35 Länder haben bis Mitte September 2026 zugestimmt, darunter 24 afrikanische Staaten. Sie sollen in den Genuss von US-Fördergeldern kommen, wenn sie als Gegenleistung ihre eigenen Gesundheitsausgaben teils massiv erhöhen und sensible Gesundheitsdaten, vor allem biologische Proben, die den Menschen in den betreffenden Staaten entnommen wurden, über einen Zeitraum von 20 Jahren und länger an US-amerikanische Forschungsinstitute übergeben.
Die begehrten Datensätze sind von großer Bedeutung für die Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen. Sollten US-Pharmaunternehmen diese herstellen, wäre dies begrüßenswert – sollte man meinen. Doch Oyewale Tomori, nigerianischer Professor für Virologie, der bis vor Kurzem für die WHO arbeitete, warnt: "Den Menschen in Afrika bringen neue Medikamente nichts, wenn die Preise dafür so hoch sind, dass sie sich niemand leisten kann." Es sei zu befürchten, dass diese Gesundheitsdeals vor allem ein lukratives Geschäft für die US-Pharmaindustrie seien.
Entsprechend groß ist die Kritik an dem US-Vorhaben: "Die Vereinbarung zum Datenaustausch enthält keine Datenschutzgarantien und wirft ernsthafte Sicherheitsbedenken auf. Durch den direkten Zugriff auf nationale Datenbanken, die möglicherweise personenbezogene Daten enthalten, werden sensible Informationen einem potenziellen Risiko für Missbrauch ausgesetzt", warnten bereits Ende 2025 mehr als 50 afrikanische und internationale zivilgesellschaftliche Organisationen in einem offenen Brief an die Regierungen der Afrikanischen Union.
Wie diese bilateralen Verträge aussehen können, zeigt das Angebot der US-Regierung an Sambia. Das Abkommen sollte die Fortführung der Finanzierung von Aids-, Malaria- und Tuberkulose-Programmen mit Abbaurechten an den Bodenschätzen des Landes verknüpfen, vor allem Kupfer und Kobalt. Außerdem sah der Entwurf vor, den USA Daten über Krankheitserreger früher als anderen Ländern zu übermitteln. Gesundheitsexperten wie Oyewale Tomori vermuten, dass US-Pharmakonzernen mit Abkommen wie diesem ein zeitlicher Vorsprung bei der Entwicklung von Impfstoffen und Medikamenten gesichert werden soll. "Hier werden lebenswichtige Programme für Millionen von Menschen mit Rohstoffdeals verknüpft", sagt Tomori. "Das Auftreten der USA ist unmoralisch. Es erinnert an die Kolonialherren vergangener Zeiten, denen es um die Kontrolle von Afrikas Bodenschätzen ging – auf Kosten der afrikanischen Bevölkerung."
Das Vorgehen der USA droht Programme wie PABS ("Pathogene Access and Benefit-Sharing System") zu unterwandern, das als Teil des WHO-Pandemieplans sicherstellen soll, dass der Zugang zu Erregerdaten rechtlich bindend an eine faire Verteilung der daraus entwickelten Impfstoffe gekoppelt wird. Bisher gibt es eine Verpflichtung zur zügigen Weitergabe von Krankheitserregern, um auf den Ausbruch einer Pandemie möglichst schnell reagieren zu können; die Weitergabe der entwickelten Impfstoffe war hingegen nicht verpflichtend. "Wenn die Weitergabe freiwillig ist, ist es oft zum Nachteil derer, die sich die Medikamente nicht leisten können oder die nicht die Kapazitäten haben, sie selbst zu produzieren", sagt Andreas Wulf von Medico International. "Das ist für viele afrikanische Länder dramatisch."
Regierungen beenden Verhandlungen mit den USA
Oyewale Tomori empfiehlt einen radikalen Schritt: Afrikanische Staaten sollten überhaupt keine Blutproben und genetischen Daten von Krankheitserregern mehr weitergeben. Auf dem Kontinent gebe es genügend Fachkräfte, um selbst Medikamente und Impfstoffe herzustellen, sagt der ehemalige WHO-Virologe.
Es werden bereits viele Medikamente in afrikanischen Staaten entwickelt und klinische Studien durchgeführt, bestätigt Andreas Wulf von Medico International. Das basiere allerdings meist auf Kooperationen afrikanischer Wissenschaftler*innen mit europäischen oder nordamerikanischen Instituten. "Das Problem ist nicht, dass es keine afrikanischen Forscher gäbe, sondern dass die afrikanischen Staaten nicht das Geld haben, die Forschung allein zu finanzieren."
Die enorme Erhöhung der Gesundheitsausgaben afrikanischer Staaten, wie sie die bilateralen US-Deals vorsehen, sieht Tomori ebenfalls skeptisch. Es sei zwar zu begrüßen, dass afrikanische Regierungen mehr Geld für das eigene Gesundheitssystem zur Verfügung stellen wollten, doch müsse sich erst zeigen, ob die Staatshaushalte eine Erhöhung hergeben würden.
"Man muss den Amerikanern zugutehalten, dass sie zumindest mit offenen Karten spielen", sagt Oyewale Tomori. Sie formulierten deutlich, dass für sie nur von Interesse sei, was den USA nütze. Tomori sieht nun die betroffenen Regierungen in der Verantwortung. "Sie müssen aufstehen und sagen: So lassen wir uns nicht behandeln." Einen Schritt in diese Richtung ist Kenia im Dezember 2025 gegangen. Dort setzte der High Court Teile des Abkommens mit den USA außer Kraft, weil es gegen die Landesverfassung verstoße. Die Regierung Sambias konnte sich bis heute nicht auf ein Abkommen mit den USA einigen, weil Washington auf einer Verknüpfung der Gesundheitshilfe mit einem Zugriff auf wichtige Rohstoffe des Landes beharrt. Die Regierungen Ghanas und Simbabwes haben die Verhandlungen mit den USA aus Sorge um die Souveränität ihrer Gesundheitsdaten für beendet erklärt.
Frank Odenthal ist freier Journalist. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.