Kultur Israel und besetzte Gebiete 22. Juni 2010

Fotografie als Aktivismus

Die Auslöser
Vordergründige Idylle. Mauer zwischen dem palästinensischen Dorf Anata und der israelischen Siedlung Pisgat Ze'ev

Vordergründige Idylle. Mauer zwischen dem palästinensischen Dorf Anata und der israelischen Siedlung Pisgat Ze'ev

Das internationale Fotografen-Kollektiv ActiveStills macht mit seiner Arbeit in Israel auf Menschenrechtsverletzungen im israelisch-palästinensischen Konflikt aufmerksam.

Idyllisch wirkt die Momentaufnahme, fast friedlich. Weiße und pinkfarbene Blumen umsäumen den Plastikrasen einer Verkehrsinsel, aus deren Mitte ein alter Olivenbaum ragt. Im Hintergrund schmiegen sich sandfarbene, mehrstöckige Häuser an einen Hügel. Wären da nicht die grauen, meterhohen Betonstreben der Grenzmauer. Hinter der Mauer liegt das palästinensische Dorf Anata, im Westjordanland nahe Jerusalem. Vor der Mauer die israelische Siedlung Pisgat Ze’ev.

"Das ist eines meiner Lieblingsbilder", sagt Oren Ziv, Mitglied des Fotografenkollektivs ActiveStills aus Israel. "Es ist sehr symbolisch. Alle Aspekte des Konflikts spiegeln sich darin wider. Aber es ist statisch. Dort sind keine Soldaten zu sehen, die auf Menschen schießen", kommentiert er.

ActiveStills - Der Name ist Programm

Ansonsten ist die Arbeit von ActiveStills alles andere als statisch. Ihr Name ist Programm. "Wir sind professionelle Fotografen und nutzen das Mittel der Fotografie als eine Form des Aktivismus. Mit unserer Fotografie versuchen wir, Dinge zu verändern. An objektive Fotografie glauben wir nicht", erklärt Oren. Oren Ziv und Yotam Ronen sind gerade in ihre Wohnung in einem belebten Stadtteil Tel Avivs zurückgekehrt. Sie waren im Negev, um die Lebenssituation der Beduinen in deren nicht anerkannten Siedlungen fotografisch festzuhalten.

Ob es um eine Demonstration gegen die Grenzmauer geht, ein Gerichtsverfahren gegen palästinensische Aktivisten, die ­Situation sudanesischer Flüchtlinge oder Paraden für Rechte von Lesben und Schwulen: ActiveStills sind vor Ort, mitten im Geschehen. "Wenn Grundrechte verletzt werden, versuchen wir darüber zu berichten. Das ist unsere Art, Rechtsverletzungen zu zeigen", sagt Yotam Ronen. "So möchten wir Menschen zum Handeln auffordern, zur Unterstützung der Unterdrückten."

Angefangen hat alles in dem kleinen Dorf Bil’in in der Westbank 2005. Jeden Freitag treffen sich dort Aktivisten aus aller Welt, um gegen den Grenzzaun zu demonstrieren. Der trennt dort mehr als 60 Prozent des Ackerlands, das überwiegend mit Olivenbäumen bepflanzt ist, von seinen Bewohnern. Bil’in wurde zum Symbol für den Protest gegen die Grenzanlagen. "Dort haben wir uns getroffen. Und dort entstand die Idee für ein ­unabhängiges Kollektiv für Dokumentarfotografie", erläutert Yotam.

Elf Fotografen und Fotografinnen zwischen 20 und 35 Jahren aus Israel, Argentinien und Frankreich, die in Tel Aviv, Bethlehem und Jerusalem leben, arbeiten heute im Kollektiv mit. Außerdem kooperieren ActiveStills mit einer palästinen­sischen Fotografin aus dem Gaza-Streifen.

Dokumentieren und aktivieren

"Wir sehen uns als Teil der verschiedenen Kämpfe und ­versuchen sie mit Hilfe der Fotografie zu unterstützen." So beschreibt Oren den Ansatz von ActiveStills. "Über viele Proteste wird in den etablierten Medien nicht berichtet", sagt er. Für das Kollektiv bedeutet das zweierlei: "Auf der einen Seite dokumentieren wir die täglichen Demonstrationen, Aktionen oder Proteste. Und dann widmen wir uns anderen Themen. Vielleicht findet in dem Zusammenhang noch kein täglicher Protest statt, aber wir gehen dorthin und dokumentieren das Thema. Entweder weil wir denken, dass dort ein Protest starten sollte oder weil wir der Meinung sind, dass Menschen auf das, was dort passiert, aufmerksam gemacht werden sollten", erklärt Oren.

In der Auseinandersetzung um Aufmerksamkeit für bekannte und unbekannte Proteste und Probleme sind ActiveStills kreativ. Sie tragen die Demonstrationen von der Straße zurück in die Straße. Sie plakatieren: Ihre Bilder finden sich an Mauern, Hauswänden und Gebäuden im öffentlichen Raum. Auch für die Straßen-Ausstellungen war Bil’in der Auslöser. Zwar konnten ActiveStills ihre Arbeiten zu Bil’in in einer Galerie in Tel Aviv aushängen, "aber wer besucht eine Ausstellung noch nach der Eröffnung", fragt Yotam. So werde nur ein bestimmtes Publikum erreicht.

Außerdem seien solche Ausstellungen immer kostspielig. "Für das gleiche Geld können wir zahlreiche, gute Laserausdrucke in Farbe machen und sie öffentlich plakatieren. Ohne ­offizielle Genehmigung, versteht sich. Das machen wir nachts", berichtet Yotam und grinst. Die Fotografinnen und Fotografen wollen direkt mit der Öffentlichkeit kommunizieren. "Menschen müssen es einfach sehen. Und dann reagieren sie. Einige reißen die Fotos ab, zerkratzen sie oder schreiben etwas darauf. Das sind für uns Kommentare zu unserer Arbeit. Die Fotos aus den militärisch besetzten Gebieten werden schnell abgerissen. Am längsten haben die Fotos zur Situation der sudanesischen Flüchtlinge in Israel gehangen", sagt Yotam.

Auch das Internet spielt eine wichtige Rolle in der Arbeit von ActiveStills. "Wir versuchen täglich im Internet zu veröffentlichen, bevor Prozesse zu Ende gehen. Viele machen Dokumentationen, die erst ein Jahr später veröffentlicht werden, wenn die Menschen bereits von ihrem Land vertrieben wurden oder der Zaun fertig gestellt ist", so Oren. ActiveStills ist es wichtig, Vorgänge zu beeinflussen, während sie stattfinden.

Palästinenser und Israelis zusammenbringen

Obwohl sich ActiveStills auf alternative Verbreitungsformen konzentrieren und ihre Bilder auch NGOs zur Verfügung stellen, sehen sie auch die Macht der Mainstream-Medien. Schließlich arbeitet ein Teil des Kollektivs für die etablierte Presse. "In Israel sehen Aktivisten die Medien anders als in Europa. Hier wird die Presse zu Aktionen eingeladen. Für palästinensische Aktivisten ist es besonders wichtig, dass Kameras vor Ort sind. Manchmal bedeutet das weniger Gewalt von Seiten der israelischen Armee", sagt Oren. Und manchmal sind ActiveStills auch Verbindungsglied. "Wenn es um geheime Aktionen geht, werden wir angerufen", sagt Yotam. "Aber viele Agenturen schätzen es nicht, dass wir Fotografie als ein politisches Mittel sehen und nicht nur als ökonomisches oder künstlerisches", fügt er hinzu

An Demonstrationen teilzunehmen ist nicht immer ungefährlich. "Mitglieder unseres Kollektivs sind verhaftet und verletzt worden", erläutert Yotam. Damit seien in der Westbank und den militärisch besetzten Gebieten alle Fotografen konfrontiert, besonders die palästinensischen. Auf dem Regal hinter ihm liegt eine Gasmaske. "Die brauchen wir tatsächlich. Wenn die Armee Tränengas versprüht, kannst du kaum noch atmen", erzählt er und greift sich an den Hals, "geschweige denn fotografieren."

In den täglichen Herausforderungen haben ActiveStills eine Vision: "Uns ist es wichtig, eine Verbindung zwischen Palästinensern und Israelis herzustellen. Täglich. Nicht nur als Fotografen, sondern auch als Aktivisten. Vor einigen Jahren war es nicht üblich, dass Israelis sich mit Palästinensern zusammentun und von der palästinensischen Seite kommen, um gegen die Teilung zu protestieren. So hoffen wir, ein wenig die Abgrenzungspolitik bekämpfen zu können", erklärt Oren. Mitte März sprach die israelische Regierung ein Demonstrationsverbot für Bil’in aus. ActiveStills sind trotzdem wieder vor Ort und drücken auf die Auslöser.

Von Nina Schulz, Amnesty Journal Juni 2010 Die Autorin ist freie Journalistin und lebt in Hamburg.

www.activestills.org/; www.flickr.com/photos/activestills/

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