Ukraine-Krieg: Russland rekrutiert ausländische Staatsangehörige mit Zwang und Täuschung
Ein russischer Soldat in einem Artillerie-Unterstand bei einem Kampfeinsatz in der ukrainischen Region Cherson (7. November 2025)
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Russland wirbt mit Täuschung, Zwang und Ausbeutung Menschen aus dem Ausland für seine Streitkräfte an und schickt sie in den Krieg gegen die Ukraine. In vielen Fällen erfüllt dies den Tatbestand des Menschenhandels. Das belegt ein Briefing, das Amnesty International heute veröffentlicht hat. Ins Visier geraten vor allem Menschen aus einkommensschwachen Ländern des Globalen Südens.
Für die Recherche hat Amnesty zwischen 2024 und 2026 in zwei ukrainischen Kriegsgefangenenlagern Aussagen von Betroffenen aus Brasilien, Kolumbien, Kuba, Ägypten, Sierra Leone, Sri Lanka, Somalia und Südafrika aufgenommen. Des Weiteren erhielt Amnesty Informationen von ausländischen Staatsangehörigen, die derzeit bei den russischen Streitkräften dienen, von Angehörigen sowie Rechtsanwält*innen, Menschenrechtsverteidiger*innen und Journalist*innen.
"Verheizt als Kanonenfutter"
"Russlands Armee füllt ihre Reihen mit ausländischen Staatsangehörigen auf, die in wirtschaftlicher Not sind, und verheizt sie als Kanonenfutter im Angriffskrieg gegen die Ukraine. Ausbeutung und Zwang gehen so weit, dass wir in vielen Fällen von Menschenhandel im Sinne des Palermo-Protokolls der Vereinten Nationen sprechen müssen", sagt Julia Duchrow, Generalsekretärin von Amnesty International in Deutschland.
Mit falschen Versprechungen gelockt
Die Anwerber locken ihre Opfer häufig mit der Aussicht auf einen zivilen Job nach Russland – als Fahrer, Koch, Wachmann oder als Fachkraft in Logistik, Bau und IT. Dazu werden oft hohe Gehälter und eine schnelle russische Staatsbürgerschaft in Aussicht gestellt. So ging ein Mann aus Sri Lanka davon aus, einen zivilen Job als Sicherheitsmann anzutreten; stattdessen wurde er bei Ankunft in Moskau gedrängt, einen russischsprachigen Vertrag zu unterschreiben. Er kam unmittelbar an die Front und geriet nach weniger als zwei Wochen in Gefangenschaft. Ein Südafrikaner hatte den Auftrag erhalten, in Moskau einen Lkw abzuholen und nach Polen zu bringen. Als er in Russland ankam, wurde ihm mitgeteilt, dass er Soldat werde.
Ein russischer Soldat bei einer Militärübung in dem von Russland besetzten Teil der ukrainischen Region Saporischschja (10. August 2026).
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Nach der Unterzeichnung eines Vertrags, dessen Inhalt die meisten Betroffenen nicht verstehen können, nehmen die Vorgesetzten den ausländischen Staatsangehörigen regelmäßig ihre Pässe und Mobiltelefone ab, schränken ihre Bewegungsfreiheit drastisch ein und drohen mit Gefängnis oder Tod, sollten diese versuchen zu fliehen. Die meisten kommen nach nur zwei Wochen Ausbildung in ein aktives Kampfgebiet, ohne ausreichende Ausrüstung und ohne gemeinsame Sprache mit ihren Vorgesetzten. Von den versprochenen Löhnen und Prämien erhielten die meisten nichts. Auch die Not von Migrant*innen und Geflüchteten in Russland wird ausgenutzt. Wem das Visum abgelaufen ist oder wer in Haft sitzt, dem wird ein Militärvertrag – oft für eine angeblich nichtkämpfende Unterstützungsaufgabe fern von der Front – als Ausweg aus Abschiebung oder Gefängnis angeboten.
Was fordert Amnesty International?
"Russlands Rekrutierungs-Netzwerke erreichen vulnerable Bevölkerungsgruppen auf der ganzen Welt und hinterlassen eine erschütternde Spur aus Ausbeutung, Verlust und Leid. Alle Verantwortlichen müssen zur Rechenschaft gezogen werden – die unmittelbar Beteiligten wie die Mitwissenden, ob private Anwerber*innen, Vermittler*innen Beamt*innen oder militärische Befehlshabende", so Julia Duchrow.
Amnesty International fordert Russland auf, diese missbräuchliche und menschenrechtswidrige Praxis sofort zu beenden. Regierungen, deren Staatsangehörige betroffen oder gefährdet sind, müssen öffentlich vor solchen Anwerbemaschen warnen und die Menschen wirksam schützen. Der Bericht richtet auch Empfehlungen an die ukrainischen Behörden, unter anderem zum Umgang mit Drittstaatsangehörigen in Kriegsgefangenschaft.
Hinweis: Im Mai 2025 untersagten die russischen Behörden Amnesty International jede Tätigkeit im Land und stellten die Arbeit der Organisation unter Strafe. Frei recherchieren kann Amnesty in Russland seither nicht mehr – auch nicht zu dem Vorwurf staatsnaher russischer Medien, ukrainische Anwerber gingen ähnlich vor.