Aktuell 04. Dezember 2013

Zentralafrikanische Republik: Die Welt muss eine Katastrophe verhindern!

Flüchtlingslager in der Nähe von Bossangoa

Flüchtlingslager in der Nähe von Bossangoa

Von Salil Shetty, Generalsekretär von Amnesty International

04. Dezember 2013 - Fast 500.000 Menschen mussten fliehen, mehr als eine Million hungern, Tausende wurden misshandelt, Hunderte Kinder zum Kampf gezwungen - schnell wurde die Situation in der Zentralafrikanischen Republik als "drohende Katastrophe", "komplettes Chaos" oder "Leiden jenseits der Vorstellungskraft" bezeichnet.

Doch es fehlen effektive internationale Maßnahmen um die Zivilbevölkerung zu schützen und eine menschenrechtliche Katastrophe mit weitreichenden Konsequenzen zu verhindern.

Momentan befinden sich nur 2.500 Soldaten einer Mission der Zentralafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft ECCAS zur Friedenssicherung im Land. Dabei ist der Bedarf viel größer. Im Nordwesten von Bossangoa suchen 40.000 Menschen in einer katholischen Mission Unterschlupf. Dabei werden sie nur von ein paar schlecht ausgerüsteten Soldaten vor drohenden Überfällen beschützt.

In der Nähe von Bouca befinden sich über 2.000 Menschen, die vor der Gewalt geflohen sind, in einer ähnlichen Situation.

Bei einer Gesamtbevölkerungszahl von 4,6 Millionen sind diese Zahlen für sich genommen schon erschreckend, doch sie erzählen nur die halbe Geschichte. Denn dahinter stecken Namen, Gesichter, ganze Leben. Sie sind alle jemandes Mutter, Bruder, Sohn oder Tochter, die sich an das Leben klammern, während die Welt noch immer nicht handelt.

Der UN-Sicherheitsrat ist bemüht, die Situation unter Kontrolle zu bringen und berät aktuell über das Thema. Es wird erwartet, dass französischen Truppen und denen der Afrikanischen Union in dieser Woche das Mandat erteilt wird, gegen die Sicherheitskräfte und bewaffneten Gruppierungen vorzugehen, welche für die Misshandlungen und Menschenrechtsverletzungen verantwortlich sind. Trotzdem könnte eine vollständige UN-Friedensmission notwendig sein um die Krise zu überwinden.

Langfristig ist eine solche Friedensmission der einzige Weg Zivilisten zu schützen und der Zentralafrikanischen Republik über dieses dunkle Kapitel ihrer Geschichte hinwegzuhelfen.

Wenn die Welt jedoch nicht die Initiative ergreift, wird der Staat komplett zusammenbrechen – mit all den undenkbaren Konsequenzen für die Bewohner und die Region. Weiteres Warten führt nur zu noch mehr Leid und verringert die Erfolgsaussichten einer Friedensmission.

Seit fast einem Jahr litten die Bewohner Zentralafrikas bereits, ohne dass die Weltöffentlichkeit etwas davon mitbekommen hätte, als im Dezember 2012 mehrere bewaffnete Gruppen unter dem Namen Seleka gegen den damaligen Präsidenten Francois Bozizé putschten.

Seit Seleka im März 2013 an die Macht kam, hat die Gewaltspirale nicht aufgehört sich zu drehen. Die Situation geriet außer Kontrolle, sodass es sich mittlerweile um einen weitgehend gesetzlosen Staat handelt.

Das Land hat eine traurige Tradition von Menschenrechtsverletzungen und Misshandlungen durch die Regierung und bewaffnete Gruppen. In den meisten dieser Fälle, die unrechtmäßige Tötungen, sexuelle Gewalt und die Rekrutierung von Kindersoldaten einschließen, wurde nie ermittelt.

Die Zusammenstöße zwischen der muslimischen Minderheit, die momentan an der Macht ist, und der christlichen Mehrheit werden aller Wahrscheinlichkeit nach ebenfalls weiter eskalieren.

Neben der Friedensmission muss ein Waffenembargo eingerichtet werden, denn
der starke Zuwachs an Kleinwaffen macht alles nur noch schlimmer. Knappe 20.000 ehemalige Seleka-Kämpfer und Mitglieder anderer Gruppen haben sehr leichten Zugang zu Waffen. Sogar in der Hauptstadt Bangui sind Tötungen am helllichten Tag keine Seltenheit mehr.

Doch dies alles ist kaum überraschend. Seit Jahren dokumentiert Amnesty International die unberechenbare Menschenrechtssituation in Zentralafrika. Letzten Oktober warnten wir vor der drohenden Krise mit einem Bericht über die beispiellose Bandbreite der Menschenrechtsverletzungen seit dem Regierungsumsturz.

Anfang November veröffentlichten wir Satellitenbilder, die hunderte niedergebrannte Häuser zeigten. Die früheren Bewohner wurden vertrieben.

Niemand wird für die aktuellen oder vergangenen Ereignisse zur Rechenschaft gezogen. In der Zentralafrikanischen Republik herrscht Straflosigkeit. Diese katastrophale Situation droht, Zentralafrika komplett im Chaos versinken zu lassen. In dem Moment, in dem Sie diesen Text lesen, werden Menschen getötet, Frauen vergewaltigt und Kinder gezwungen zu kämpfen.

Die Entscheidung, die die UN zu treffen hat, wird nicht leicht sein, aber sie ist bitter nötig. Es verlangt Mut und Entschlossenheit, die Augen nicht vor dieser humanitären Katastrophe zu verschließen.

Die Welt muss jetzt handeln. Die Menschen in der Zentralafrikanischen Republik stehen vor dem Abgrund. Sie können nicht länger warten.

Weitere Artikel