11. März 2020

Was kann ich tun bei rassistischen Angriffen?

Eine Frau steht in einer Gasse und hält ein Schild, auf dem "Nimm Rassismus persönlich" steht

Amnesty-Aktivistin bei der #unteilbar-Demo in Dresden im August 2019

Wenn Menschen in der Öffentlichkeit aus rassistischen Gründen beschimpft oder angegriffen werden – zum Beispiel wegen ihres Äußeren, ihrer Sprache, vermeintlichen Religion oder Herkunft –, dann verurteilen das viele im Stillen, aber zu wenige zeigen Haltung und schreiten ein. Oft sind wir verunsichert: Wann muss ich etwas tun? Wie mache ich das, ohne mich aufzudrängen? Gefährde ich mich selbst?

Doch es ist wichtig, dass wir in solchen Momenten eingreifen, uns mit den Betroffenen solidarisieren und deutlich machen: Rassismus muss von allen entschieden zurückgewiesen werden. Für die Betroffenen ist das Schweigen der Umstehenden oft genauso schlimm wie die Angriffe. Daher hier ein paar Empfehlungen, wie du Betroffenen in solchen Momenten zur Seite stehen kannst.

1. Wann sollte ich eingreifen?

Rassistische Angriffe können vielfältig sein – von Ungleichbehandlung über das Benutzen von rassistischen Begriffen wie das N*Wort, Beleidigungen wegen des Tragens von Kopftuch oder Kippa, direkte Angriffe wie "Haut ab aus diesem Land!" bis hin zu körperlicher Gewalt. Welches Verhalten, welche Äußerung rassistisch ist, ist dabei manch mal gar nicht so einfach zu erkennen. Entscheidend ist die Wahrnehmung der Betroffenen. Für Menschen, die bislang wenig oder keine Erfahrungen mit Rassismus gemacht haben, ist es daher wichtig, den Betroffenen zuzuhören und sich mit ihren Sichtweisen und Erfahrungen auseinanderzusetzen. Schau dir zum Beispiel unsere Serie kurzer Videos mit Betroffenen an unter amnesty.de/alltagsrassismus-protokolliert

Aber es gibt keine klare Regel im Sinne von: Jetzt ist die Grenze überschritten. Daher vertraue auf dein Bauchgefühl. Meist haben wir alle ein gutes Gespür dafür, ob hier jemand aggressiv angegangen und beleidigt wird.

Du musst auch gar nicht unbedingt entscheiden, ob es sich um einen rassistischen Angriff handelt, wenn du der betroffenen Person einfach deine Unterstützung anbietest.

2. Überwinde deine Zuschauer Rolle und misch dich ein!

Je mehr Menschen bei einem Angriff anwesend sind, desto seltener mischen sich Menschen ein – offenbar hofft jede_r, dass jemand anderes handeln wird. Oder wir denken, es geht uns nichts an. Mach dir das bewusst und nimm Kontakt zu den Umstehenden auf. Die meisten Menschen warten, bis jemand anderes den Mut zum Handeln aufbringt. Du kannst diese Person sein und damit einen großen Unterschied machen.

3. Beschimpfungen: Sei bei der angegriffenen Person!

Es ist vor allem wichtig, der angegriffenen Person zu zeigen, dass sie nicht allein ist. Richte daher deine volle Aufmerksamkeit auf sie. Setz dich neben sie, sag "Hallo" und beginn ein Gespräch über irgendein Thema – das Wetter oder den letzten Film, den du gesehen hast. Bleib dabei ruhig und zugewandt.

Frag die angegriffene Person, ob sie Unterstützung möchte und ob du dich einmischen sollst. Manche wünschen das vielleicht gar nicht. In diesem Fall schenke dem bzw. der Angreifer_in keine Aufmerksamkeit – ohne die Person aber aus dem Blick zu verlieren. Wende dich weiter der angegriffenen Person zu und bleib mit ihr in Kontakt. Die ausbleibende Reaktion von euch wird den bzw. die Angreifer_in in vielen Fällen irgendwann dazu bewegen, sich zu entfernen.

4. Sprich nur für dich selbst!

Wenn du die Zustimmung hast, selbst auf die Beschimpfungen zu antworten, sprich nur aus deiner eigenen Perspektive. Oft reden Leute für den Menschen, der angegriffen wurde. Das hält die Betroffenen davon ab, sich selbst zu wehren – was sie wahrscheinlich tun würden, wenn sie von Umstehenden Unterstützung erfahren.

Wenn zum Beispiel eine Frau wegen ihres Kopftuchs beleidigt wird, erkläre nicht, dass sie es aus religiösen Gründen trägt. Stattdessen kannst du sagen, dass alle Menschen sich so kleiden können, wie sie möchten. Sag etwas wie "Mich stören Ihre rassistischen Kommentare. Hören Sie bitte damit auf!"

5. Körperliche Angriffe: Sorg für Aufmerksamkeit!

Mach Lärm, ruf "Stopp! Aufhören!", rede laut in dein Telefon oder filme die Situation mit dem Handy. Mach irgendetwas, das für Aufmerksamkeit sorgt und dem bzw. der Täter_in zeigt, dass seine bzw. ihre Worte und Handlungen beobachtet werden. Oder fordere andere Menschen zum Helfen auf – zum Beispiel die Busfahrerin zu informieren, notfalls die Polizei zu rufen. Sprich sie dabei direkt an: "Sie dort in der grünen Jacke, bitte helfen Sie!" In den meisten Fällen sind die Menschen, die den Angriff verurteilen, in der Mehrheit.

Auch hier: Sprich mit der betroffenen Person so viel wie möglich. Du solltest nur körperlich eingreifen, wenn du dafür aus gebildet bist. Deine eigene Sicherheit sollte Priorität haben. Aber nichts zu tun ist keine Option. Wenn niemand einschreitet, wird rassistische Gewalt normalisiert.

6. Hilfe rufen, filmen und melden!

In vielen Fällen von Gewalt: Ruf die Polizei, das Sicherheitspersonal oder andere verantwortliche Personen! Überlass das direkte Eingreifen den Behörden, statt dich selbst in Gefahr zu bringen. Falls möglich, sprich jedoch erst mit dem angegriffenen Menschen, bevor du die Polizei rufst. Er könnte bereits rassistische Erfahrungen mit den Sicherheitsbehörden gemacht haben oder es aus anderen Gründen nicht wollen.

Filme den Angriff wenn möglich mit dem Handy: Das sorgt nicht nur für Aufmerksamkeit, du erstellst damit auch wichtiges Beweismaterial, das später für die Verurteilung der Täter_innen erforderlich ist. Aber veröffentliche das Video danach auf keinen Fall in den sozialen Medien.

7. Nach dem Angriff: Unterstützung anbieten!

Bleib bei dem angegriffenen Menschen, bis der bzw. die Täter_in weg ist, und begleite ihn – falls gewünscht – an einen sicheren Ort. Oft setzt erst nach dem Angriff der Schock ein. Frag die Person, wie es ihr geht und was du für sie tun kannst. Biete ihr an, gemeinsam Kontakt zu einer Beratungsstelle aufzunehmen, wo der Vorfall gemeldet werden kann und sie weitere professionelle Unterstützung bekommt. Eine Übersicht über Beratungsstellen findest du hier: verband-brg.de/beratung/#beratungsstellen

Beratungsstellen helfen auch zu entscheiden, ob Anzeige erstattet oder eine Dienstaufsichtsbeschwerde beim Polizeipräsidium eingereicht werden sollte, wenn sich die Polizei rassistisch verhalten hat. Rassistische Übergriffe werden bisher viel zu selten angezeigt. In jedem Fall kannst du dich der betroffenen Person als Zeug_in anbieten.

8. Dranbleiben!

Wenn du dich bei rassistischen Angriffen einmischst, schützt du nicht nur die unmittelbar Betroffenen. Du trägst auch dazu bei, dass Rassismus in unserer Gesellschaft nicht weiter normalisiert, sondern beim Namen genannt und verurteilt wird. Das ist auch wichtig, wenn gerade keine Betroffenen anwesend sind.

Bleib also dran, informiere dich über Alltagsrassismus in Deutschland und die Sichtweisen von Betroffenen. Ob gewollt oder ungewollt, wir alle handeln im Alltag rassistisch. Dies bei anderen – und vor allem bei uns selbst – zu erkennen ist aber gar nicht so einfach.

Ein paar Tipps und mehr zum Thema Alltagsrassismus findest du unter amnesty.de/gegen-rassismus

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