Aktuell 30. Januar 2015

Alltag von Flüchtlingen

Alltag von Flüchtlingen
Mansour Aalam: "Nähe muss man sich erarbeiten"

Kein Krieg, keine Zerstörung, keine Armut. Aber auch kein Leben

02. Februar 2015 - Sie treten aus ihrem Asylbewerberheim und sind konfrontiert mit - nichts. Kein Krieg, keine Zerstörung, keine Armut. Aber auch kein Leben. Viele Unterkünfte in Bayern sind überfüllt, viele Flüchtlinge dürfen nicht in eigene Wohnungen ziehen, dürfen nicht arbeiten. Nicht einmal den Regierungsbezirk, in dem sie untergebracht sind, dürfen sie in Bayern verlassen. Ihr Leben steht still.

Um Asyl zu erwirken, traten Flüchtlinge im vergangenen Sommer auf dem Münchner Rindermarkt in den Hungerstreik. Was bewegt Menschen, die es aus ihrer kriegszerstörten Heimat sicher nach Deutschland geschafft haben, zu einer solch extremen Form des Protests? Eine Fotoreportage von Mansour Aalam zeigt, dass ein Heim nicht auch daheim bedeutet. Wir haben mit ihm gesprochen.

Viele ihrer Fotos sind Porträts. Sie zeigen Flüchtlinge sehr privat, sehr nah. Wie hat sich der Kontakt zu ihnen ergeben?

Im Juni 2013 demonstrierten Flüchtlinge aus ganz Bayern in München und forderten die Abschaffung der Residenzpflicht, der Essenspakete und ein Ende der Zwangsunterbringung in Sammelunterkünften. Spontan bildete sich ein Protestcamp mitten in der Innenstadt und viele der Flüchtlinge traten in den Hungerstreik, um die Anerkennung ihres Asylantrags zu erzwingen. Ich habe die Geschehnisse bis zur Räumung des Camps durch die Polizei verfolgt und mich mit einigen der Hungerstreikenden unterhalten. Auch nach ihrer Rückkehr in die Heime hielt ich Kontakt zu ihnen und habe sie mehrfach besucht. So konnte sich über Monate hinweg ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis einwickeln. Das ist die Bedingung für persönliche Bilder und auch für die Integrität der Geschichte. Nähe muss man sich erarbeiten und verdienen. Der Großteil meiner Arbeit findet ohne Kamera statt.

Das Leben in den Heimen erscheint als eine endlose Warteschleife. Sie machen konsequent nur Schwarz-Weiß-Aufnahmen und verstärken damit diesen Eindruck. Gibt es außer Resignation und Trostlosigkeit auch Empörung, Wut oder Verzweiflung in dieser Umgebung?

Die Gefühlslage bewegt sich auf einem sehr schmalen Grat zwischen Hoffnung, Verzweiflung und Unverständnis. Manche Menschen laufen zudem Gefahr, sich nach mehreren Jahren ohne Perspektive und ohne Privatsphäre zu verlieren. Die psychische Belastung ist immens. Von Wut und Empörung kann ich selbst nicht berichten. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass Menschen auch auf diese Weise reagieren können. Die Flüchtlinge, die ich kennengelernt habe, wollen die Möglichkeit bekommen, ein ganz normales Leben in Sicherheit und Freiheit zu führen. Sie wollen arbeiten, für sich selbst sorgen, vielleicht eine Familie gründen, und sie verstehen nicht, warum das nicht gehen soll.

Aktuell gibt es in der Presse viele Fotos von Zeltunterkünften etwa in Nürnberg, in denen Flüchtlinge untergebracht sind. Sind die Zustände in diesen Unterkünften nicht viel skandalöser?

Die Situation in den Erstaufnahmestellen und in den Unterkünften ist skandalös. Die Bayerische Landesregierung hat in den vergangenen Jahren nichts getan, um besser vorbereitet zu sein. Allein den Menschen vor Ort und ihrem unermüdlichen Engagement ist es zu verdanken, dass die Lage nicht noch schlimmer ist. Es ist wichtig, dass Journalisten das dokumentieren. Meine Arbeit zielt allerdings auf ein anderes Thema: Ich stelle mir die Frage, was Menschen, die vor Krieg und Verfolgung in das sichere Deutschland geflohen sind, dazu bringt, die extreme Protestform des trockenen Hungerstreiks zu wählen. Es stellt sich die Frage, was ein Mensch auf Dauer zum Leben braucht? Etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf reichen nicht, wenn die Perspektive völlig fehlt.

Ihre trostlosen, menschenleeren Landschaftsaufnahmen aus der bayerischen Provinz ziehen einen in den Bann. Aber haben Sie auch Einwohner aus Tirschenreuth oder Weiden kennengelernt? Oder existiert in der Umgebung der Flüchtlingsheime gar keine "Außenwelt" mehr?

Der Eindruck, den die Umgebung auf einen Menschen macht, hängt von seiner Lebenssituation ab. Ich erinnere mich, dass ich die Landschaft als sehr schön und beruhigend wahrnahm, als ich das erste Mal in Tirschenreuth aus dem Bus stieg. Nach mehreren Tagen vor Ort und vielen Gesprächen verstand ich aber auch, warum es sich so trostlos und einsam anfühlen kann. Die Einwohner der beiden Orte habe ich als freundlich erlebt. Es ist sicher keine Geschichte über bewusstes Ausgrenzen. Ich stelle nicht die Schuldfrage. Ich suche Aspekte, die zusammengenommen zu der gegenwärtigen Situation führen.

Ihre anderen Fotoserien widmen sich dem krisengeschüttelten Alltag in Griechenland oder Straßenprotesten in Spanien. Wie wählen Sie Ihre Themen?

Mich bewegen vor allem soziale und gesellschaftliche Themen. Dabei interessiert mich weniger, was gerade passiert, sondern warum etwas passiert, und was es für die Menschen und ihr Leben bedeutet.

In einer Serie zeigen Sie Porträts von Fußballfans. Was verbindet diese "Subkultur" mit Ihren anderen Arbeiten zu Flüchtlingen und Krisenstaaten?

Ich bin seit meiner Kindheit Werder Bremen-Fan. Mich haben schon immer die Energie in der Fankurve und die Hingabe der Fans fasziniert, besonders bei Auswärtsspielen: Genau das wollte ich in den Mittelpunkt rücken. Und an dieser Stelle schließt sich der Kreis zu meinen anderen Geschichten. Nach Griechenland reiste ich, um der Berichterstattung über die vermeintlich "faulen Griechen" in Teilen der deutschen Presse einen anderen Blickwinkel entgegenzusetzen. Was ich in meinen Bildern einfing, wich beträchtlich von dem ab, was ich in vielen deutschen Medien erfuhr. Umso wichtiger war es mir, diesen Blickwinkel anderen mitzuteilen - und im Idealfall auch mit anderen zu teilen.

Fragen: Andreas Koob und Anton Landgraf

Über den Fotografen

Mansour Aalam

Mansour Aalam

Mansour Aalam wurde 1980 in Teheran (Iran) geboren und wuchs in Hamburg auf. Nach dem Studium der Wirtschafts- und Politikwissenschaften in Deutschland, Italien und der Schweiz, lebt und arbeitet Mansour Aalam nun in München. In seinen Fotoreportagen beschäftigt er sich vorwiegend mit gesellschaftlichen und sozialen Themen. www.mansouraalam.de

Alle Bilder von Mansour Aalam, www.mansouraalam.de; Text und Bildunterschriften von Carolina Torres für sueddeutsche.de

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