Aktuell Guatemala 25. März 2015

Menschenrechtsfilmfestival

Menschenrechtsfilmfestival
Die Last des Friedens

Regisseur Uli Stelzner mit Jungregisseurin Ana Maria Escobar und Jungregisseur Eric Spanky

31. März 2015 - Das Internationale Menschenrechtsfilmfestival "Erinnerung. Wahrheit. Gerechtigkeit" in Guatemala hat sich in den fünf Jahren seines Bestehens zum wichtigsten zivilgesellschaftlichen Diskussionsforum im Land entwickelt. Dieses Jahr allerdings wird es "ins Exil" gehen, zunächst nach Berlin und dann in lateinamerikanische Nachbarländer. Denn die Zensur und Selbstzensur guatemaltekischer Produktionen erreichten 2014 ein Ausmaß, das die Existenz des Festivals in Frage stellt.

Comandante Tito steht inmitten von Leichen. Gelbstichige Filmbilder aus den 1980er Jahren zeigen niemand Geringeren als den heutigen guatemaltekischen Präsidenten Otto Pérez Molina inmitten von Indigenen, die von der Armee ermordet wurden. 6.000 Menschen sehen die in Guatemala bislang unbekannten Aufnahmen im Frühjahr 2010 im Nationalpalast, einer Festung mit blank gewienerten Mosaiken und pompösen Kronleuchtern im Innern. Dort, wo Diktator Efraín Ríos Montt fast drei Jahrzehnte zuvor die erste Pressekonferenz nach der Machtübernahme gab. Die Zeiten haben sich gewandelt – und sie wandeln sich doch nicht. Kurz vor Beginn des ersten Filmfestivals "Erinnerung. Wahrheit. Gerechtigkeit" gab es eine Bombendrohung. Und irgendjemand kappte den Strom.

Von Anfang an hatte das Menschenrechtsfestival keinen leichten Stand in einem Land, dem 36 Jahre Bürgerkriegsvergangenheit eisiges gesellschaftliches Schweigen auferlegt hatten. Doch es füllte die Stille mit einer Debatte – genau in den Jahren, die für die justizielle Vergangenheitsaufarbeitung maßgeblich werden sollten. Im Kinosaal trafen Regisseure, Akademiker, Unternehmer, Vertreter sozialer Bewegungen und ehemalige Guerillaangehörige auf die Nachkriegsgeneration, die die Konflikte der Vergangenheit bislang nur erahnt. Schauplatz des zivilgesellschaftlichen Austauschs war das alteingesessenen Kino Capitol in der Fußgängerzone von Guatemala-Stadt, in der abends und am Wochenende die Menschen flanieren. Der große Kinosaal 2 war dann zumeist bis auf den letzten Platz belegt.

Rund 45.000 Zuschauer in fünf Jahren machen "Erinnerung. Wahrheit. Gerechtigkeit" nicht nur zum größten Festival Zentralamerikas, sondern auch zum Menschenrechtsfestival mit den meisten Besuchern in ganz Lateinamerika. Über die Leinwand flimmern neben Aufnahmen aus dem Bürgerkrieg nationale und internationale Gegenwartsproduktionen zu Migration und Ressourcenboom. Globale Thematiken, die in dem kleinen Land von großer Relevanz sind. So zeigte das Festival vor zwei Jahren die Weltpremiere von "Gold Fever", eine Dokumentation über die größte Goldmine Zentralamerikas und die Menschenrechtsverletzungen, die mit der Ausbeutung durch das kanadische Unternehmen Goldcorp einhergehen. Die Protagonisten waren anwesend und berichteten von der Verfolgung, denen die indigenen Gemeinden Guatemalas im Zeichen der Megaprojekte des Weltmarkts heute erneut ausgesetzt sind.

Rund 45.000 Zuschauer in fünf Jahren machen "Erinnerung. Wahrheit. Gerechtigkeit" zum größten Festival Zentralamerikas.

Rund 45.000 Zuschauer in fünf Jahren machen "Erinnerung. Wahrheit. Gerechtigkeit" zum größten Festival Zentralamerikas.

Regionale Filmemacher wie Guillermo Escalón mahnen angesichts dessen an, dass Kino in Zentralamerika mutig und innovativ sein muss: "Angst sollten wir nur davor haben, schlechte Filme zu produzieren." Doch die politische Realität hat das Menschenrechtsfestival mittlerweile eingeholt. Zu nahe ist der Dokumentarfilm an der Wirklichkeit, den sozialen Kämpfen und gesellschaftlichen Konflikten des Landes und zeigt sie in einem schonungslosen Licht. Wie der Film "B-Boy for Life", der das kreative Engagement von Breakdancern und ehemaligen weiblichen Gangmitgliedern gegen die Gewalt in den Armenvierteln der Hauptstadt zeigt. Oder "Burden of Peace", ein Porträt der ehemaligen Obersten Staatsanwältin Claudia Paz y Paz, die nicht nur das Justizsystem von Korruption befreite, sondern auch den historischen Genozidprozess gegen Ríos Montt ermöglichte. Sie wurde vorzeitig aus dem Amt entlassen und lebt heute im Exil. Beide Filme können in Guatemala nicht gezeigt werden. Filmschaffende und Protagonistinnen fürchten um ihr Leben.

Die Jungregisseure Eric Spanky Gálvez und Ana María Escobar zeigten hingegen keine Angst, ihr Erstlingswerk zur Diskussion zu stellen. Ihre Doku über Schülerproteste gegen Bildungsprivatisierungen brachte die sozialen Kämpfe der jüngeren Generation auf die große Leinwand. Der Einsatz vermummter Polizeitrupps gegen Minderjährige in Schuluniform hatte ein Nachspiel im Kinosaal. Jugendliche Aktivisten und Sympathisanten konnten sich im Frühjahr 2014 vor Begeisterung kaum in den roten Kinosesseln halten, als auf der Leinwand ein Mädchen in weißen Kniestrümpfen mutig gegen den schwarzen Beinpanzer eines Polizisten kickt. Die Stimmung im Cine Capitol war ausgelassen, während hinter den Kulissen die Drähte der Regierungstelefone heiß liefen. Die Erziehungsministerin untersagte staatlichen Schulen den Besuch des Festivals. Im Kultusministerium rollten Köpfe. Eine weitere Finanzierung von Regierungsseite rückte in weite Ferne.

"Ein Menschenrechtsfilmfestival macht keinen Sinn, wenn zwar internationale, jedoch keine guatemaltekischen Produktionen gezeigt werden können", so Uli Stelzner. Der deutsche Filmemacher dreht seit zwanzig Jahren sozialkritische Filme in Guatemala und hat das Festival mit Kollegen der lokalen Filmszene aus der Taufe gehoben. Seit dem Genozidprozess gegen Ríos Montt im Mai 2013 habe sich die Menschenrechtslage in Guatemala dramatisch verschlechtert. Drohungen und Übergriffe gegen zivilgesellschaftliche Organisationen häufen sich. "Damit einher ging eine beispielhafte Medienkampagne gegen Menschenrechtsaktivisten jeglicher Couleur", konstatiert Stelzner. Kritische Filme seien in Guatemala derzeit nicht erwünscht. So wandert das Festival dieses Jahr ins Exil. Eine nachvollziehbare Entscheidung, um ein kulturpolitisches Signal nach Guatemala zu senden und international Aufmerksamkeit und Solidarität zu schaffen.

Gerade die Filme, die in Guatemala im vergangenen Jahr nicht gezeigt werden konnten, sind Ende April in Berlin zu sehen. Zur 6. Auflage des Festivals sind Filmemacher und Protagonisten eingeladen: Das Festival bleibt seiner Devise treu, in den Dialog zu treten. Auch zahlreiche deutsche Nichtregierungsorganisationen, politische Stiftungen und Initiativen werden bei den europäischen Erstaufführungen und den anschließenden Diskussionen anwesend sein. "Im Juni sollen die Filme in Buenos Aires zu sehen sein und Ende des Jahres in einem zentralamerikanischen Nachbarland." Dort sollen Filme über die dramatische Zunahme von Gewalt, Straflosigkeit und Repression in der mittelamerikanischen Region im Vordergrund stehen, die immer mehr Menschen in die Flucht treibt.

Kommen Sie zu den zahlreichen Filmvorführungen des Filmfestivals "Krtitisches Kino Zentralamerika - Menschenrechtsfilmfestival im Exil" vom 28. April bis 3. Mai 2015 in Berlin, Moviemento-Kino!

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Hier finden Sie weitere Informationen und das Programm zum "Menschenrechtsfilmfestival Guatemala im Exil"]

Veranstaltet von Menschenrechtsfilmfestival Guatemala und Gruppe ISKA e.V., Berlin, Amnesty International ist Kooperationspartner

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