Amnesty Journal Frankreich 06. Juli 2022

Verteidiger der Brüderlichkeit

Ein Mann mit Brille steht an einem Strand, über den Himmel ziehen Wolken, Häuser ziehen sich am Ufer entlang bis zum Horizont.

Mutig und dickköpfig: Cédric Herrou sagt dem französischen Staat den Kampf an.

Der französische Olivenbauer Cédric Herrou geriet ins Visier der ­Behörden, weil er Geflüchteten half. Sein Buch "Ändere deine Welt" ist die unglaubliche Geschichte eines aufrechten Bürgers.

Von Wera Reusch

Als Cédric Herrou im Frühjahr 2016 nachts auf einer Landstraße im Gebirge eine afrikanische Familie aufliest und mit zu sich nach Hause nimmt, kann er nicht ahnen, dass dies sein Leben völlig verändern wird. 1979 in Nizza geboren, litt er als Jugendlicher an der Welt, reiste durch Afrika und arbeitete als Automechaniker, bevor er in einem abgelegenen Alpental ein Stück Land kaufte und zum Olivenbauern wurde. Er wollte weit weg sein von der Welt und geriet plötzlich mitten ins politische Geschehen, denn im Royatal an der Grenze zu Italien strandeten immer mehr Flüchtlinge.

"Ursprünglich bin ich alles andere als ein Aktivist", schreibt Herrou. "Trotz meiner anarchistischen Seite vertraute ich in gewisser Weise auf den Staat." Doch das ändert sich bald: Als er erlebt, wie die französischen Behörden Schwarze Menschen systematisch und rechtswidrig verfolgen, sie daran hindern, einen Asylantrag zu stellen und nach Italien zurückschicken, beschließt er, den Flüchtlingen zu helfen. Er errichtet auf seinem Land einen informellen Campingplatz und sagt dem Staat den Kampf an.

Ursprünglich bin ich alles andere als ein Aktivist. Trotz meiner anarchistischen Seite vertraute ich in gewisser Weise auf den Staat.

Cédric
Herrou

Unprätentiöse Erzählung

Aufgrund seines Engagements wird Herrou elfmal in Polizeigewahrsam genommen und 2017 wegen "Beihilfe zum illegalen Grenzübertritt und Aufenthalt von Ausländern in Frankreich" zu 3.000 Euro Geldstrafe auf Bewährung verurteilt. Er macht jedoch weiter, obwohl sein kleiner Hof mittlerweile von der Polizei umzingelt ist. 2018 erringt er schließlich einen wichtigen Sieg: Der Verfassungsrat entscheidet, aus dem Grundsatz der Brüderlichkeit folge die Freiheit, jedem Menschen aus humanitären Gründen zu helfen. Herrou kommentiert das bahnbrechende Urteil lakonisch: "Ein Typ, der nicht einmal Abitur hatte, hatte die französische Verfassung verändert. Trotzdem blieb ich ein einfacher Bürger. Mein Einkommen? Die Hälfte des Mindestlohns. Mein Auto? Eine über zwanzig Jahre alte Rostlaube. Mein Palast? Dreißig schlecht isolierte Quadratmeter."

In "Ändere deine Welt" erzählt Herrou seine Erlebnisse in den Jahren 2016 bis 2020 völlig unprätentiös, spart weder Rückschläge noch Konflikte aus. Seine direkte Schilderung macht den Zynismus und Rassismus deutlich, mit dem Europa auf die afrikanischen Flüchtlinge reagierte. Herrous Geschichte beweist aber auch, dass das Handeln eines Einzelnen einen Unterschied macht. "Um all das auf sich zu nehmen, muss man nicht nur mutig sein, sondern auch dickköpfig und unbeugsam", schreibt Literaturnobelpreisträger Jean-Marie Gustave Le Clézio im Vorwort. Herrou selbst sagte auf die Frage, warum er all das gemacht habe: "Meine Mutter hätte mich ausgeschimpft, wenn ich es nicht getan hätte."

Cédric Herrou: Ändere deine Welt. Wie ein Bauer zum Fluchthelfer wurde. Aus dem Französischen von Barbara Heber-Schärer und Andrea Stephani. Rotpunkt Verlag, Zürich 2022, 264 Seiten, 24 Euro.

WEITERE BUCHTIPPS

Schwarze Präsenz in Europa

von Wera Reusch

Der römische Kaiser Septimius Severus, der Florentiner Herzog Alessandro de' Medici, der spanische Gelehrte Juan Latino, der niederländische Geistliche Jacobus Capitein, der französische Komponist und Geiger Joseph Boulogne – sie alle hatten afrikanische Wurzeln. In ihrem Buch "Afrikanische Europäer" erzählt Olivette Otele die Geschichte dieser historischen Persönlichkeiten sowie vieler weiterer Männer und Frauen seit der Antike und ordnet sie in den jeweiligen historischen Kontext ein. Nicht nur gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Umstände prägten die Erfahrungen der afrikanischen Europäer*innen, sondern auch die herrschenden Vorstellungen von "race, Erbe und Kultur", stellt die Professorin für die Geschichte der Sklaverei an der Universität Bristol fest. Ausführlich befasst sie sich mit der Rolle Schwarzer Frauen und der Identität von Kindern doppelter Herkunft im kolonialen Kontext.

Viele Beispiele Oteles beziehen sich auf Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien. Was Deutschland betrifft, geht die Historikerin auf den kamerunischen Prinzen Alexander Duala Manga Bell ein und erinnert an die Lebensgeschichte von Theodor Wonja Michael, der 2019 im Alter von 94 Jahren starb (siehe Amnesty Journal 05/2019). Otele widmet sich außerdem der Schwarzen Präsenz in Ländern wie Dänemark, Griechenland, Russland oder Slowenien, die hierzulande eher unbekannt sein dürfte.

Irreführend ist der Untertitel des Buchs "Eine unerzählte Geschichte", denn in den vergangenen Jahrzehnten haben Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen viele Geschichten Schwarzer Persönlichkeiten in Europa ausgegraben und veröffentlicht. Als Gesamtdarstellung ist Oteles Buch jedoch hilfreich, insbesondere für ein akademisches Publikum, das sich für aktuelle Identitätsdiskurse interessiert.

Olivette Otele. Afrikanische Europäer. Eine unerzählte Geschichte. Aus dem Englischen von Yasemin Dinçer. Wagenbach, Berlin 2022, 304 Seiten, 28 Euro.

Kasachisches Wunderkind

von Wera Reusch

"Wer nie in der Steppe gelebt hat, wird schwer begreifen, wie man es dort, in ­dieser vollkommenen Einöde, aushalten kann", heißt es in Hamid Ismailovs faszinierender Erzählung "Wunderkind Erjan". Die Wege sind lang, und "verkürzen lassen sie sich nur im Gespräch". Damit ist die Rahmenhandlung umrissen: Der Ich-Erzähler lernt bei einer Zugfahrt durch die kasachische Steppe einen zehn- oder zwölfjährigen Jungen kennen, der virtuos Geige spielt. Doch schnell stellt sich heraus, dass das Wunderkind bereits 27 Jahre alt ist.

Aufgewachsen in einem abgelegenen Streckenwärterhäuschen erlebte Erjan in seiner Kindheit regelmäßig merkwürdige Phänomene: "Die Erde fing an zu beben, Donner grollten. Vom Wind getragen, rasten brennende Steppenroller wie Feuer­räder vorüber, und plötzlich blitzte am Himmel eine zweite Sonne auf." In Erjans Familie wurde dafür die "Zone" verantwortlich gemacht. Und als der Junge bei einem Schulausflug in das besagte Gebiet in einem See badete, hörte er auf zu wachsen.

Hamid Ismailov erwähnt das sowjetische Atomwaffentestgelände Semipalatinsk nicht explizit – wir erfahren nur in einer vorangestellten Erklärung, dass dort von 1949 bis 1989 insgesamt 468 Kernexplosionen stattfanden. Der Autor kontrastiert vielmehr die vielfältige Steppennatur, die traditionelle Lebensweise, Lyrik und Musik mit der Moderne, die in Form von ratternden Zügen und unheilvollen Explosionen eindringt. Die Schilderung von Erjans Kindheit und Jugend ist dicht, poetisch, ohne kitschig zu sein. Nicht nur die Zone ist bedrohlich, unheimlich sind auch Familiengeheimnisse, Märchen, die die Großmutter erzählt, und Wölfe, die einen auf dem Schulweg angreifen können.

Ismailov, der in Kirgisistan geboren wurde und in Usbekistan aufwuchs, ist eine eindrückliche Erzählung gelungen, die Andreas Tretner sehr musikalisch übersetzt hat.

Hamid Ismailov: Wunderkind Erjan. Aus dem Russischen von Andreas Tretner, Friedenauer Presse, Berlin 2022, 152 Seiten, 20 Euro.

Wunsch nach Würde

von Marlene Zöhrer

Mehrere Monate verbrachte die Fotografin Alea Horst als freiwillige Helferin auf der griechischen Insel Lesbos. In ihrem Buch "Manchmal male ich ein Haus für uns" dokumentiert sie die Bedingungen, unter denen geflüchtete Kinder und Jugendliche in den Lagern Moria und Kara Tepe leben und aufwachsen. Im Zusammenspiel von Fotografien und Interviewauszügen (die vollständigen Transkripte sind online auf der Verlagsseite abrufbar) gelingt es ihr, den Kindern eine Stimme zu geben, ihren positiven und negativen Erlebnissen wie auch individuellen Ängsten, Nöten und Wünschen Raum zu schenken, ohne sie zu Opfern zu stilisieren.

"In einem Zelt leben zu müssen, ist wirklich schwer. Wenn es regnet oder stürmt, ist es so laut. Man muss sich die Ohren zuhalten und kann nicht schlafen. (…) Manchmal habe ich auch Albträume. Oft träume ich, dass wir ertrinken. Wir sind dann alle unter Wasser und gehen unter", erzählt etwa die zehnjährige Tajala. Das Foto auf der gegenüberliegenden Buchseite fokussiert das Mädchen, das direkt und mit einem vorsichtigen Lächeln in die Kamera blickt. Horst zeigt Tajalas Würde, ihre Stärke und ihre Verletzlichkeit. Auch an die anderen porträtierten Kinder rückt die Fotografin nahe heran: Jede der Geschichten ist einzigartig.

Und doch ähnelt sich das Erlebte in der Not, die immer wieder zum Ausdruck gebracht wird – mal direkt, mal beiläufig, mal anklagend, mal in der Hoffnung, dass es Kindern anderswo besser geht. Da sind Angst und Trostlosigkeit, die traumatischen Erlebnisse der Flucht, die Enge des Lagers, der Hunger, der Wunsch nach Bildung und die Sehnsucht nach einem Zuhause, einem sicheren Ort, an dem man willkommen ist. Der Illustrator Mehrdad Zaeri spiegelt dies in seinen gezeichneten Vignetten wider und akzentuiert so die Eindrücke aus den Flüchtlingslagern. Ein ergreifendes und wichtiges Buch – für alle!

Alea Horst, Mehrdad Zaeri: Manchmal male ich ein Haus für uns. Europas vergessene Kinder. Klett Kinderbuch, Leipzig 2022, 80 Seiten, 16 Euro, ab 8 Jahren.

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