Aktuell Nigeria 16. März 2018

Ölgiganten ignorieren Öllecks monatelang

Drei Männer in Gummistiefeln stehen in einem schlammigen Gebiet im Nigerdelta, das von der Ölverschmutzung betroffen ist

Auswirkungen der Ölverschmutzung in der Region Gokana im Nigerdelta im September 2015

Durch ein wegweisendes Projekt von Amnesty International konnten Indizien für einen fahrlässigen und unverantwortlichen Umgang mit Öllecks im Nigerdelta seitens der Ölgiganten Shell und Eni offengelegt werden.

Das sogenannte Decoder-Netzwerk ermöglicht die freiwillige Teilnahme an Menschenrechtsnachforschungen. Darüber gelang es Amnesty, mehr als 3.000 Unterstützerinnen und Unterstützer, Aktivistinnen und Aktivisten zu gewinnen, um Daten über Öllecks im Nigerdelta zu sammeln. Die Ergebnisse wurden anschließend von Amnesty International analysiert und von Accufacts, einem unabhängigen Pipeline-Experten, verifiziert.

Bei der systematischen Überprüfung der öffentlich zugänglichen Berichte über Öllecks von Shell und des italienischen Ölkonzerns Eni konnte Amnesty International aufdecken, dass die Konzerne oft Wochen brauchen, um auf die Meldung eines Lecks zu reagieren. Auch die veröffentlichten Informationen über die Ursache und das Ausmaß eines Lecks sind irreführend, was zur Folge haben kann,dass anliegende Gemeinden keine entsprechenden Entschädigungszahlungen erhalten.

"Shell und Eni behaupten, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um Öllecks zu verhindern, aber Nachforschungen der Decoder lassen andere Schlüsse zu. Sie haben herausgefunden, dass die Firmen Meldungen über Öllecks oft monatelang ignorieren. In einem Fall hat Eni mehr als ein Jahr gebraucht, um zu reagieren. Das Nigerdelta ist einer der am schlimmsten verschmutzten Orte der Welt, und es ist kaum zu glauben, dass die verantwortlichen Unternehmen immer noch dieses Maß an Nachlässigkeit an den Tag legen", sagt Mark Dummett, Researcher für Wirtschaft und Menschenrechte bei Amnesty International.

Amnesty International fordert die nigerianische Regierung jetzt auf, die Untersuchung von 89 Öllecks wiederaufzunehmen.

Die Tatsache, dass Eni und Shell nicht verlässliche Informationen über Ursache und Schwere der Lecks zu veröffentlichen scheinen, macht das Ganze nur noch schlimmer. Die Menschen im Nigerdelta haben den Preis für die Rücksichtslosigkeit von Shell und Eni schon zu lange bezahlt. Dank der Decoder sind wir einen Schritt näher daran, sie zur Rechenschaft zu ziehen.

Mark
Dummett
Researcher für Wirtschaft und Menschenrechte bei Amnesty International

Warum die Arbeit wichtig ist

Das Nigerdelta ist Afrikas wichtigste Ölförderungsregion und gleichzeitig einer der am schlimmsten ölverschmutzten Orte der Erde. Jedes Jahr belasten hunderte von Öllecks die Umwelt weiter und haben verheerende Auswirkungen auf die örtliche Bevölkerung. Die Menschen im Nigerdelta müssen verschmutztes Wasser trinken, damit kochen und waschen; sie essen Fisch, der mit Öl und anderen Giften verschmutzt ist; ihr Ackerland ist verschmutzt. Selbst die Luft ist vom Öl belastet. Auf Druck von Amnesty International für mehr Transparenz haben Shell und Eni in 2011 bzw. 2014 angefangen, Berichte über jedes Ölleck zu veröffentlichen. Berichte enthalten Details über die vermutete Ursache, den Ort und das Ausmaß des Schadens sowie Bildmaterial. Diese Berichte sind sehr wichtig, weil von ihnen eine eventuelle Entschädigungszahlung an die betroffene Gemeinde abhängt.

Bisherige Untersuchungen von Amnesty International haben gezeigt, dass die Angaben in diesen Berichten oft fehlerhaft sind. So hat Shell zum Beispiel die zwischen 2008 und 2009 ausgeflossene Menge an Öl in dem Fischerort Bodo mehrfach massiv unterschätzt und lediglich 4.000 Dollar Entschädigung bezahlt. Mit Hilfe von Amnesty hat die Bodo-Gemeinde vor Gericht Klage erhoben und Shell damit gezwungen, die richtige Menge Öl offenzulegen. Damit konnte eine Entschädigung von fast 77 Millionen Dollar erstritten werden.

Kreis mit dem Buchstaben i

 3.545 Decoder aus 142 Ländern weltweit beantworten 163.063 Fragen

Um diese Arbeit weiterzuführen und auch anderen Gemeinden helfen zu können, mussten im nächsten Schritt alle Berichte über Öllecks systematisch erfasst und überprüft werden. Das Problem: Hierbei handelt es sich um tausende Berichte und Bilder mit einer dementsprechenden Fülle zu verarbeitender Informationen – unmöglich allein durch Amnesty Researcher zu bewältigen!

Das ist der Moment, in dem die Decoder ins Spiel kamen. Indem diese große Arbeitsaufgabe in viele kleine Aufgaben unterteilt wurde, konnten 3.545 Leute aus 142 Ländern dabei helfen, die erste unabhängige, strukturierte Datenbank über Öllecks in Nigeria für den Zeitraum von 2011 bis 2017 zu erstellen. Wer sind die Decoder? Das kann jeder sein, der ein Smartphone oder einen Computer besitzt und sich für Menschenrechte engagieren will. Dadurch konnten, mit vereinten Kräften, innerhalb von 1.300 Stunden – einer Zeit, die sonst einer Vollzeitstelle für acht Monate entspricht – 163.063 Fragen beantwortet werden. 

"Das Decoder Projekt zeigt, was Menschen, die sich zusammenschließen, erreichen können. Indem sie nur wenige Minuten ihrer Zeit zur Verfügung stellen,helfen uns Aktivisten, diese Ölgiganten zur Rechenschaft zu ziehen", sagt Lena Rohrbach, Expertin für Wirtschaft und Menschenrechte bei Amnesty International Deutschland. Um sicherzustellen, dass die gesammelten Daten richtig sind, wurde jede Frage von mehreren Decodern bearbeitet, die Ergebnisse wurden anschließend von Amnesty-Researchern und einem unabhängigen Pipeline-Sicherheitsexperten überprüft. 

Zeichnung dreier Ausrufezeichen

Seit 2011 hat Shell 1.010 Lecks an seinen Pipelines und Bohrstationen gemeldet, durch die 17.5 Millionen Liter Öl ausgetreten sind.

Zeichnung dreier Ausrufezeichen

Eni hat seit 2014 820 Lecks gemeldet, durch die 4.1 Millionen Liter ausgeflossen sind.

Was die Decoder herausgefunden haben 

Seit 2011 hat Shell 1.010 Lecks an seinen Pipelines und Bohrstationen gemeldet, durch die 17.5 Millionen Liter Öl ausgetreten sind. Das entspricht in etwa dem Volumen von sieben olympischen Schwimmbecken. Eni hat seit 2014 820 Lecks gemeldet, durch die 4.1 Millionen Liter ausgeflossen sind. Das sind enorme Zahlen, aber wahrscheinlich immer noch eine durch Ungenauigkeiten entstehende Unterschätzung der wirklichen Menge an ausgelaufenem Öl.

Shell und Eni veröffentlichen irreführende Informationen:

Die Decoder haben die angegeben Ursachen für die Lecks untersucht, indem sie die Fotos genauer unter die Lupe genommen haben. Hierbei ist die Unterscheidung, ob es Eigen- oder Fremdverschulden war, entscheidend, da die Firmen bei Fremdverschulden keine Entschädigungszahlungen an die Betroffenen leisten müssen. Den Berichten der Ölfirmen zufolge ist die große Mehrheit der Lecks aufgrund Einwirkungen Dritter wie zum Beispiel Diebstahl entstanden. Doch die Decoder konnten 89 Fälle identifizieren, 46 von Shell und 43 von Eni, bei denen begründete Zweifel diesbezüglich angebracht sind. Wenn diese Fälle bestätigt werden, würde das bedeuten, dass Dutzende betroffene Gemeinschaften nicht die Entschädigung erhalten haben, die ihnen zusteht.

Zum Beispiel in diesem Fall: Eni hat angegeben, dass dieses Leck von Kriminellen verursacht worden sei, die Löcher in die Pipeline gebohrt haben sollen. Die genauere Untersuchung der Decoder hat jedoch gezeigt, dass sich die Löcher auf der Unterseite der Pipeline befinden, die unter der Erde verlegt war. Wie sollte eine Person mit einem Bohrer Zugriff dazu haben?

Außerdem sind die Löcher nicht sauber und gleichmäßig wie sie nach Benutzung eines Bohrers wären – sondern sehen eher aus, als wären sie durch Korrosion entstanden.

Doch selbst wenn die Einschätzung, dass es Fremdverschulden war, in einigen Fällen stimmt, entbindet das die Firmen nicht von ihrer Verantwortung. Alle Pipeline-Betreiber sind nach nigerianischem Gesetz dazu verpflichtet, die besten verfügbaren Technologien und Standards anzuwenden. Dazu gehört auch, die Pipelines vor Lecks durch Einwirkungen Dritter zu schützen – zum Beispiel durch eine verstärkte Überwachung. 
Die Ölkonzerne reagieren nicht schnell genug auf die Meldung eines Öllecks.

Zeichnung dreier Ausrufezeichen

Laut Regierungsrichtlinien sollten die Ölgiganten innerhalb von 24 Stunden nach Meldung des Lecks an der Stelle eintreffen. Doch die Analyse der Decoder zeigt, dass Shell die Richtlinie nur in 26 Prozent der Fälle eingehalten hat, Eni in 76 Prozent.

Unabhängig von der Ursache des Lecks sind Shell und Eni dafür verantwortlich, den verursachten Schaden einzugrenzen. Je schneller sie vor Ort sind, desto schneller können sie das Leck stoppen und damit beginnen, das Areal zu reinigen – laut Regierungsrichtlinien sollten sie innerhalb von 24 Stunden nach Meldung des Lecks an der Stelle eintreffen. Doch die Analyse der Decoder zeigt, dass Shell die Richtlinie nur in 26 Prozent der Fälle eingehalten hat, Eni in 76 Prozent. Im Durchschnitt brauchten die Firmen sieben Tage bis sie einen Lagebericht veröffentlichten. Die Daten zeigen auch, dass Shells Reaktion auf die Meldung eines Lecks immer langsamer wurde. In einem Fall dauerte es 252 Tage bis Shell das Leck untersuchte. 

Die Regierungsrichtlinien haben einen Grund. Je länger Firmen brauchen, um auf die Lecks zu reagieren, desto höher ist das Risiko, dass sich Öl bis in Nahrungs- und Wasserquellen ausbreitet, und Shell weiß das. Es ist undenkbar, dass sie so unverantwortlich wären, wenn ihr Öl in europäisches Land sickern würde.

Mark
Dummett
Researcher für Wirtschaft und Menschenrechte bei Amnesty International

Das Beweismaterial, das mit Hilfe der Decoder erarbeitet werden konnte, zeigt deutlich, dass Shell und Eni ihrer Verantwortung, die Menschenrechte der Bevölkerung im Nigerdelta zu achten, nicht nachkommen. 

Wie geht es weiter?

Amnesty International zeigt seit 2009 den Schaden auf, den die Ölindustrie der Bevölkerung im Nigerdelta zufügt, und wird sich auch weiterhin für sie stark machen. 
Der erste Schritt ist, die Ergebnisse des Decode Oil Spills-Projekts der Regierung Nigerias vorzustellen und eine Wiederaufnahme der Untersuchungen der 89 Ölleck-Fälle, deren angegebene Ursache zweifelhaft ist, zu fordern.

Wenn sich bewahrheitet, dass die Einschätzung der Lecks falsch war, sollten die Gemeinden die entsprechende Entschädigung bekommen, die ihnen zusteht. Des Weiteren fordert Amnesty International die nigerianische Regierung auf, ihre Regulierungen der Ölindustrie weiter deutlich auszubauen. Dazu gehört auch, dass die Ölleck-Behörde der Regierung die Mittel erhält, um sicherstellen zu können, dass die Firmen ihrer Pflicht nachkommen, Lecks zu verhindern und zu reinigen. 

Die Heimatländer von Shell und Eni – Großbritannien, die Niederlande und Italien – spielen ebenfalls eine wichtige Rolle dabei. Sie sollten die nigerianische Regierung besser unterstützen und Rohstoffkonzerne, deren Hauptsitz in ihrem Land liegt, gesetzlich dazu zu verpflichten, menschenrechtlich basierte Sorgfaltspflichten einzuhalten.

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#Nigerdelta ist einer der am schlimmsten verschmutzten Orte der Erde, aber @Shell und @eni spielen das Problem nach wie vor herunter. Tausende Aktivistinnen und Aktivisten gehen dagegen vor: http://bit.ly/2GMhjQd

Die Öl-Giganten @Shell und @eni verschmutzen das #Nigerdelta seit Jahren. Tausende Aktivistinnen und Aktivisten aus der ganzen Welt nehmen es jetzt mit ihnen auf – finde heraus wie: http://bit.ly/2GMhjQd

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