Amnesty Journal Deutschland 15. Januar 2021

Wir teilen den gleichen Schmerz

Drei mittelalte Männer und eine ältere Dame stehen auf einer Bühne vor einem Vorhang und musizieren; einer von ihnen spielt Bass, alle von ihnen singen in Mikrofone.

Harmonie der Gegensätze: Die Microphone Mafia und Esther Bejarano engagieren sich mit Rap und jiddischen Liedern gegen Rassismus.

Antirassismus lässt sich auch singen: Seit 13 Jahren treten die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano und die Rapper der Microphone Mafia gemeinsam auf.

Von Thomas Winkler

Kutlu Yurtseven weiß noch gut, wie sie ablief, die erste Kontaktaufnahme mit Esther Bejarano. Als die Ausch­witz-Überlebende ans Telefon ging, stellte sich der Rapper höflich vor: "Hallo, hier ist Kutlu von der Microphone Mafia." Es entstand eine unangenehme Pause in der ­Leitung. "Ich dachte schon, sie hätte aufgelegt", erinnert sich Yurtseven, "da schreit sie in den Hörer: Sagen Sie mal, warum ruft die Mafia bei mir an?"

Das war vor 13 Jahren und der Beginn einer erstaunlich fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen der Musikerin und ­Aktivistin Bejarano und der Polit-Rap-Gruppe aus Köln. "Wir wollten nur sechs Lieder zusammen machen, aber aus den sechs Liedern sind drei Alben geworden", erzählt Yurtseven. "Wir wollten nur ein paar Konzerte spielen, aber aus den paar Konzerten sind allein in den letzten drei Jahren, bevor uns Corona gestoppt hat, fast dreihundert Konzerte geworden."

Unwahrscheinliche Zusammenarbeit

Dabei schien damals, vor jenem "legendären ersten Gespräch mit Esther", wie Yurtseven es heute nennt, eine Zusammenarbeit eher unwahrscheinlich. Auf der einen Seite die Bundesverdienstkreuzträgerin Bejarano, die Ehrenvorsitzende der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN), die das Vernichtungslager als Mitglied des Mädchenorchesters überlebte, auf dem Todesmarsch 1945 fliehen konnte, im israelischen Unabhängigkeitskrieg kämpfte und doch zurückkehrte ins Land der Täter, um weiter gegen neue Nazis und altes Denken zu kämpfen. Auf der anderen Seite die Microphone Mafia, eine der ersten HipHop-Combos in Deutschland, Kinder von Migrantinnen und Migranten, die sich fremd im eigenen Land fühlten und sich mit rumpelnden Beats und ungehobelten Raps gegen Vorurteile und Ungleichbehandlung wehrten.

Das sollte passen? "Es passte vor allem menschlich sehr gut, wir haben sehr viel voneinander gelernt", erzählt Yurtseven. "Zuerst waren wir ein Projekt, dann eine Band und mittlerweile sind wir eine Familie." Eine Familie, die schnell feststellte, dass sie mehr Gemeinsamkeiten hat, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Als klavierspielende Tochter eines jüdischen Kantors konnte Bejarano zwar anfangs nicht viel anfangen mit der Rap-Musik, mit diesen harten Rhythmen und Reimen, die diese fast ein halbes Jahrhundert jüngeren Menschen eher herausspuckten als vortrugen.

Sie hatte damals keine Ahnung, was Rap ist, erzählt Bejarano, aber es gibt Wichtigeres: "Die Jungs sind Antifaschisten, ich bin eine Antifaschistin." Das verbindet, und Yurtseven erinnert sich, dass die alte Dame bei den ersten gemeinsamen Aufnahmen in Tränen ausbrach. Die Rapper hatten in ihren Texten den Ängsten und der Verzweiflung, all diesen Gefühlen, die sie aus ihrer Jugend im nationalsozialistischen Deutschland kannte, eine ihr neue, fremde Form gegeben. "Sie hat uns gesagt: Ihr erlebt heute den gleichen Rassismus, den ich damals erlebt habe. Wir teilen den gleichen Schmerz", erzählt Yurtseven. "Sie hat unsere Gedanken und unsere Gefühle auf eine Ebene gestellt und uns so zu Gleichberechtigten gemacht. Das ist die Kraft, die uns Esther mitgegeben hat."

Man muss den Leuten anscheinend immer noch beibringen, dass jeder Mensch ein Mensch ist.

Esther
Bejarano
Auschwitz-Überlebende und Bundesverdienstkreuzträgerin

Eine Kraft, die die Holocaust-Überlebende im Überfluss zu besitzen scheint. "Ich bin jetzt 95 Jahre alt", sagt Bejarano, "aber solange ich lebe und gesundheitlich in der Lage bin, werde ich auf die Bühne gehen und singen. Man muss den Leuten anscheinend immer noch beibringen, dass jeder Mensch ein Mensch ist." Und tatsächlich: Bevor die Covid-19-Pandemie öffentliche Veranstaltungen unmöglich machte, bestiegen Esther Bejarano, ihr Sohn Joram und die Microphone Mafia jede Bühne, die sich ihnen bot. In Jugendzentren und Synagogen, an Schulen und in Theatern, in Gemeindehäusern und Clubs lesen sie Texte, spielen jiddische Lieder und HipHop. Es sind Abende ohne erhobenen Zeigefinger, aber mit klarer Haltung. Auftritte, bei denen die Mehrheitsgesellschaft ein paar unangenehme Wahrheiten erfährt: Wie sie einst mit den Jüdinnen und Juden und wie sie heute mit anderen Minderheiten umgeht. "Natürlich gibt es immer die Gefahr, nur für Gleichgesinnte zu spielen. Wenn wir in einer Synagoge auftreten, kommen nur sehr selten Nazis", sagt Yurtseven. "Aber vielleicht kommen doch auch ein paar, die auf der Kippe sind, denn der Rechtsruck betrifft doch längst auch die Mitte der Gesellschaft. Es gibt sehr viele Menschen, die gar nicht glauben, dass sie rassistisch sind."
 

Wir haben immer wieder gedacht, dass wir irgendwann nicht mehr über Rassismus rappen müssen, mittlerweile glaube ich das nicht mehr.

Kutlu
Yurtseven
Microphone Mafia

Als sich die Microphone Mafia 1989 gründete, waren sie vier Freunde, die sich vom Schulhof kannten. Alle hatten eine ähnliche Geschichte wie Kutlu, dessen Vater in den 1960er-Jahren als sogenannter Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland kam. Endgültig politisiert hat sich die Band während der rassistischen Ausschreitungen zu Beginn der 1990er-Jahre, die Microphone Mafia wurde Stammgast auf Solidaritätsveranstaltungen und Antirassismus-Kompilationen. Eine Zeit lang konnten sie von der Musik leben, aber der Durchbruch blieb trotz eines Vertrages mit einer großen Plattenfirma aus. Der erfolgreiche Rap kam damals von weißen Abiturienten wie den Fantastischen Vier. Rapper, die aus Einwandererfamilien stammten, stürmten erst sehr viel später die Charts: Heute erschrecken Gangster-Rapper wie Bushido oder Capital Bra die bundesdeutsche Mehrheitsgesellschaft mit Sexismus, Gewalt, Homophobie und – wie Kollegah und Farid Bang – bisweilen auch mit Antisemitismus.

Die Microphone Mafia dagegen blieb politisch und sozial ­engagiert – und Underground. Seit Jahren ist man nur mehr zu zweit, aber leben von der Musik können Yurtseven und sein Partner Signore Rossi dennoch nicht. Rossi arbeitet als Koch, Yurtseven verdient sein Geld als Ganztagskoordinator an einer Sekundarschule. Dass sie niemals in Versuchung gerieten, auf den Gangster-Rap-Zug aufzuspringen, dafür macht Yurtseven seine Kindheit und Erziehung verantwortlich: "Wir sind Arbeiterkinder, wir konnten nur links werden. Ich war 13 Jahre alt, als mich mein Vater zu meiner ersten Demo mitgenommen hat – für die 35-Stunden-Woche."

Underground statt Durchbruch

Seitdem engagiert sich Yurtseven für eine gerechtere, eine bessere Welt. Und muss immer wieder erfahren, dass der Kampf niemals zu Ende geht. Der Anschlag von Solingen, bei dem fünf Menschen ermordet wurden, zeigte Yurtseven 1993, dass es nicht nur im Osten des wiedervereinigten Deutschlands Neo­nazis gibt. Er wohnte in der Kölner Keupstraße, als der NSU dort im Juni 2004 eine Nagelbombe zündete, die 22 Menschen verletzte. "Wir haben immer wieder gedacht, dass wir irgendwann nicht mehr über Rassismus rappen müssen", sagt er, "mittlerweile glaube ich das nicht mehr." Stattdessen fragt er sich immer häufiger: "Warum mache ich das eigentlich?"

Zuletzt, als im Februar in Hanau zehn Menschen von einem Rassisten erschossen wurden. "Wir machen, machen, machen. Und Nazis morden, morden, morden. Und die Behörden schweigen und tun das als Einzelfall ab", sagt Yurtseven. "Aber dann sehe ich mir Esther an und denke: Wer bist du, dass du resignieren darfst?" Und die? Die sagt, dass man gerade dann nicht ­resignieren kann: "Ich weiß, wie es anfängt, ich habe das alles erlebt. Und ich habe Angst, dass der deutsche Faschismus wiederkommt. Deswegen gehe ich auf die Bühne."

Info: www.facebook.com/Tcamicrophonemafia

Thomas Winkler ist freier Journalist. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International oder der Redaktion wieder.

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