Aktuell Ukraine 21. Juni 2022

Ukraine: Wie ehrenamtliche Helfer*innen die Versorgung älterer Menschen gewährleisten

Das Bild zeigt eine ältere Frau, die an beiden Händen von Helfern gestützt wird.

Eine ältere Frau in der ukrainischen Stadt Irpin wird nach russischen Angriffen evakuiert (8. März 2022).

Die Psychologin Olga Perekopaiko engagiert sich ehrenamtlich bei der Hilfsorganisation "Hilfe für Ba und De" ("Hilfe für Oma und Opa") in der ukrainischen Hauptstadt Kiew, die ältere Menschen unterstützt. Zu Beginn der russischen Invasion in der Ukraine sprach sie mit Amnesty International darüber, wie sich der Krieg auf die ältere Bevölkerung des Landes auswirkt und was Ehrenamtliche tun, um ihnen zu helfen. Die Erfahrungen von Olga Perekopaiko sind auch heute noch für Regionen in der Ukraine relevant, die weiterhin stark umkämpft sind.    

Wie wirkt sich der Krieg auf die geistige Gesundheit älterer Menschen aus?

Olga Perekopaiko: Viele ältere Menschen sind körperlich oder geistig nicht in der Lage, eine lange Reise auf sich zu nehmen, und sehen sich daher gezwungen in ihren Heimatorten zu bleiben, anstatt mit ihren Familienmitgliedern an einen sichereren Ort zu fliehen. In der Folge finden sie sich oft nahe der Front wieder und sind möglicherweise sogar Beschuss und Bombardierung ausgesetzt. 

Ältere Menschen haben genau wie andere Menschen Angst, wenn sie Explosionen oder Luftschutzsirenen hören. Für einige führt dies zu einem Wiedererleben des Zweiten Weltkriegs, während andere die Realität möglicherweise komplett verleugnen. Sie fragen: "Wie kann es sein, dass so etwas heutzutage passiert? Wir haben doch schon einen Krieg durchgemacht." 

Häufig haben ältere Menschen Angst, ihr Haus zu verlassen. Sie befürchten, sich nicht schnell genug in Sicherheit begeben zu können, falls die Luftschutzsirene ertönt. Manche haben vielleicht sogar Bedenken, auf den Balkon zu gehen. So sind sie in ihren vier Wänden gefangen und erhalten nicht genügend frische Luft und körperliche Betätigung. Manchmal spreche ich auch mit Leuten, die vor dem Sterben keine Angst zu haben scheinen. Sie weigern sich, in einen Bunker zu gehen, und sagen: "Wir haben unser Leben schon gelebt." 

Video über die Erfahrungen ältere Menschen in der Ukraine auf Instagram:

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Wie kam es zu deinem ehrenamtlichen Engagement? 

Zu Beginn des Kriegs richtete die gemeinnützige Organisation Zhiznelyub eine Telefonhotline ein, damit ältere Menschen Lebensmittel oder Medikamente bestellen können, die dann von Ehrenamtlichen besorgt und ausgeliefert werden. Mittels einer Facebook-Werbeanzeige fand ich eine solche Gruppe Ehrenamtlicher in einem Stadtteil von Kiew.  

Wie hilfst du älteren Menschen?

Meine Aufgabe ist es, ihnen Lebensmittel und Medikamente zu bringen. Ich biete aber auch an, ihnen im Haushalt oder mit anderen dringenden Angelegenheiten zu helfen. Da ich ausgebildete Psychologin bin, versuche ich auch mir Zeit zu nehmen, um mit ihnen über ihre Ängste und Sorgen zu sprechen. 

Ich halte es für wichtig, dass Ehrenamtliche ihre Hilfe anbieten. Auch wenn es zum Beispiel nur darum geht, ein Fenster zu öffnen – wenn die Person beispielsweise eine Gehhilfe benutzt, ist das für sie unter Umständen schwierig. Oder vielleicht benötigt jemand Hilfe dabei, herauszufinden, wann die Rentenzahlung fällig ist. Ältere Menschen machen sich oft Sorgen, wenn ihre Rente nicht pünktlich gezahlt wird – denn es herrscht eine Knappheit an Geldscheinen und vor den Geldautomaten sind oft Schlangen, weshalb die Betroffenen befürchten, nicht genug Geld zu haben, um Lebensmittel oder Medikamente zu kaufen. 

In Kiew war es außerdem schwierig, an bestimmte Medikamente zu kommen. Viele Apotheken mussten aufgrund von Personalmangel schließen. Oft stellte ich mich stundenlang an, nur um dann an der Theke herauszufinden, dass nur eine Handvoll der von mir benötigten Medikamente verfügbar waren. Dann musste ich zu einer anderen Apotheke gehen, und immer so weiter. 

Es ist kalt im Haus, kein Wasser, kein Licht. Wir warten auf wärmeres Wetter. Wir liegen angezogen im Bett, meine Frau hat Tschernobyl überlebt und kann kaum laufen. Wir haben nicht versucht, uns irgendwo zu verstecken. Das habe ich aufgegeben, obwohl der Beschuss unglaublich heftig war.

Aber ich bin am Ende meines Lebens angelangt, mir ist alles egal. Erst gab es kein Gas mehr. Wir hatten eine kleine Gaskartusche für einen Campingkocher, damit konnten wir morgens ein wenig Tee machen und bangten, wie lange es noch reichten würde. Wir haben Borschtsch gekocht und versucht, wenig zu essen, damit es für eine Woche reichte. Es war schwer, wir konnten uns nicht vorstellen, wie schwer es sein würde.

Georgiy, 72 Jahre alt, aus Butscha in der Region Kiew

Wie können ältere Menschen psychologisch unterstützt werden?

Selbst eine 15- bis 20-minütige Unterhaltung kann sehr positive Auswirkungen auf ihren Geisteszustand haben. 

Während meines ersten ehrenamtlichen Einsatzes lernte ich Lyubov kennen, eine 90-jährige Frau, die wenige Monate vor dem Krieg aufgrund von Corona ihre Tochter und ihren Schwiegersohn verlor. Ihr Enkel war in Irpin und konnte keinen Kontakt mit seiner Großmutter aufnehmen. Sie erzählte viel über ihre Tochter und ihr Leben, und sprach offen über heftige Gefühle, mit denen sie zu kämpfen hatte. 

Herrscht momentan große Angst? 

Ja, und ich würde sagen, ganz besonders unter der älteren Generation. Das wird noch dadurch verstärkt, dass sie sich isoliert und einsam fühlen, da so viele Menschen um sie herum geflohen sind. So ist zum Beispiel nur noch ein Drittel meines Wohnhauses bewohnt. 

Meiner Erfahrung nach kommt es oft vor, dass ältere Menschen versuchen ihre Sorge dadurch zu lindern, dass sie einen Vorrat an Lebensmitteln und Medikamenten anlegen. Sie erinnern sich noch gut an die Zeit der Sowjetunion, als ständig Lebensmittelknappheit herrschte. So werde ich zum Beispiel oft gebeten, ein Dutzend Packungen Müsli, mehrere Brotlaibe und zahlreiche Medikamentenpackungen zu besorgen. Eine gut gefüllte Vorratskammer scheint ihnen zu helfen, sich sicherer zu fühlen. 

Ich kann keine Hamsterkäufe für sie tätigen. Gleichzeitig mache ich mir Sorgen, dass die Vorräte zur Neige gehen. Ich stelle mich bei der Apotheke an und habe ein schlechtes Gewissen, so viele Medikamente zu kaufen – vielleicht brauchen noch andere Leute in der Schlange dasselbe Medikament, und dann gibt es nicht genug für alle. Herzmedikamente und Antidepressiva sind immer schnell ausverkauft, und viele andere Medikamente stehen nur in kleinen Mengen zur Verfügung, wenn überhaupt. 

Am ersten Tag wurden wir heftig bombardiert – überall flogen Raketen durch die Luft. Erst eine, dann die nächste, und es schien, als würde jeden Moment das Dach zerstört werden. Die Fenster zersplitterten und wir versteckten uns in der Toilette, wo wir ununterbrochen beteten. Als die Panzer einrollten und Granaten abfeuerten, flogen durch die Wucht der Explosionen Schienen und Räder hier herein.

Wir hatten weder Brot noch Wasser. Am ersten Tag der Invasion, nach dem Beschuss, gab uns ein Mann drei Flaschen Wasser von einem Teich in der Nähe; wir tranken jeden Tag nur ein paar Tropfen davon. Ich weiß nicht, wie wir es letztlich überlebt haben.

Wir aßen einen Zwiebelsalat – Zwiebel, Essig und Leinöl – und konnten nicht genug davon bekommen. Im Kühlschrank war auch noch ein wenig Essen, das dann schlecht wurde, weil es keinen Strom und kein Gas mehr gab. Ab dem zweiten Tag war auch der Empfang für Festnetz und Mobiltelefon unterbrochen.

Vera, 76 Jahre alt, aus Butscha in der Region Kiew

Was würdest du denjenigen raten, die älteren Menschen helfen wollen?

Meiner Ansicht nach sollte als erster Schritt ein psychologischer Telefondienst für ältere Menschen eingerichtet werden. Diese Dienstleistung sollte umsonst sein, und ältere Menschen sollten auch von den Telefonkosten befreit sein. Zweitens sollten Ehrenamtliche für die Arbeit mit älteren Menschen ausgebildet werden, damit sie die nützlichsten Fähigkeiten erlernen. 

Eine einfache Unterhaltung kann den Gemütszustand einer älteren Person erheblich verbessern und ihr das Gefühl geben, dass jemand für sie da ist. 

Am wichtigsten ist es natürlich, für ihre Sicherheit zu sorgen, aber heutzutage ist es nirgendwo wirklich sicher. 

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