Aktuell Deutschland 26. März 2014

Raus aus dem Abseits

Das interkulturelle Projekt »Champions ohne Grenzen« bietet Flüchtlingen und Asylsuchenden in Berlin die Möglichkeit, gemeinsam und mit Einheimischen Fußball zu spielen und ihren oft tristen Alltag zu ­vergessen.

Von Daniel Kreuz

Schon als kleiner Junge spielte Sumon* begeistert Fußball. In seiner Heimat Bangladesch kickte er mit seinen Freunden auf Feldern und Wiesen, mit improvisierten Toren und Bällen, die sie aus Plastik und Kleidungsfetzen zusammengeflickt hatten. Seit Ende 2010 lebt Sumon in Deutschland. Und die Freude am Fußball gehört zu den wenigen Dingen, die ihm von seinem alten Leben geblieben sind.

Der heute 28-Jährige musste aus Bangladesch fliehen und seine Familie zurücklassen. Alles, was er mitnehmen konnte, passte in einen Koffer. Der Journalist hatte wegen seiner Artikel und Recherchen Morddrohungen erhalten. Von den Behörden konnte er keinen Schutz erwarten, sie waren höchstwahrscheinlich selbst verwickelt. Deshalb beantragte er in Deutschland Asyl. Seitdem kann er nichts anderes tun als warten, denn arbeiten gehen darf er laut Gesetz nicht.

Doch dank des Fußballs hat er zumindest für einige Stunden in der Woche eine neue Heimat gefunden: Jeden Mittwoch schnürt Sumon in Berlin-Kreuzberg seine Fußballschuhe für die »Champions ohne Grenzen«. Das interkulturelle Fußballprojekt ist ein offenes und kostenloses Trainingsangebot, das Flüchtlingen und Asylbewerbern eine Abwechslung zu ihrem oft tristen Alltag bieten und sie aus der gesellschaftlichen Isolation herausholen möchte. Im April 2012 wurde das Projekt von dem Verein »… weil Fussball verbindet« ins Leben gerufen, den Kunstrasenplatz stellt der FSV Hansa 07 Berlin zur Verfügung. Finanziert wird das Projekt durch Fördergelder und Spenden.

Die meisten Teammitglieder sind Männer, aber auch Frauen machen mit. Mittlerweile nehmen im Durchschnitt an die 30 Spieler und Spielerinnen am Training teil, insgesamt gibt es einen Pool von rund 50 »Champions«. Der Großteil stammt aus Afghanistan, Iran und Mali, andere kommen aus Kamerun, Irak oder Syrien. Auch Deutsche mit und ohne Migrationshintergrund spielen bei den »Champions« mit, die regelmäßig an Fußballturnieren teilnehmen und Freundschaftsspiele bestreiten.

Carolin Gaffron gehört zu den Gründerinnen des Projekts. Die 32-Jährige hat einen Abschluss in Soziokulturellen Studien und spielt seit ihrem zwölften Lebensjahr Fußball. Gemeinsam mit Arne Sprengel, der ebenfalls bei »Champions ohne Grenzen« aktiv ist, leitet sie das Training: »Es sind 90 Minuten, in denen die Flüchtlinge und Asylsuchenden nicht über ihre Situation und ihre Sorgen nachdenken müssen oder über das, was sie Schreckliches in ihrer Heimat oder auf der Flucht erlebt haben. Bei uns können sie 90 Minuten an Fußball denken und abschalten.«

Und bei den 90 Minuten bleibt es nicht – denn es geht um mehr als Fußball: Die Organisatoren unterstützen die Flüchtlinge, wenn sie Schwierigkeiten haben, einen Sprachkurs zu finden, oder bringen sie in Kontakt mit Beratungsstellen, wenn es rechtliche oder gesundheitliche Probleme gibt.

Die Spieler unterstützen sich auch gegenseitig und übernehmen Verantwortung – diese Selbstbestimmung und Teilhabe auf Augenhöhe wird ihnen von den Behörden nur allzu oft verwehrt. Zwischen Trainern und Spielern sind viele Freundschaften entstanden. Und einige Spieler leiten mittlerweile selbst Fußballtrainings für Flüchtlingskinder.

Ein paar Spieler haben bereits in ihren Heimatländern in höherklassigen Ligen gespielt. Die »Champions« sind zwar eine Freizeitmannschaft, aber das Niveau ist hoch, wie Gaffron erklärt: »Wir haben bei uns Spieler, da würden sich andere Teams freuen, sie in ihrer Mannschaft zu haben.«

Sumon ist ein technisch versierter Spieler, der im Training viel Einsatz zeigt: »Am liebsten bin ich Innenverteidiger.« Auch in Bangladesch war Sumon Verteidiger – dort verteidigte er die Rechte von Minderheiten und Schwachen. Als Buddhist gehörte er in dem muslimisch dominierten Land selbst einer Minderheit an: »Wir haben es in meiner Heimat sehr schwer.« Mit seiner Arbeit wollte der Journalist zeigen, dass sich Minderheiten mit der Verletzung ihrer Rechte nicht abfinden müssen.

Er berichtete kritisch über Diskriminierung und über radikale Islamisten, aber auch über korrupte Beamte und Politiker und gefälschte Wahlen. Mehrmals erhielt er Morddrohungen. Eines Tages wurde er auf offener Straße entführt und stundenlang geschlagen. Man drohte ihm mit dem Tod, sollte er seine Arbeit nicht einstellen. Die Folgen der Misshandlung lassen sich noch heute auf seinem Hinterkopf erkennen. Sumon vermutet, dass die Täter Mitarbeiter eines Geheimdienstes waren.

Einige Wochen später wurde er nach Deutschland eingeladen, um an einer Universität über die eingeschränkte Meinungsfreiheit in Bangladesch zu berichten. Trotz der drohenden Gefahr wollte er danach zurückkehren, doch seine Familie riet ihm, in Deutschland zu bleiben: »Du bist hier nicht mehr sicher.« Er beschloss daher, Asyl zu beantragen.

Die erste Zeit in Deutschland verbachte Sumon in einer abgelegenen Sammelunterkunft, fast ohne Kontakt zur Bevölkerung: »Ich kam mir vor wie ein Gefangener.« Sumon wurde infolge der Isolation und der unsicheren Situation psychisch krank. Ein Schicksal, das er mit einigen der »Champions« teilt.

Trotz allem ist Sumon ein aufgeschlossener Mensch geblieben, der viel lacht, egal ob auf oder neben dem Fußballplatz. Jede Woche freut er sich auf das Training: »Hier kann ich meine Sorgen und den Stress ein wenig vergessen. Dafür bin ich allen hier sehr dankbar. Die Champions sind für mich wie eine Familie geworden.«

Eine Familie, in der vor allem Deutsch gesprochen wird. Zwar hört man im Training auch immer mal wieder Französisch, Arabisch oder Dari, aber die Anweisungen von Trainerin und Trainer kommen auf Deutsch. Und auch die meisten Spieler unterhalten sich untereinander auf Deutsch, oder sie übersetzen füreinander. Und wenn es mal nicht funktioniert, verständigen sie sich eben mit Händen und Füßen, erzählt Gaffron: »Irgendwie klappt es immer. Fußball ist schließlich eine Sprache, die weltweit jeder versteht – und die jeder spricht.«

*Name von der Redaktion geändert

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