Historie der Menschenrechte: "Freiheyth!"
Zur Zeit der Bauernkriege entstanden die "Zwölf Artikel" von Memmingen. Sie gelten als eine der ersten niedergeschriebenen Menschenrechtsforderungen in Europa.
Von Klaus Ungerer
Vor 500 Jahren waren Ungleichheit und Ausbeutung weit verbreitet in Europa – aber auch die Empörung darüber. Seit dem Spätmittelalter brachen immer wieder Revolten aus: in der Schweiz, in Flandern, in England, in Ungarn, im Harz, im Elsass, im Breisgau, in Oberschwaben, in Württemberg … Im Jahr 1524 ging der nächste Aufstand los: Mitglieder der ausgebeuteten Stände – längst nicht nur Bauern – hatten im mittel- und süddeutschen Raum große Heere gebildet, die die herrschende Ordnung herausforderten.
Die Verhältnisse waren ins Wanken geraten. Jenseits des Atlantiks hatte man einen unbekannten Kontinent entdeckt, starke Reformationsbewegungen hatten sogar die Wahrheit der päpstlichen Kirche infrage gestellt. Und es gab eine neue, mächtige Waffe, um jeder neuen Idee zum Durchbruch zu verhelfen: die Druckerpresse.
Ein Gedanke, der nachwirkt
Im oberschwäbischen Raum hatten die Aufständischen drei Heere gebildet, die sogenannten "Haufen". Um ihren Forderungen eine Form zu verleihen, trafen sich Vertreter dieser Heere Anfang 1525 im Kramerzunfthaus der freien Reichsstadt Memmingen. In bemerkenswerter Ruhe und Gottergebenheit, keineswegs ketzerisch oder anarchistisch, formulierten sie dort ein Manifest aus zwölf Artikeln. Unter anderem forderten sie die Abschaffung der Erbschaftssteuer, die für viele Familien erdrückend war. Außerdem wollten sie das Nutzungsrecht für die Wälder zurück, das der Adel für sich beanspruchte. Sie verlangten eine Einschränkung der Frondienste, und wollten ihre Pfarrer selbst wählen.
So ging es Punkt für Punkt, in ausdrücklicher Anerkennung der bestehenden Herrschaftsverhältnisse. Dabei formulierten und Memminger im dritten Artikel einen Gedanken, der so schlicht wie umwälzend war, und der noch Jahrhunderte später nachwirken würde: "Ist der Brauch bisher gewesen, dass man uns für Eigenleute [Leibeigene] gehalten hat, welches zu Erbarmen ist, angesehen dass uns Christus alle mit seinen kostbarlichen Blutvergießen erlöst und erkauft hat, den Hirten gleich wie den Höchsten, keinen ausgenommen. Darum erfindet sich mit der Schrift, dass wir frei sind und sein wollen."
Auch Laien beriefen sich auf die Bibel
Das war eine klare Ansage: Da Jesus alle Menschen erlöst habe, seien alle gleich und frei geboren. Die Leibeigenschaft habe daher keine Berechtigung auf Erden und gehöre abgeschafft. Erst kurz zuvor, 1522, hatte Martin Luther seine Übersetzung des Neuen Testaments vorgelegt. Jetzt fuhr sie wie ein Hammer auf die Herrschenden nieder: Auch Laien konnten sich nun auf die Bibel berufen. Die "Zwölf Artikel" von Memmingen verbreiteten sich sofort in nie gesehenen Mengen und mit atemraubender Geschwindigkeit in den deutschen Ländern. Der Geist der Freiheit war aus seinem Gefängnis entwichen.
Die Idee, dass der Mensch eine Würde und angeborene Rechte habe, hatte es lange Zeit sehr schwer in Europa, denn sie missfiel nicht zuletzt den König*innen und dem Klerus. Die Entwicklung der Städte und Staaten hatte eher vergessen lassen, dass dem einzelnen Menschen ein Wert zukommt: Dass die Gesellschaften immer größer wurden, beförderte die Anonymität und Distanz zwischen den Eliten und den Gemeinen, der gemeine Mensch wurde zunehmend vom Staat her gedacht. Und dieser wies jedem seinen Platz, seine Schicht und seine Aufgabe zu.
Platon warnte vor Gleichheit
Bereits in der Antike waren es die Massen von Sklav*innen, die Rom und Athen am Laufen hielten, doch die Würde des Einzelnen spielte keine große Rolle. Das Individuum wurde nur in Gestalt von Göttern, Herrschern und Helden gefeiert. Dass alle Menschen gleich geboren sind und daher gleiche Rechte haben, war lange Zeit eine obskure Minderheitenmeinung, weswegen sie es auch selten in die Überlieferung geschafft hat. Einige sophistische Philosophen vertraten allerdings bereits im 5. Jahrhundert vor Christus die Auffassung, es gebe ein Naturrecht, das höher einzuschätzen sei als bestehende Gesetze. Und vom wenig bekannten Philosophen Alkidamas ist der Gedanke überliefert, die Gottheit habe alle Menschen frei geschaffen und niemanden zum Sklaven oder zur Sklavin gemacht.
Bis heute wesentlich prominenter sind Denker wie Platon und Aristoteles: Oberste Priorität hatte für sie jedoch das Wohl und Wehe des Staates, weshalb der Mensch vom Staat erzogen werden müsse und sich stets der Staatsräson zu unterwerfen habe. Vor Freiheit und Gleichheit warnte Platon explizit: Denn sie hätten zur Folge, dass der einzelne Mensch sich "nicht um die Gesetze kümmert, die geschriebenen wie die ungeschriebenen, um nur ja nirgends einen Herrn über sich zu haben". Ein paar Jahrzehnte nach Aristoteles wiesen die Stoiker darauf hin, dass alle Menschen gleich an Vernunft geboren seien, weshalb ihnen gleiche Rechte zustünden. Aber für die Staatenlenker der Antike war dies keine Option.
Ewige Folter im Jenseits
Das sich im Mittelalter über Europa ausbreitende Christentum trieb die Idee der absoluten Unterwerfung unter eine Autorität auf die Spitze. Nicht nur dem Staat habe der Mensch sich zu unterwerfen, sondern auch einem Gott, der alles sehe, alles wisse und jeden falschen Gedanken gnadenlos bestrafe. Abweichler*innen drohte die ewige Folter im Jenseits. Kaiser Konstantin, der den christlichen Monotheismus zur Staatsreligion erhob, erkannte, dass man damit die stets unberechenbaren Massen auf Linie bringen konnte.
Es dauerte sehr lange, bis im christlichen Europa wieder denkbar und aussprechbar wurde, dass jeder Mensch angeborene Rechte habe. Aber selbst die wurden zunächst von Gott abgeleitet. Thomas von Aquin fragte im 13. Jahrhundert: Ist der Mensch nicht nach Gottes Ebenbild geschaffen und müsste daher auch eine eingeborene Würde haben? Müsste er nicht daher auch mit Respekt behandelt werden?
Nichts ist so stark wie eine Idee, die jedem unmittelbar einleuchtet. Allerdings wussten deren Feinde zu allen Zeiten, wie mächtig diese Idee ist, und wandten stets Gewalt an, sobald sich das Pflänzchen der Freiheit irgendwo zeigte. Den Aufständischen des deutschen Bauernkriegs erging es nicht anders: Sie feierten einige Erfolge und verhielten sich dabei verhältnismäßig diszipliniert und zurückhaltend. Doch das Strafgericht der Armeen des Adels war umso furchtbarer: Die Bauern und ihre Verbündeten wurden zu Tausenden niedergemetzelt, ihre Anführer hingerichtet.
Die Sieger von damals und ihre Nachfolger versuchten zwar lange, die "Zwölf Artikel" aus dem kollektiven Gedächtnis zu verbannen. Doch sie waren in der Welt und verbreiteten sich. Im Jubiläumsjahr 2025 feiert die Stadt Memmingen das ganze Jahr über ihren Platz in der Weltgeschichte. "Nach 500 Jahren ist es Zeit, dem Bauernmanifest von damals den gebührenden Rang in der Geschichte der deutschen Demokratie einzuräumen", schrieb Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung. "Wir sollten heute stolz sein auf die Bauern, die 1525 'Freiheyth!' riefen und sich erhoben." Die Ideen, die diese Menschen mit ihrem Gerechtigkeitssinn vor 500 Jahren zu Papier brachten, wurden zu einer Grundlage unseres Zusammenlebens.
Klaus Ungerer ist freier Journalist. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.