Lana Daher: "Hier leben kann nur, wer das Risiko versteht"
© Maroun Bagdadi
Der dokumentarische Filmessay "Do you love me" von Lana Daher macht eine Reise durch 100 Jahre libanesische Filmgeschichte. In einem Land, das seine gewaltvolle Geschichte lieber verdrängt, ist er auch ein Aufruf zu Aufarbeitung und Erinnerungskultur.
Interview: Hannah El-Hitami
"Do you love me" ist eine Collage, die unzählige Schnipsel enthält: aus Spielfilmen, News- und Dokumentarvideos bis hin zu privaten Aufnahmen. Warum haben Sie sich für diese Form entschieden?
Ich wollte aus der Perspektive der Künstler*innen und der Zivilgesellschaft auf die Geschichte blicken, anstatt den Erzählungen von Politiker*innen zu folgen. Im Libanon haben wir kein Nationalarchiv, es gibt keine gemeinsame Geschichtsschreibung. In der Schule wird die libanesische Geschichte nur bis zu den 1940er Jahren gelehrt, da wir uns nicht darauf einigen können, was während des Bürgerkriegs genau passiert ist. Das führt dazu, dass Informationen unvollständig von einer Generation an die nächste übermittelt werden. Ich hatte das Gefühl, dass die fehlenden Teile in Kino, Musik und Literatur zu finden sein würden.
Was kann Kultur zu einer gemeinsamen Geschichtserzählung beitragen?
Wenn die Regierung und das staatliche Bildungssystem einen Teil der Geschichte aussparen, dann müssen Filmemacher*innen, Autor*innen, manchmal auch Musiker*innen diese Aufgabe übernehmen. Kunst und Kultur füllen die Lücke. Auch wenn wir keine richtigen Geschichtsbücher haben, so haben wir doch ein Filmarchiv, das einen faszinierenden Einblick in unsere Geschichte bietet. Ich habe meinen Film in Beirut auch Jüngeren gezeigt und mit ihnen darüber diskutiert. Und ich würde damit gerne an Schulen weitermachen.
Wird im Libanon auch privat zu wenig über Vergangenheit gesprochen?
Jede Familie ist anders, aber auf meine eigene und viele andere, die ich kenne, trifft das zu. Ich wurde 1983 in Beirut geboren und wuchs in einer zerstörten Stadt auf. Ich kannte nichts anderes, Trümmer und Einschusslöcher in Hauswänden waren für mich normal. Erst als ich älter wurde, wurde mir bewusst, dass ich selbst schon viele Kriege durchlebt hatte, und ich verstand, was meine Eltern durchgemacht hatten. Ich war erstaunt, dass sie mir nie davon erzählt hatten. Und ich finde es traurig, dass wir heute im Libanon immer noch derselben Bedrohung durch Israel ausgesetzt sind wie schon so oft in den vergangenen 50 Jahren.
Im Film gibt es Szenen, die auf schwierige Dynamiken innerhalb der Familie verweisen: abwesende Väter, ängstliche Mütter. Hat sie das Thema intergenerationales Trauma beschäftigt?
Dieses Trauma war ein wichtiger Grund dafür, dass ich diesen Film gemacht habe. Ich konnte sehen, dass meine Mutter von Ängsten aus der Zeit des Kriegs geplagt wurde, aber ihr schien das nicht bewusst zu sein. Diese Ängste und dieser Schmerz übertragen sich auf die nächste Generation, auch wenn nicht darüber gesprochen wird.
Was macht es mit einer Gesellschaft, wenn ein kollektives Gedächtnis fehlt oder unterdrückt wird? Im Film sagt ein Mann: "Wir wissen nicht, wer wir sind. Wir sind orientierungslos."
Der Regisseur Patricio Guzmán aus Chile hat einmal gesagt: "Ein Land ohne Dokumentarfilme ist wie eine Familie ohne Fotoalbum." Ich denke, dass die Betrachtung der Vergangenheit unglaublich wichtig ist, denn sie beeinflusst auch unsere Zukunft. Sie sorgt dafür, dass wir verstehen, wo wir als nächstes hinwollen. Ich habe diesen Film nicht gemacht, weil ich immer weiter über den Bürgerkrieg sprechen will, sondern weil die Geschichte sich dauernd wiederholt. Solange das passiert, müssen wir weiter darüber sprechen.
Viele dramatische Ereignisse der libanesischen Geschichte wurden nie aufgearbeitet: die Verbrechen während des Bürgerkriegs, viele politische Morde, die Hafenexplosion in Beirut 2020. Wollen Sie deshalb nicht mit der Vergangenheit abschließen?
Die libanesische Justiz hat niemand jemals für etwas zur Rechenschaft gezogen. Es hat deshalb keinerlei Gerechtigkeit gegeben. Die Menschen zahlen weiterhin den Preis für Entscheidungen, die sie nicht selbst getroffen haben. Ich zeige in meinem Film viele Ausschnitte von sehr harten Momenten unserer Geschichte. Zum Beispiel gibt es eine lange Aufnahme der Hafenexplosion, die die Gewalt dieses Augenblicks festhält. Ich zeige das nicht, um das libanesische Publikum zu retraumatisieren, sondern um zu sagen: Das ist passiert, wir haben das durchgemacht. Es existiert irgendwo immer noch. Und so ist der Film auch ein Aufruf zu Aufarbeitung, Gerechtigkeit, Erinnerungskultur.
Wie und wo haben Sie die Filmschnipsel gefunden?
Es war ein sehr langer, langsamer Prozess. Ich fühlte mich wie eine Archäologin. Ich wollte nur libanesische Quellen nutzen und habe dafür TV- und Radiosender, Universitätsarchive, private Sammlungen und Familienarchive durchforstet. Im Lauf von acht Jahren habe ich insgesamt 20.000 Elemente zusammengetragen, von Audiodateien und Podcasts über Fotos und Ausschnitte aus Büchern bis hin zu Heimvideos und Kinofilmen. Der Film zeigt nur etwa sieben Prozent des gesamten Materials, das ich gesammelt habe. Das älteste Element ist eine private Aufnahme einer Familie aus den späten 1920er Jahren. Das neueste ist von 2025. Mein Archiv umfasst also fast 100 Jahre.
Im Film tauchen sowohl reale als auch fiktive Personen auf. Dennoch fließen die Szenen ineinander, als wäre ihre Erfahrung eine gemeinsame. Was verbindet all diese Personen?
Sie sind verbunden durch die Erfahrung des Ortes, Libanon, Beirut, und durch die schönen Momente, aber auch die Schwierigkeiten, die sie teilen. Wir lieben diesen Ort, aber es ist eine komplizierte Liebe. Es fühlt sich wie eine ständige Achterbahnfahrt zwischen Krieg und Ruhe an. Die Ruhe ist kein Frieden, denn sie ist immer nur temporär, und so leben wir in einem Schwebezustand.
Der Film zeigt viel Trauer, Zerstörung und Verlust. Aber es gibt auch Momente der Leichtigkeit und Freude. Wie haben Sie diese Balance gefunden?
Es war mir wichtig, dieses Auf und Ab im Film zu zeigen. Denn das Leben im Libanon ist nicht geradlinig und nicht verlässlich. Die Dinge können sich jederzeit plötzlich ändern, und es ist schwierig, damit umzugehen. Hier kann nur leben, wer dieses Risiko versteht. Darum versuchen so viele Menschen das Land zu verlassen. Sie wollen ihre Kinder nicht hier großziehen. Oder sie bringen ihre Eltern ins Ausland.
Sie wohnen weiterhin in Beirut. Was hält Sie dort?
Es ist eben mein Zuhause. Ich bin hier, weil meine Eltern hier sind, und auch, weil ich an dem Film gearbeitet habe. Ohne meine Erfahrungen hier hätte ich ihn nicht machen können. Ich denke, aus den schwierigen Situationen kann auch sehr viel Wachstum und Kreativität entstehen. Viele meiner Freund*innen aus der Kulturszene haben das Land verlassen. Aber die, die dageblieben sind, nutzen ihr Umfeld, um etwas zu erschaffen und darüber zu sprechen, was um sie herum passiert.
Lana Daher ist Filmemacherin und multidisziplinäre Künstlerin. Sie studierte Film in London und Kunst und Grafikdesign in Beirut. "Do you love me" wurde 2025 beim Filmfestival in Venedig uraufgeführt, erhielt beim Filmfest Hamburg den Preis "Der politische Film" der Friedrich-Ebert-Stiftung und wurde beim DocPoint Helsinki Documentary Film Festival als bester internationaler Film ausgezeichnet.
Hannah El-Hitami ist freie Journalistin und lebt in Berlin. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.