Aktuell 18. Juni 2015

Aktuell im Kino

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"Die Darstellung von Armut und Gewalt trägt eine politische Botschaft"

Wagner Moura in "Trash"

Wagner Moura ist der derzeit bekannteste Schauspieler Brasiliens. Sein neuer Film "Trash", ein rasanter Thriller, thematisiert die großen sozialen Unterschiede im Land. Kein Wunder, er spielt auf einer Müllkippe.

Herr Moura, Ihr neuer Film "Trash" handelt von dem, was der Titel verspricht: Abfall. Er ist die Lebensgrundlage zahlreicher Menschen, die in den Favelas auf einer riesigen Mülldeponie in Rio de Janeiro leben. Ist das für die Menschen dort eine gewöhnliche Situation?

Der Film ist ein Märchen, das an die brasilianische Wirklichkeit angelehnt ist: Ja, es gibt Menschen in Rio, die von dem leben, was sie auf dem Müll finden, aber die meisten Menschen, die in den Favelas leben, haben gewöhnliche Jobs in der Stadt. In einer großen Favela wie zum Beispiel Rocinha gibt es Restaurants, Geschäfte und Dienstleister wie in jedem anderen Stadtteil auch.

Aber nirgendwo sonst werden Filme auf Mülldeponien gedreht. Lucy Walker hat für ihren Dokumentarfilm "Waste Land", der auf der Mülldeponie Jardim Gramacho gedreht wurde, 2010 den Amnesty-Filmpreis auf der Berlinale gewonnen. Und in "Trash" haben ganze Familien ihre Häuser im Dreck. Hat der Müll eine besondere Bedeutung in Brasiliens Kino?

Eigentlich gibt’s hier Filme jedweder Art. Aus irgendeinem Grund werden aber immer die gewaltsamen Filme, die in den Favelas spielen, von den großen Filmfestivals oder für den internationalen Verkauf ausgewählt. Natürlich gibt es hier eine Tradition des politischen Films: In den Sechziger Jahren gab es die Bewegung "Cinema Novo", die durch und durch politische Filme im Stil des italienischen Neorealismus hervorbrachte. Filme wie "City of God" und "Tropa de Elite" sind mit dieser Tradition eng verbunden, auch wenn sie sich unter Liebhabern des Gangsterfilms großer Beliebtheit erfreuen und in Europa beinahe Kultstatus genießen. Die Darstellung von Armut und Gewalt trägt natürlich eine politische Botschaft und ist Teil der Filmtradition.

Dementsprechend tritt der Ermittlungsbeamte in "Trash" ebenfalls als Bösewicht in Erscheinung. Was denkt man in Brasilien über die Polizei?

Sie existiert seit jeher, um den Staat zu beschützen, nicht die Menschen – insbesondere nicht die Armen. Sie wurden immer als Bedrohung für den Staat betrachtet, also ist die Polizei darauf geschult, sie gar nicht erst als echte Bürger wahrzunehmen. Es stimmt, dass die Polizisten extrem gewalttätig und korrupt sind. Sie werden schlecht bezahlt und sind sehr schlecht ausgebildet. Die Institution Polizei hat einen ganz schlechten Ruf.

Brasilien steht auf dem Sprung hin zur großen Industrienation. Elend und unendlicher Reichtum bilden das Spektrum ein und derselben Kultur. Wie erleben Sie diese gesellschaftliche Breite selbst?

Soziale Unterschiede waren schon immer das größte Problem in diesem Land. Brasilien ist die siebtgrößte Volkswirtschaft der Welt, auf dem "Human Development Index" steht es aber auf den unteren Plätzen. In den vergangenen zehn Jahren haben wir mit Sozialprogrammen und durch die Stabilisierung der Wirtschaft große Fortschritte erzielt, aber Brasilien ist immer noch ein Land, in dem es sehr ungerecht zugeht.

Sie sind einer der Prominenten, die einen offenen Brief unterzeichnet haben. Darin fordern Sie Politiker auf, den diesjährigen UN-Gipfel dazu zu nutzen, die Lebensbedingungen auf der Erde zu verbessern. Extreme Armut und Ungleichheit sollen erfolgreich bekämpft, der Klimawandel aufgehalten werden. Glauben Sie an einen Erfolg?

Den müssen wir unbedingt haben! Es ist schwierig, Politiker eines reichen Landes davon zu überzeugen, dass extreme Armut bekämpft werden muss. Denn sie neigen dazu zu glauben, dass dies nicht zu ihren Aufgaben gehört. Das wird immer die große Herausforderung sein. Die Auswirkungen der globalen Erwärmung betreffen allerdings alle zusammen.

Hat Ihr soziales Engagement in irgendeiner Weise Einfluss auf die Rollen, die Sie annehmen?

Ich interessiere mich für komplexe Charakterrollen aller Art. Ich bewerte sie nicht. Wenn ich durch den Film jedoch einer sozialen Sache dienen konnte, umso besser.

Sie spielen ganz gern recht körperliche Charaktere – wie den brutalen Capitão Nascimento im Berlinale-Gewinner "Tropa de Elite"; Auftragskiller waren sie auch schon. In "Trash" wird ihre Figur gar ermordet, demnächst spielen Sie den Drogenbaron Pablo Escobar. Was fasziniert Sie an der Darstellung von Korruption, Gewalt und ihren Auswirkungen?

In Lateinamerika sind Gewalt und Korruption Teil unseres Alltags. Diese Rollen sind die logische Folge. Ich habe aber auch eine Vielzahl von Rollen gespielt, die weder mit Gewalt noch mit Korruption zu tun hatten - aber diese Filme wird man in Europa wahrscheinlich nie zu sehen bekommen!

Sie sind von der Ausbildung her eigentlich Journalist. Wenn Sie in diesem Beruf arbeiten würden, welche Geschichten kämen dabei heraus?

Im Journalismus muss man auf den Alltag schauen, darauf, was passiert auf der Welt in diesem Moment. Ja, diese Eindrücke sind auch für einen Schauspieler ganz wichtiges Arbeitsmaterial.

Was müssen die Leser eines deutschen Magazins zum Thema Menschenrechte über Ihre Arbeit als Schauspieler wissen?

Ich habe einen wunderbaren Film in Berlin gedreht: "Praia do Futuro". Ich liebe Berlin und ich habe mich mit Clemens Schick angefreundet. In Brasilien, das ja ein sehr konservatives Land ist, hat der Film viel Polemik entfacht, Schick und ich spielen darin ein schwules Paar. Der Film hat eine wichtige Rolle im Kampf für die Rechte von Homosexuellen in Brasilien gespielt. Und übrigens: Es gibt darin weder Gewalt noch Korruption!

Von Jürgen Kiontke

„Trash“. BRA/GB 2014. Regie: Stephen Daldry. Darsteller: Wagner Moura, Selton Mello. Kinostart: 18. Juni 2015

Hier geht es zur Zusammenfassung des Films.
Hier geht es zur offiziellen Website des Films.

Wagner Maniçoba de Moura, 39, ist ein brasilianischer Film-, Fernseh- und Theaterschauspieler, der vor allem in sozialkritischen Rollen wirkt. In seinen Filmen steht oft die die Kritik an alltäglicher Gewalt und Korruption im Vordergrund.
Zunächst studierte er Journalismus an der Universidade Federal da Bahia, entschied sich dann aber für eine Karriere als Schauspieler. In Europa erlangte er vor allem mit der Hauptrolle des depressiven Polizeikommandanten Nascimento in José Padilhas Film "Tropa de Elite" (BRA 2008) Berühmtheit; der mit seinen brutalen Kollegen in den Slums von Rio anlässlich eines Papstbesuchs aufräumt (Amnesty Journal 8-2009). Der Film gewann den Godenen Bären der Berlinale 2008.
Zuletzt war er in Karim Aïnouz‘ "Praia do Futuro" (BRA/D 2014) zu sehen, der sich mit dem Thema Migration auseinandersetzt (Amnesty Journal 10-2014).

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