Amnesty Journal Demokratische Republik Kongo 21. März 2018

Körper, keine Waffen

Kopf oberhalb der Nase einer kongolesischen Frau

Weiterleben. Patientin des Panzi-Krankenhauses in Bukavu, April 2012.

In der Demokratischen Republik Kongo haben Frauen, die Opfer von Vergewaltigungen im Bürgerkrieg wurden, zwei Alben mit Songs aufgenommen. Die Musik ist Teil ihrer Therapie.

Von Daniel Bax

Eine fröhliche Keyboard-Melodie, die zum Mitsummen einlädt, und dazu eine trotzig-freche Frauenstimme, die singt: "Wenn du mich ansiehst, wirst du eine Frau sehen, die lächelt. Eine Seele voll Freude. Und wenn du mich auf der Straße triffst, wirst du niemals wissen, dass mein Herz gebrochen ist und meine Träume zerbrochen sind." Trotz dieser Abgründe transportiert der Refrain eine Botschaft der Unbeugsamkeit: "In mir steckt ein kleiner Präsident, der alle Ungerechtigkeiten beseitigen würde. In mir steckt ein kleiner Anwalt, der alle Unterdrückten verteidigt, eine Ärztin, eine Seele voll Freude." Dazu tuckert ein poppiger Beat, und der schwedische Rapper Timbuktu steuert einen kraftvollen Rap-Part bei.

Es ist der Titelsong des Albums "Mon corps n’est pas une arme" ("Mein Körper ist keine Waffe"), und die Sängerin heißt Sandra. Das Album erscheint zusammen mit einem weiteren, das den Titel "Keshu ni Situ mupya" ("Morgen ist ein neuer Tag") trägt; beide sind online auf Soundcloud weltweit abrufbar. Insgesamt sind es zwölf Songs, aufgenommen auf Swahili, Französisch und Englisch. Die Lieder wurden allesamt im Panzi-Krankenhaus im Osten der Demokratischen Republik Kongo aufgenommen und von Frauen eingesungen, die im Bürgerkrieg zu Opfern sexualisierter Gewalt wurden. Das gilt auch für Sandra: Auch sie wurde vergewaltigt, verlor ihr Kind, wurde mit HIV angesteckt und verbrachte viel Zeit im Krankenhaus. Dort komponierte sie ihren Song und sang ihn ein.

Die zwölf Stücke sind ein Dokument der Selbstbehauptung und des Lebenswillens. Obwohl viele der Lieder von Hunger, Krankheit und Gewalt handeln, transportieren sie einen unerschütterlichen Optimismus. Der kanadische Produzent Darcy Ataman hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Opfern des Bürgerkrieges im Kongo eine Stimme zu geben und ihre Geschichten bekannt zu machen. "Eines der letzten Dinge, die man jemandem nehmen kann, ist seine Fähigkeit zu singen", sagt er. Darum hätten die Lieder eine solche Kraft, die sich direkt vermittle.

Im Osten des Kongo herrscht seit Jahrzehnten Krieg. Diverse Milizen ringen um die Macht in der Region, die reich an Bodenschätzen wie Coltan ist, das für Mobiltelefone und Laptops verwendet wird. Alle Kriegsparteien setzen sexualisierte Gewalt ein. Das Panzi-Krankenhaus in der Provinz Süd-Kivu, in Bukavu an der Grenze zu Ruanda gelegen, ist zu einer Zufluchtsstätte für Frauen geworden, die Opfer der Gewalt wurden. Geleitet wird es von dem kongolesischen Arzt Denis Mukwege, der inzwischen zahlreiche internationale Menschenrechtspreise erhalten hat, 2012 aber nur knapp einem Mordanschlag entkam. Die Aufnahmen gehen auf eine Zusammenarbeit der Panzi-Stiftung und der kanadischen NGO Make Music Matter zurück und sind Teil eines künstlerischen Therapieprogramms. Neben Musikproduzenten standen den beteiligten Frauen geschulte Psychologen zur Seite, um ihnen zu helfen, mit ihren traumatischen Erfahrungen umzugehen.

Es sind keine geschulten Sängerinnen, die diese Lieder vortragen. Aber die Botschaft berührt. Einige der Songs wurden auch von lokalen Radiostationen im Osten des Kongo gespielt. Das führte zu Beschwerden von Militärs, die um ihren Ruf fürchteten – denn Vergewaltiger sind immer die anderen. Ataman amüsiert diese Reaktion. "Es ist doch erstaunlich, dass sich jemand mit Waffen vor Liedern fürchtet." 

"Mon corps n’est pas une arme" und "Kesho ni siku mupya" (Soundcloud)

Film- und Musiktipps

Der Sound der Straße

"Bitte geben Sie mir etwas Geld, ich verhungere": Die elfjährige Blanka lebt auf den Straßen der philippinischen Hauptstadt Manila. Mit Betteln und Stehlen schlägt sie sich durch. Das smarte Mädchen hat in den Nachrichten gesehen, dass eine bekannte Schauspielerin ein Kind adoptiert hat und ihm ein sorgenfreies Leben ermöglicht. Nun will Blanka sich eine Mutter kaufen – dann kann sie in die Schule gehen und in einem Haus wohnen. Von ihrer leiblichen Mutter wurde sie verlassen. Um schneller an eine neue zu kommen, macht Blanka gemeinsam mit dem blinden Straßengitarristen Peter Musik. Der bestärkt das Mädchen darin, als Sängerin aufzutreten, ist von seinem Talent überzeugt. Während Blanka Peter hilft, beim Publikum Geld einzusammeln, gibt er ihr Gesangsunterricht. Doch dann kommt das Duo kriminellen Jugendlichen in die Quere, Blanka wird in einen Käfig gesperrt und soll verkauft werden. Der Film richtet einen bestens fotografierten Blick auf das Leben von philippinischen Straßenkindern zwischen Diebstahl und Kinderprostitution. "Undankbare Ratten", brüllen die Ordnungskräfte den Minderjährigen hinterher – und wie Ungeziefer werden diese auch behandelt und verscheucht. "Wir sind aufgegeben worden", sagt ein Freund zu Blanka. Ein Kinderfilm für ­Erwachsene, der vom Überlebenswillen erzählt.

"Blanka". I/JPN/PHL 2015. Regie: Kohki Hasei, ­Darsteller: Cydel Gabutero, Peter Millari. Kinostart: 29. März 2018

Woanders leben wollen

"Sahara Libre" lauten die beiden Wörter, zu denen sich Menschen in der Wüste formiert haben. Sahrauis, Bewohner der seit mehr als 40 Jahren von Marokko besetzten Westsahara, wollen mit dem Schriftzug auf ihre Situation aufmerksam machen, die sie in algerische Flüchtlingslager gezwungen hat. Die Syrerin Dana wiederum berichtet von ihrem Weg nach Brasilien, wohin der Bürgerkrieg einige Flüchtlinge verschlagen hat; die südamerikanische Regierung hatte ihnen pauschal Visa ausgestellt. Eigentlich kommt Dana am anderen Ende der Welt ganz gut zurecht, aber sie vermisst doch ihre Angehörigen. Und Flüchtlinge aus der Region Kachin in Myanmar berichten, wie es ist, das eigene Haus von Soldaten umringt zu sehen und nicht betreten zu können, weil dort gekämpft wird. Für seinen Film "Exodus" hat Regisseur Hank Levine Hotspots internationaler Fluchtbewegungen aufgesucht. Er drehte über einen Zeitraum von zwei Jahren unter anderem im Südsudan, in Kenia, Algerien, der Demokratischen Republik Kongo, Kuba und Deutschland. Ist die Ausgangssituation auch jedes Mal eine andere, so haben die geflüchteten Menschen doch immer wieder mit denselben Problemen und Anforderungen in der neuen Umgebung zu kämpfen. In ihrer extremen Lebenssituation kommt bei den Betroffenen vor allem der Wunsch nach Selbstbestimmung und nach einem Lebensort zum Vorschein. "Die Sprache zu lernen, ist wichtiger als Arbeit", sagt die Syrerin Dana.

"Exodus". BRA/D 2016. Regie: Hank Levine. Kinostart: 29. März 2018

Conscious Samba

Der Rapper Criolo zählt zu den Stars der brasilianischen Musikszene, seit vor sieben Jahren sein Album "Nó na Orelha" erschien. Criolo wuchs in einem der gewalttätigsten Viertel der Elf-Millionen-Metropole São Paulo auf. Er jobbte in seiner Jugend in einem Supermarkt, verkaufte Klamotten an Wohnungstüren, gab Schulkindern Kunstunterricht, arbeitete als Streetworker und gründete ein Kulturzentrum, das DJ’s, MC’s und Fans aus der ganzen Stadt anzog. Criolo weiß also, wovon er spricht, wenn er über Armut und Kriminalität, über Drogen, Polizeigewalt und die gigantische Kluft zwischen Arm und Reich rappt oder singt. Sein neues Album überrascht, denn auf "Espiral de Ilusão" verzichtet der Rapper diesmal ganz auf Keyboards und programmierte Beats. Stattdessen stärkt ihm eine Samba-Band den Rücken: mit Samba-Percussion, Gitarre, Bläsern und Cavaquinho, dem brasilianischen Cousin der Ukulele. Die Songs klingen nach alten, melodischen Samba-Klassikern, aber Criolo kombiniert sie mit zeitgemäßen und sozialkritischen Texten und nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er das Persönliche mit dem Politischen verbindet. In "Menino Mimado" singt der 42-Jährige, "verwöhnte Jungs sollten nicht an der Regierung sein", und in "Cria de Favela" warnt er vor den Verheerungen, die Kriminalität und Gewalt in den Armenvierteln anrichten. In Anlehnung an den politisch bewussten "Conscious Rap" kann man auch Conscious Samba dazu sagen.

Criolo: Espiral de Ilusão (Sterns)

Desert Rock

"Tootard" ist der arabische Name für Erdbeeren. Die Früchte wachsen auch auf den Golanhöhen, die seit dem Sechstagekrieg von 1967 von Israel besetzt sind. Von dort stammen die Musiker der Band Tootard. Sie besitzen keine Staatsbürgerschaft, weder die israelische noch die syrische, sondern sind staatenlos. Folglich besitzen sie lediglich provisorische Passierscheine, um sich auszuweisen. Oder, wie die Papiere auf Französisch heißen: "Laissez Passer." Diesen Titel trägt auch das erste Album von Tootard, das in Jerusalem aufgenommen wurde und auf dem internationalen Glitterbeat-Label erschienen ist. Ihr treibender, erdiger, schwerer und melodiöser Rock ist hörbar beeinflusst vom Desert Blues, den Tuareg-Bands wie Tinariwen populär gemacht haben und mit dem die Musiker von Tootard aufgewachsen sind. Elektrische Gitarren, schwere Rhythmen und ein verspieltes Saxofon verbinden sich mit Dub-Reggae, psychedelischem Rock und klassischen arabischen Melodien. "Keine Nationalität, keine Grenzen. Wenn du mich fragst, bin ich ein Oud-Spieler", singt Sänger Hasan Nakleh. Die Stimmung der Songs ist erstaunlich optimistisch und kraftvoll. Das Album endet mit einem Blick über die Grenze, dem rein instrumentalen, elegischen "Syrian Blues". Historisch gesehen gehören die Golanhöhen zu Syrien, aber die Musiker waren noch nie dort. Ihr musikalischer Horizont reicht über die Levante bis in die Sahara, nach Westafrika. Er kennt keine Grenzen.

Tootard: Laissez Passer (Glitterbeat)

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