Amnesty Journal Belarus 27. Oktober 2026

Nasta Loika über Haft in Belarus: "Mir war klar, dass man uns nicht vergisst"

Mehr als drei Jahre verbrachte Nasta Loika in belarusischer Haft, teilweise in Isolationszellen. Im März 2026 kam sie im Zuge von Verhandlungen zwischen den USA und Präsident Aljaksandr Lukaschenka gemeinsam mit 250 weiteren politischen Gefangenen vorzeitig frei. Ein Gespräch mit der Menschenrechtsverteidigerin über den Alltag in der Strafkolonie und ihr neues Leben in Polen.

Interview: Cordelia Dvorák

Nach jahrelanger Haft kamen Sie überraschend frei. Wie haben Sie erfahren, dass es Verhandlungen bezüglich Ihrer Freilassung gab?

Am 18. März gegen sieben Uhr morgens wurde ich aufgefordert, meine Habseligkeiten in der Zelle abzuholen, und am nächsten Tag gegen fünf Uhr nachmittags befand ich mich auf litauischem Boden. Während der gesamten Zeit wusste niemand von uns, was vor sich ging. Erst an der Grenze sagte uns John Coale (der US-Sonderbeauftragte für die Verhandlungen zur Freilassung politischer Gefangener in Belarus, Anm. d. Red.), dass wir nun frei seien. Auf belarusischer Seite blieb mein rechtlicher Status völlig unklar. Mir wurde nur eine Identitätsbescheinigung ausgehändigt, aber kein Pass und kein Entlassungsdokument. 

Wie war Ihr Tagesablauf in der Haft? 

Die Zeit in der Untersuchungshaft war geprägt von Warten, Angst und Sehnsucht. In der Strafkolonie war man hingegen mit der Arbeit in der Nähfabrik ausgelastet, sechs Stunden täglich, außer sonntags. Hinzu kamen drei Mahlzeiten, vier Appellrunden, Putzen sowie das obligatorische Fernsehen, vorwiegend belarusisches Staatsfernsehen. Wegen der schlechten Ausstattung der Haftanstalten verbrachte man viel Zeit mit Schlangestehen – vor den Toiletten und den Duschen, zum Wasserkochen und Wäschewaschen.

Wegen welcher Verstöße konnte man zusätzlich bestraft werden?

Das Bestrafungssystem war vollkommen willkürlich. Es war verboten, Essen zu ­teilen oder gemeinsam zu kochen, doch viele Häftlinge taten es trotzdem. In der Strafkolonie gab es selten offizielle Rauchpausen, sodass viele Häftlinge auf den Toiletten rauchten, was schwere Strafen in Form von drei- bis zehntägiger Isolationshaft nach sich ziehen konnte. Man hatte den Eindruck, dass viele Beamt*innen die Verstöße für ihre Statistiken benötigten, vor allem bei uns "Politischen".

Wegen eines Schlucks Kaffee landete ich in der Strafisolationszelle.

Was waren die schwierigsten Momente, und was hat Ihnen geholfen, sie durchzustehen?

Das Schlimmste waren die 17 Tage, die ich in einer Strafisolationszelle, genannt Shizo, verbringen musste, weil es komplette soziale Isolation bedeutete und die Zellenbedingungen furchtbar waren, und auch die sechs Monate, die ich in einer Isolationszelle (PKT) verbracht habe. Angeblich hatte ich mich unhöflich gegenüber der Aufsicht verhalten. Ich glaube, es ging darum, mich vor der Entlassung noch mal zu quälen. Wegen "eines Schlucks Kaffee" landete ich in der Strafisolationszelle, und der Aufenthalt dort wurde wegen "Schlafens in der Zelle" verlängert. Was mir in der Haft geholfen hat, war die gegenseitige Unterstützung unter den Gefangenen. Außerdem Yoga, Atemübungen und die innere Überzeugung, dass alles vorübergehen würde. Ich lernte Gedichte und französische Sätze auswendig und wiederholte sie während der Spaziergänge im Hof und in meiner Zelle.

Wussten Sie etwas über die Unterstützung für Sie aus dem Ausland, zum Beispiel durch Aktionen von Amnesty International?

Ich hatte keine Kenntnis über einzelne Kampagnen oder Aktionen, aber aufgrund meiner langjährigen Menschenrechtsarbeit war mir klar, dass man uns nicht vergisst.

Als Menschenrechtsanwältin versuchten Sie, auch den nicht-politischen Mithäftlingen rechtlich beizustehen. Wie sah das konkret aus?

Ich konnte ihnen helfen, sich auf ihre ­Gerichtsverhandlungen so vorzubereiten, dass sie manchmal mildere Strafen erhielten.

Was sind die größten Missstände im belarusischen Strafvollzug? 

Es ist ein überaltetes Strafsystem, das noch aus der Sowjetzeit stammt und in Kombination mit unzureichenden Gesetzen und befangenen Richter*innen ineffiziente und unmenschliche Bedingungen schafft. Die Isolationshaft und die Situation von Minderjährigen sind große Probleme. Ich bin auch zutiefst besorgt über den Umgang mit Suchtkranken, die in der Haft keine Therapie erhalten, und über die Situation von Frauen, denen häufig jegliche Unterstützung ihrer Familien vorenthalten wird. Es gibt auch viele nicht-politische Fälle, bei denen vor allem geschlechtsspezifische Aspekte eine Rolle spielen.

Warum haben Sie für Ihr erzwungenes Exil Warschau gewählt?

Weil es dort schon viele Unterstützer*innen und Strukturen gibt. In Polen scheint es auch einfacher für uns zu sein, eine neue Staatsbürgerschaft zu erhalten. Ich stehe dort auch im Kontakt zu anderen ehemaligen politischen Häftlingen aus Belarus. Wir unterstützen uns gegenseitig.

Ist Ihre Meinungs- und Reisefreiheit derzeit eingeschränkt?

Ich habe keinen Pass, und solange ich darauf warte, dass über meinen rechtlichen Status als politischer Flüchtling entschieden wird, kann ich nur in Polen bleiben. Ich habe Angst, nach Belarus zurückzukehren, da mir dort wieder Haft drohen könnte. Meine Mutter besucht mich deshalb in Polen. Und ich habe beschlossen, nicht mehr öffentlich über die gegenwärtigen Repressionen in der Haft zu sprechen, um die Risiken für meine Mutter und die politischen Gefangenen, die sich noch in Belarus befinden, so gering wie möglich zu halten.

Was haben Sie sich für die nähere ­Zukunft vorgenommen?

Ich möchte meine Erfahrungen aus der Haft nutzen, um die Menschenrechtslage in Belarus zu verbessern. Ich möchte auch dazu beitragen, dass alle anderen politischen Gefangenen freigelassen ­werden, dass in Belarus tatsächlich eine Gefängnisreform stattfindet und dass die Rechte schutzbedürftiger Gruppen gewahrt werden. Außerdem würde ich gerne promovieren. Und Kurzgeschichten schreiben.

Was wünschen Sie sich für Belarus?

Ich möchte, dass in meinem Land das Recht geachtet wird, dass verantwortungsbewusst mit internationalen Rechtsverpflichtungen und Menschenrechtsgarantien umgegangen wird. In diesem Sinne möchte ich zu einem Wandel beitragen und im Grunde genommen das fortführen, was ich schon mein ganzes bewusstes Leben lang getan habe.

Nasta Loika (37) ist eine der ­bekanntesten belarusischen ­Menschenrechtsanwältinnen, die sich besonders für den Schutz von Minderheiten und Migrant*innen eingesetzt hat. Im Oktober 2022 wurde sie willkürlich festgenommen und im Juni 2023 wegen ­angeblicher "Aufstachelung zu ethnischer, nationaler, religiöser oder anderer gesellschaftlicher Feindschaft oder Zwietracht" zu sieben Jahren Strafkolonie ­verurteilt. Das Foto entstand im März 2026 nach ihrer Freilassung.

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