Amnesty Journal Deutschland 20. Juni 2017

Der Krieg vor dem Balkon

Zwei Frauen gucken aus dem Fenster. Szene aus dem Film "Innen Leben - Insyriated" von Philippe Van Leuw

Wer wurde da ermordet? Szene aus dem Film "Innen Leben - Insyriated" von Philippe Van Leuw.

Eingeschlossen in der eigenen Wohnung, und draußen tobt der Krieg: In Philippe Van Leeuws Spielfilm »Innen Leben – Insyriated« erlebt eine Gruppe von Zivilisten die Kämpfe in Syrien als grausames Kammerspiel.

Von Jürgen Kiontke

Es gibt kein Wasser, keinen Strom, und draußen wurde gerade jemand erschossen: Vom Balkon aus hat man es gesehen, ganz deutlich. Die Menschen in dem Spielfilm »Innen Leben« des belgischen Regisseurs Philippe Van Leeuw verwalten und kommentieren den Tod. Sie sind »insyriated«, wie der englische Originaltitel lautet: eingeschlossen in einem Krieg, der schon viele Jahre dauert, in dem man die Wohnung besser nicht verlässt, weil draußen die Heckenschützen lauern. Die Eingeschlossenen warten ab – und es scheint unausweichlich, dass der Krieg ins Haus kommt.

Van Leeuw hat sein Kriegskammerspiel, das drei Frauen ins Zentrum stellt, nach Damaskus verlegt. Hausherrin Oum Yazan, prominent besetzt mit der Schauspielerin Hiam Abbass, harrt mit ihrem Schwiegervater, ihren drei Kindern Yara, Aliya und Yazan und der philippinischen Haushaltshilfe Delhani in ihrer Wohnung im zweiten Stock eines Mehrfamilienhauses aus. Da­rüber hinaus gewährt sie einem jungen Paar aus der zerstörten Nachbarwohnung, Halima und Samir, sowie deren Baby Asyl – und auch Karim, dem Freund ihrer Tochter Yara, der bei einem Besuch von schweren Gefechten überrascht wurde.

Man sitzt im Halbdunkel: Die Fenster der Wohnung bleiben aus Angst vor Scharfschützen von Vorhängen verhüllt, aus der Ferne sind Explosionen, Schüsse und Helikoptergeräusche zu vernehmen. Jeder Gang nach draußen ist gefährlich. »Da«, ruft Delhani, »nun haben sie einen Mann erschossen!« Wer ist der Angeschossene, von dem man nicht viel sehen kann? Ist es Oums Yazans Mann, der seit dem Morgen erwartet wird? Von Anfang an dominiert die Ungewissheit. Als Scharnier zur Außenwelt dient der Balkon, von dem aus Delhani berichtet.

»Innen Leben« ist ein Film, in dem der Zuschauer nur schattenhaft, nur indirekt vom Außen erfährt, während die Wohngemeinschaft versucht, den Alltag zu konstruieren. Das gemeinsame Essen, der Unterricht für den Enkel Yazan, die Flirts der Teenies – man hat sich eingerichtet, bis die Einschläge zu nahe kommen: Zwei Männer verschaffen sich Zutritt zur Wohnung, Halima hat es mit ihrem Baby nicht in die sicheren, verbarrikadierten hinteren Räume geschafft. Die anderen erleben ein Verbrechen durch verschlossene Türen mit.

Van Leeuw verhandelt in seinem Film existenzielle Fragen, stellt den Schmerz dar und fordert die ganze Aufmerksamkeit seines Publikums. Sollen wir flüchten? Soll ich mich in Gefahr bringen, um andere zu retten?

Das Stilmittel ist Spannung, Van Leeuw inszeniert den ungeschönten Blick auf das Drama der Situation als Kern des cineastischen Erlebens. Sein Film erinnert an »Panic Room« von David Fincher; ein Werk, in dem sich die Protagonisten hermetisch abriegeln müssen, im Willen sich zu befreien. Wenig soll man sehen, und davon viel – sodass die bedrohlichsten Bilder im Kopf entstehen.

Über die Katastrophe in Syrien hinaus wolle er nach der Menschenwürde fragen, sagt Van Leeuw. Ihm ist ein überzeugender Antikriegsfilm gelungen, der Gewalt mit minimalen Mitteln darstellt und zeigt, welche Verwüstung sie in den Menschen anrichtet. Nicht umsonst bekam »Innen Leben« den Publikumspreis der diesjährigen Berlinale.

 

»Innen Leben – Insyriated«. B/F/LBN 2017. Regie: Philippe Van Leeuw, Darsteller: Hiam Abbass, Juliette Navis.

Kinostart: 22. Juni 2017

 

Hörspiel mit Bildern

»Ich habe einen großen Wunsch: Ich möchte meinen Kindern erzählen, was mit ihrem Opa passiert ist. Ich würde trotzdem dafür sorgen, dass sie ohne Hass aufwachsen. Aber ich möchte ihnen die Wahrheit erzählen können – die ganze.« Abdulkerim, Sohn des Blumenhändlers Enver Şimşek, weiß bis ­heute nicht, warum sein Vater vom Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) ermordet wurde. Und bis heute fragt sich nicht nur er, warum diese rechte Terrororganisation über Jahre Verbrechen verüben konnte und welche Rolle staatliche Institutionen dabei spielten. In solchen Fällen kann die Kunst helfen: »6 Jahre, 7 Monate und 16 Tage« lautet der Titel der essayistischen Schwarz-weiß-Dokumentation des Filmemachers Sobo Swobodnik, die sich mit der Mordserie beschäftigt, der mutmaßlich zehn Menschen zum Opfer fielen. Bilder der Tatorte werden mit Aussagen von Zeugen und Angehörigen wie Abdulkerim Şimşek verbunden und mit Musik des Komponisten Elias Gottstein unterlegt. Eine filmische ­Installation, ein Hörspiel mit Bildern – ein wichtiges Werk. Denn angesichts des bizarren und bisher ergebnislosen NSU-Prozesses gegen die Hauptangeklagte Beate Zschäpe und täglicher rechtsradikaler Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte bringt dieser Film die rechtsextremen Taten erneut ins öffentliche Bewusstsein – indem er an die Fragen erinnert, auf die es immer noch keine Antworten gibt.

»6 Jahre, 7 Monate und 16 Tage. Die Morde des NSU«. D 2017. Regie: Sobo Swobodnik. Kinostart: 18. Mai 2017

 

Vom Recht zu nerven

In einer Demokratie sollte sich jeder selbst mit seinen Grundrechten vertraut machen. Was bedeutet eigentlich Rede- und Meinungsfreiheit, fragt sich der junge Filmemacher Tarquin Ramsay. Als 15-Jähriger schnappt er sich eine Kamera und interviewt Leute auf der Straße. Fünf Jahre später ist sein Film »Free Speech Fear Free« fertig. Aus der mehr durch Zufall bestimmten Suche nach Interviewpartnern ist ein stringentes Filmkonzept geworden. Was bedeutet es, frei kommunizieren zu können? Welche Gefahr besteht, wenn diese Freiheit eingeschränkt wird? Mit Fragen wie diesen konfrontiert der Filmemacher prominente Vertreter der digitalen Welt, wie Wikileaks-Gründer Julian Assange, Andy Müller-Maguhn vom Chaos Computer Club oder die Medienkünstlerinnen Diani und Niamh Barreto. Dabei entsteht ein Plädoyer für das ungebremste demokratische Sprechen. Der Aktivist Charlie Veitch sagt: »Was spricht dagegen, eine laute Nervensäge zu sein?« Er tritt radikal dafür ein, dass sich jeder äußern kann, wie er will – ohne Angst vor Überwachung und gern auch in problematischer Weise: »Der Sprecher kann sich ja immer noch lächerlich machen.« Der Film sei allen empfohlen, die die diskursive Kontroverse und den Widerspruch lieben. Redefreiheit – sie bedeutet eben auch Redelust. Alle Gesprächspartner machen deutlich: Freie Rede und auch Kunst haben keinen Sinn ohne ein Publikum. Möge dieser Film das seine finden.

»Free Speech Fear Free«. D/GB 2016. Regie: Tarquin Ramsay. Kinostart: 1. Juni 2017

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